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Unterricht im Lesen und Schreiben, der noch als ein Kind durch Handarbeit beitrug, seine Eltern ernähren zu helfen, hat sich durch ununterbrochenen Fleiss, Treue und Geschicklichkeit, durch ununterbrochene gute Aufführung selbst durch die Welt geholfen. Er ist mein zweiter Vater geworden, nachdem meine Eltern vor Kummer starben. Er hat mir das Kapital geschenkt, um hier die Barbierstube zu kaufen, die das Recht gibt, die Wundarznei auszuüben, und er richtete meine ganze Haushaltung ein. Er lebt, obgleich reich, immer noch auf einem eingeschränkten bürgerlichen fuss, aber er hat jährlich eine beträchtliche Summe ausgesetzt, um neuen Anfängern zu helfen. Sie haben einen Freund, und also sind Sie nicht verlassen, sobald Sie sich ihm entdecken; aber Sie sollen auch Anteil an der Hilfe meines Bruders haben, oder ich müsste seine edle Gesinnung nicht kennen. Er ist ein reicher Kaufmann in Elberfeld.« –

Anselm starrte auf. Er hatte gleich bei Erzählung der edelmütigen Hilfe des Bruders mehrmal an seinen Freund Philipp gedacht, dem er seit Düsseldorf nicht mit einem Worte Nachricht von sich gegeben hatte. Der Wundarzt war Philipps älterer Bruder: eben derjenige, der als Schiffschirurgus zur See ging zu der Zeit, als Anselms Vater den verlassenen Waisen in sein Haus aufnahm. Anselm hatte den Namen des Mannes nicht gewusst; denn man nannte ihn im Gefängnisse bloss den Doktor.

Philipp erfuhr nun gleich von seinem Bruder die unglückliche Lage Anselms. Er kam nach wenigen Tagen selbst und gab seinem Freunde zuerst einen freundschaftlichen Verweis, dass er ihm nicht ein einzigmal geschrieben und ihn dadurch ganz ausser Stand gesetzt hatte, ihm eher zu helfen. Er schilderte ihm die ängstliche Ungewissheit, worin er wegen seines Schicksals gewesen. Doch es war jetzt nicht viel Zeit zu Verweisen; Philipp war tätig zum Besten seines Freundes.

Er befreiete ihn vorläufig durch Bürgschaft aus dem Gefängnisse. Dies fand wenig Schwierigkeit. Platter hatte, in der Meinung, er müsse sterben, einen Geistlichen verlangt, um sich zu bekehren. Demselben beichtete er in der Todesangst alles Unrecht, das er Anselmen angetan hatte, und widerlegte die falsche Anklage der Signora Bellonia, weil er diese person nicht mehr zu brauchen glaubte, da er nun bald in den lieben Himmel einzugehen dachte. Der Geistliche fand sich also im Gewissen verbunden, für Anselm zu zeugen. Da nun in der Folge der Wundarzt Plattern völlig heilte und Philipp alle Sporteln bezahlte: so war endlich gar kein Vorwand mehr da, den Gefangenen nicht völlig loszusprechen.

Die gähnenden Einwohner der gräflichen Residenzstadt hatten zwar noch ein paar Wochen lang Stoff zum Sprechen von diesem wunderbaren Ausgange der Sache, aber sie verloren ungern das Schauspiel einer Hinrichtung, welches ihnen einige Monate lang zur Unterhaltung würde gedient haben. Die gräfliche Regierung sorgte jedoch für sie und zugleich für die Rechte ihres gnädigen Herrn. Die falsche Aussage der Signora Bellonia gab eine gute Veranlassung, sie nebst ihrem Mitschuldigen Platter einzuziehen. Die Summen Geldes, die man bei ihnen fand, wurden zu den Sporteln eines Kriminalprozesses mehr als hinlänglich befunden; daher ward er auch in grösster Strenge angestellt. Weil es an Gelde nicht fehlte, so konnte man wegen des vorherigen Lebens der beiden Inquisiten nach Köln, nach Aachen und nach noch entferntern Orten schreiben. Da erfuhr man denn so mancherlei Betrügereien und Missetaten, dass der Prozess sehr ernstaft ward. Die gräfliche Regierung verschickte die Akten und hatte die beste Hoffnung, beim Kammergerichte zu Wetzlar durch ein paar neue Tatsachen deduzieren zu können, dass ihr gnädiger Herr im unstreitigen Besitze des fraisliehen Gerichts sei, zu gleicher Zeit aber auch den Einwohnern der gräflichen Residenz ein Schauspiel zu geben, dessen sie schon ein paar Male durch die Beschaffenheit der Kriminalgefängnisse waren beraubet worden.

Siebenunddreissigster Abschnitt

Veränderte Reise. Unvermutete Vorfälle mancherlei Art

Anselm ward von seinem grossmütigen Freunde Philipp mit Wäsche, Kleidern und Gelde versehen unter der einzigen Bedingung, die er schon seinem Bruder gemacht hatte, dass er ihm nicht danken sollte. Alle Bedingungen würde Anselm erfüllt haben, nur diese nicht; denn sein Herz dankte ihm, und der Dank strömte in seine gerührten Augen über, wenngleich der Mund schwieg.

Sie standen eben im Begriffe, nach Elberfeld abzureisen. Da bekam Philipp einen Brief von Köln, worin ihm Frau Sophie meldete, dass ihr Mann gestorben sei. Er hatte sich in der letzten Zeit sehr dem Trunke ergeben, wobei der Advokat Hiffer, der seit einiger Zeit seine Freundschaft noch mehr gesucht hatte, sein treuer Kamerad gewesen war; sein Tod war plötzlich erfolgt. Die gute Frau sah sich also von einem grossen Übel erlöset, aber es schien, als ob das Schicksal sie zu noch fast grösseren Übeln aufbehalten hätte, wie wir gleich weiter vernehmen werden.

Anselm und Philipp hielten sich nur noch in der gräflichen Residenz auf, um sich in Trauer zu setzen; und es ward beschlossen, anstatt nach Elberfeld lieber gleich nach Köln zu reisen. Anselm, obgleich jetzt sehr bescheiden, konnte doch nicht umhin, insgeheim Hoffnungen zu schöpfen. Jetzt war es wenigstens möglich, zu Sophiens Besitze zu gelangen und den höchsten Gipfel seines Glücks zu ersteigen, weil er sie innig liebte. Aber konnte er sie auch noch glücklich machen? War er noch ihrer würdig? Sollte sie ihn wohl wählen, ihn, dessen öftere Vergehungen ihr nicht verborgen geblieben waren? – Diese fragen beunruhigten ihn. Er sah alle Fehltritte seines törichten Lebens so sehr in ihrer wahren Gestalt, dass er selbst glaubte, sie könne diesen Schritt nicht tun. Und gesetzt,