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Nun aber fing ihm das Examen an, merkwürdig zu werden, da Sophiechen, unvermerkt ihm die Hand drückend, ihn mit dem freundlichsten Blicke lobte. Mutter Sabine liess ein paar Tränen der Freude fallen, sah aber ganz ernstaft aus; und Meister Anton, so wie auch Oheim Georg, sagten nicht ein Wort.

Als die Herren weggefahren und die Kinder in den Garten gesprungen waren, sassen die Alten eine Zeitlang stillschweigend und in Gedanken. Endlich sagte Meister Anton, den Kopf schüttelnd: »Ich hätte doch nicht gedacht, dass Anselm so sehr gelehrt wäre. Wie muss der arme Junge seinen Kopf haben anstrengen müssen, um das alles zu behalten

Oheim Georg fuhr heraus: »Du sagst, er ist gelehrt; und ich sage, er ist dumm

»Dummriefen beide Eltern zugleich aus.

»Ja freilich! dumm! – denn der Junge weiss nichts, als was er auswendig gelernt hat. Er hat mir schon vorher zehn Fabeln von Gellert hergebetet, und er konnte auf mein Verlangen keine einzige nach seiner Art mit andern Worten erzählen. Nein, bei den Herrnhutern hab ich auch schulen gesehen, da geht man aber nicht bloss auf Gedächtniswerk. Weisst du was, Bruder Anton! Leicht gelernt, ist bald vergessen! Wenn nun der Junge vergisst, was er jetzt auswendig weiss, so weiss er alsdann gar nichts. Das nenn ich dumm sein! Und ob ihm das, was er uns heute auf lateinisch vorgesagt hat, was helfen kann, wenn er gross wird, das verstehe ich nicht. Aber ich habe nun einmal keinen Glauben ans Lateinische

Meister Anton schlug die Augen nieder und dachte bei sich: »Wenn er Doktor wird, wird er mit den Kranken nicht lateinisch reden

Mutter Sabine schwieg, aber dachte bei sich: »Lateinisch predigen wird er nichtUnd dabei fiel ihr ein, dass sie alle vom Examen nichts verstanden hätten und dass es doch vom Kandidaten wäre angestellt worden, damit sie wissen sollten, was Anselm gelernt hätte.

Oheim Georg schwieg nicht, sondern fuhr in einem verdriesslichen Tone fort: »Und wenn der Junge gar nichts gelernt hat als das Latein, wozu wird ihm das helfen, wenn er einmal deine Manufaktur übernehmen soll? Denn am Ende wird es doch wohl am klügsten sein, ihn dazu zu erziehen, wenn du nicht willst, dass die Manufaktur untergehe, ohne dass deine Kinder etwas davon haben sollen

Meister Anton schwieg abermal, denn er fühlte wohl, dass der Bruder nicht Unrecht hatte; aber dass sein Sohn nicht Doktor werden solle, wollte ihm auch nicht eingehen. Er dachte also nur: »Schade, dass der Junge noch zu jung ist, um nach der Universität zu gehen, da er doch schon so viel schönes Latein weiss! Wo soll er bis dahin bleiben, da er jetzt in der Schule nichts mehr lernen kann

Es ist oft die sorge der Eltern, nicht, wie ihre Kinder zu erziehen, sondern nur, wo sie zu lassen sind. Haben sie so ganz unrecht? Wenn man die Kinder nicht selbst erziehen kann, muss man sie ja jemand abzurichten geben!

Im Fortgange der Unterredung kamen sie alle überein, Anselm müsse ausser dem haus irgendwo untergebracht werden; denn Meister Georg sagte: »Bruder Anton, der Junge ist für dein Haus allzu gelehrt und wird dir mit seinem Lateine und mit allem dem Zeuge, das er im kopf hat, alle deine Arbeiter aufsässig machen

Man sieht, Meister Georg, obgleich nur ein gemeiner Tuchmacher, war scharfsichtig genug, schon vor mehr als zwanzig Jahren Sinn für den jetzt von so manchen Staatsleuten angenommenen Satz zu haben, dass zu viel Gelehrsamkeit und Aufklärung endlich zum Aufruhre führe. Wie würden auch gegenwärtig in Frankreich die vielen Greuel entstehen, wäre nicht, wie weltbekannt ist, Jourdan, der Kopfabschneider, ein vertrauter Schüler des garstigen Hans Jakob Rousseau gewesen und der schleichende Abt Sieies nebst dem heftigen Robespierre die vornehmsten Mitglieder der Akademie der Wissenschaften zu Paris? Hätte Philipp Egalité, als Prinz und als Bürger gleich nichtswürdig, wohl mit so unverschämter Stirn für den Tod seines Königs und Vetters gestimmt, wenn er nicht ein so grosser Freund und Beförderer der Aufklärung und der Philosophie gewesen wäre? Und würden die Unhosigen in Frankreich wohl so arg gegen Monarchen und monarchische Regierung toben, wenn sie nicht, vermöge ihrer grossen Liebe zu den alten Sprachen, sich so innig mit dem geist der Griechen und Römer genährt hätten?

Fünfter Abschnitt

Ein neuangelegtes Philantropin. Notwendige Ehrenrettung Herrn Rehbergs in Hannover, des Philosophen

Kurz vor der Zeit, als in Vaals das oben beschriebene Examen unsers Anselmino und die dadurch veranlasste Unterredung vorfiel, war in ganz Deutschland die erste Periode einer weltbekannten pädagogischen Reform angegangen. Basedow hatte den Plan gemachtoder, um bestimmter zu reden, eigentlich nicht einen Plan gemacht, sondern nur sich eingebildetvermittels einer kleinen Erziehungsanstalt allentalben die ganze Erziehungsart und, vermittels derselben, das gesamte Menschengeschlecht auf bessern Fuss zu setzen. Er verlangte dreissigtausend Taler, um diese allgemeine Umformung zu stand zu bringen. Er liess gedruckte Aufforderungen an dreihundert grosse und kleine Potentaten ergehen; und als von diesen doch die dreissigtausend Taler nicht einkamen, so tat er Notschüsse über Notschüsse, damit das Wohl des menschlichen Geschlechts gerettet werde. Seine Einbildungen und seine Notschüsse sind vergessen, sowie seine andern Schwachheiten und Seltsamkeiten; aber die späteste Nachwelt wird dankbar erkennen, dass