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würde sie gewiss den Anselm, von dem sie nun einmal nicht lassen könne, bald heiraten, und dann würde dieser liederliche Kerl das schöne Vermögen in ein paar Jahren durchbringen, so wie er ja sein eigenes Vermögen in kurzer Zeit durch die Gurgel gejagt habe.

Hier fasste der schlaue Erbschleicher seinen Mann gerade da, wo er am leichtesten festzuhalten war; denn Sophiens Mann liebte sein Geld, im Leben und nach dem tod, fast noch mehr als sich selbst; und seitdem er die Geschicklichkeit seines Freundes Hiffer im Trinken zu erreichen so emsig als vergebens beflissen war, fühlte er, so sehr er sich es zu verhehlen suchte, er möchte doch vielleicht bald von seinem lieben Gelde scheiden müssen. Da kam es ihm denn schon ziemlich bitter an, dass alles seiner Frau zufallen sollte, die eine so schlechte Wirtin war, dass sie vermutlich heimlich Geld an einen Menschen schickte, der ihm eine reiche Erbschaft entzogen hatte. Wenn er aber vollends daran dachte, seine Frau möchte nach seinem tod sein liebes Geld ganz mit diesem Erbschaftsdieb teilen, dem er nicht eines Guldens Wert gönnte, so hätte er mögen aus der Haut fahren.

Er hatte schon längst überlegt, dass seit dem Limnichschen Testamente die beiderseitigen Vermögensumstände sich gänzlich umgekehrt hatten, und es deshalb schon längst sehr natürlich gefunden, dass sie nun von ihm eigentlich gar nichts erben müsste, da er nur sehr wenig von ihr erben konnte. Er hatte nur nicht recht gewusst, wie es anzufangen sei, um sein Testament abzuändern, weil er das aufsehen scheute, das erregt werden würde, wenn er sein Testament in Limnich zurücknähme. Die Nachrede der Leute kümmerte ihn eben so sehr nicht. Seine Hauptsorge war: seine Frau, die er ganz nach sich selbst beurteilte, würde alsdann gewiss auch ihr ihm vorteilhaftes Testament zurücknehmen. So gering auch ihr Vermögen gegen seines war, so wollte er doch nicht das Recht, es auf allen Fall zu erben, aufgeben. Aber auch hier erhielt er von seinem rechtsgelehrten Trinkfreunde, der ihn so schlau wider seine Frau aufgebracht hatte, die beste Anleitung, sie zu überlisten. Sein Rat war nämlich, in einem zwei Meilen entlegenen Städtchen ganz in der Stille ein neues Testament niederzulegen, worin das vorige für ungültig erklärt und eine andere Verordnung gemacht würde. Hiffer war mit dem Richter dieses Städtchens genau bekannt und wusste, es nicht nur sehr vorsichtiger Weise so zu veranstalten, dass die Errichtung und gerichtliche Niederlegung dieses zweiten Testaments ganz unbekannt blieb, sondern auch seine Ratschläge und Eingebungen so gut mit der Flasche zu verbinden und zu unterstützen, dass der Inhalt des Testaments, ganz nach seinem so klug angelegten Plane, zu seinem eigenen Vorteile gereichte. Denn nun musste das grosse Vermögen nebst der hübschen Frau sein werden, und auf den schlimmsten Fall erhielt er doch gewiss das Vermögen, womit er denn, wenn es nicht anders sein könnte, ohne die hübsche Frau zufrieden zu sein sich vornahm. Aber in welcher schrecklichen Lage befand sich nun die gute Sophie! Sie sah ihr Verderben vor sich, wohin sie ihre Augen richtete. Heiratete sie den Elenden, so machte sie sich in der zweiten Hälfte ihres Lebens noch unglücklicher als in der ersten; tat sie es nicht, so war sie beinahe ganz verarmt. Und noch würde sie gern Armut dem Unglücke vorgezogen haben, mit einem schlechten Menschen verbunden zu sein. Sie hätte lieber auf die frugaleste Art von ihrer hände Arbeit gelebt. Aber der Gedanke, ihren Kindern durch eigene Entäusserung wohl zu tun, machte ihr Mut, zu deren Bestem lieber ihr eigenes Unglück zu wählen. Denn sonst war der grösste teil des Vermögens für ihre Kinder verloren, und um den übrigen teil hätte ein so nichtswürdiger Vormund auch dieselben zu bringen gewusst, wenn sie ihm nicht noch Einhalt tun könnte; das war vorauszusehen. Zudem wäre die Erziehung der Kinder diesem schlechten Menschen ganz überlassen geblieben. War sie hingegen dessen Gattin, so konnte sie ihren Kindern noch das geben, was mehr wert ist als Vermögen: gute Erziehung und gute Gesinnungen. Sie fasste also einen Entschluss, traurig für sich selbst, aber ihren Kindern vorteilhaft.

Ihre vormalige Zuneigung zu Anselm kam hierbei wenig in Betrachtung. Wäre diese auch noch in ihrer völligen Stärke gewesen, so hätte sie doch unter solchen Umständen der Liebe zu ihren Kindern weichen müssen. Aber schon bei ihres Mannes Lebzeiten hatte sie auf den treulosen Bericht von Anselms Verbindung mit der Signora Bellonia und wegen des widrigen Lichts, worin das unschuldige Geschenk ihres Bildnisses ihren Charakter in ihres Mannes Augen gesetzt hatte, sich fest entschlossen, diese Zuneigung ganz aus ihrem Herzen zu verbannen. Zwar war seit einigen Tagen durch Philipps Erzählung der wahren Beschaffenheit der Vorfälle in Düsseldorf und nachher in der gräflichen Residenz Anselms Schuld bei ihr nicht wenig gemindert worden. Sie sah nun ein, dass er nicht niederträchtig, obgleich höchst unbesonnen, gehandelt hatte. Philipp wagte auch jetzt ihr zuzureden, dass sie nicht die Ruhe ihres ganzen übrigen Lebens bloss der Absicht, ihren Kindern ein grösseres Vermögen zu erhalten, aufopfern müsse. Er stellte ihr vor: die Kinder behielten selbst durch das Pflichtteil eine nicht unbeträchtliche Summe, die schon bis zu ihrer Grossjährigkeit rechtlich zu sichern sein würde. Er setzte hinzu: Ihre Erziehung würde man der leiblichen Mutter nicht nehmen können, und Hiffer würde, wenn er nur das Geld bekäme, sich auch vielleicht darum weiter nicht bekümmern. Nun wagte er es, für Anselm, der sie noch immer unaussprechlich liebte und den