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es sei möglich, dass er dennoch der Ihrige würde, wie wenn er denn wieder eine Torheit oder Unbedachtsamkeit beginge, die sein ganzes häusliches Glück umstürzte? Alsdann würde er auch das Glück dieser edlen Frau umstürzen! Er erlag unter dem Gedanken, dass dies geschehen könne; und gleichwohl sah er ein, es würde dazu nichts mehr als eine einzige von den Unbedachtsamkeiten gehören, deren er schon so manche begangen hatte.

Philipp, der einen teil seiner Gedanken erriet, tröstete ihn wegen der Gesinnungen Sophiens gegen ihn durch die Versicherung, sie würden gewiss unveränderlich sein. In Absicht der eigenen Gesinnungen unsers dicken Mannes aber las ihm Philipp zum ersten Male eine recht derbe Sittenlehre. Anselm stimmte so sehr mit ein, beschuldigte sich selbst so sehr, verzweifelte selbst so sehr an seiner Festigkeit in guten Entschlüssen, dass Philipp ihn nun wieder aufzurichten suchte. »Du wirst«, fügte Philipp hinzu, »nicht wieder eine Torheit begehen, die dich unglücklich macht. dafür bürgen mir teils dein ausgestandenes Elend, das dich vorsichtiger machen wird, noch mehr aber deine Liebe zu Sophien. Der Mensch, der einzeln steht und nur auf sich selbst siehet, kann leichtsinnig sein und Torheiten begehen; denn er nimmt allenfalls über sich, die Folgen zu ertragen, wenn er sie gleich nicht vorher bedenkt. Aber einem andern die Folgen seiner Torheiten aufzubürden, widersteht jedem, der nicht ganz verworfen ist. Daher hat die Vorsicht verordnet, dass sich Mann und Weib lieben sollen, damit sie beide weiser und dadurch glücklicher werden

Sie kamen in Köln an. Sophie empfing sie viel ernstafter, als sie gedacht hatten. Die schöne Witwe errötete, als Anselm unvermerkt in ihr Zimmer trat. Sie umarmte ihn zwar, nach einem augenblicklichen Bedenken, als ihren nächsten Verwandten; aber es war etwas Feierliches und sehr Zurückhaltendes in ihrem Wesen. Die kurze Zeit, die erst seit dem tod ihres Mannes verstrichen war, der Wohlstand, die Pflichten gegen ihre Kinder, die Ungewissheit und die Wichtigkeit der Schritte, welche sie würde tun müssen und die sie zum teil dunkel atmete, alles mochte dies wohl hervorbringen. Anselm aber legte es anders aus, und die Hoffnung, die er unter Weges geschöpft hatte, verlor sich beinahe ganz; selbst Philipp ward wegen ihrer Gesinnungen etwas irre.

Es fanden sich, wie es bei Sterbefällen geht, mancherlei Dinge im haus anzuordnen und in Richtigkeit zu bringen, zumal da die Kinder noch minderjährig waren. Am Tage nach Anselms und Philipps Ankunft empfing Frau Sophie aus Limnich an der Roer die gerichtlich vidimierte Abschrift des Testaments, welches ihr Mann im ersten Jahre ihrer Verheiratung daselbst bei den Gerichten niedergelegt hatte. In demselben war sie zur einzigen Erbin seines ganzen Vermögens eingesetzt und ihren Kindern bloss das Pflichtteil vermacht. Sie sollte auch einzige Vormünderin' der Kinder sein, in allem Herr von dem ganzen Vermögen und dessen Anwendung bleiben; allen gerichtlichen Formalitäten war in diesem Testamente möglichst vorgebaut, und niemand sollte von ihr Rechenschaft fordern dürfen. Frau Sophie sah in diesem Testamente nur die wichtigen Pflichten, die es ihr in Ansehung ihrer Kinder auferlegte. Sie zog ihren Freund Philipp zu Rate, wie eins und das andere am besten möchte einzurichten sein. Bei den Beratschlagungen darüber war nichts von einer Zuneigung gegen Anselm zu merken, sondern bloss die sorge für ihre Kinder. Sie war noch immer ungewöhnlich zurückhaltend und äusserte, das Herz sei ihr schwer vor Ahnung irgendeiner unglücklichen Begebenheit. Philipp, der dem Wohlstande und der mütterlichen Vorsorge für ihre Kinder alle Gerechtigkeit widerfahren liess, gab doch auch die Aussicht für Anselm noch nicht ganz auf. Anselm selbst aber verlor allgemach die Hoffnung; denn Frau Sophie war gegen ihn ungewöhnlich zurückhaltend und in sehr trüber Stimmung. Sie hatte auf Philipps Rat einen Rechtsgelehrten in Köln zum Beistande genommen. An dem Tage, da dies bekannt ward, bekam sie einen Besuch von dem Doktor Hiffer. Dieser sagte zu ihr: Er höre mit einiger Befremdung, dass sie sich einen rechtlichen Beistand erlesen und durch denselben dem Waisengerichte ein Testament habe übergeben lassen, welches ihr verstorbener Mann angeblich vor mehrern Jahren in Limnich solle gemacht habe. Er wolle nicht untersuchen, ob es mit diesem Testamente seine Richtigkeit habe. Genug, es sei ungültig; denn ihr sel. Mann habe vor wenigen Monaten in einem zwei Meilen entlegenen Städtchen ein Testament gerichtlich niedergelegt, worin alle vorigen Verordnungen dieser Art widerrufen wären. Dies wisse er um soviel gewisser, weil ihr sel. Herr zur Besorgung der Wohlfahrt seiner Kinder in diesem letzten Willen ihn zum einzigen Vormunde ernennet und dies ihm mündlich selbst gesagt habe. Nichts glich dem Schrecken, der schon so betrübten Witwe bei diesem ganz unvermuteten Vorfalle. »Achrief sie aus, »Meine bangen Ahnungen fangen an einzutreffenAuch Anselm und Philipp waren nicht wenig bestürzt. Es blieb indes nichts übrig, als sich an dem angezeigten Orte nach dem zweiten Testamente zu erkundigen. Es lag wirklich dort. Zu Eröffnung desselben ward ein kurzer Termin angesetzt. Der Inhalt erfüllte alle Anwesenden, ausser Hiffer, mit Erstaunen. Nicht nur widerrief der Verstorbene in diesem gerichtlich niedergelegten Testament alle vorigen Willensverordnungen, die er könnte gemacht haben, und namentlich das zu Limnich niedergelegte Testament, welches er für ungültig erklärte; nicht nur setzte er den Prokurator Hiffer, den er seinen treuen und bewährten Freund nannte, zum einzigen Vormunde über seine Kinder ein, der ohne jemand Rechenschaft abzulegen, für derselben Wohl nach seiner besten Einsicht sorgen solle. Der