zum Toren und endlich noch zum lasterhaften Menschen machen werde; denn nun hab ich allen Glauben an mich selbst verloren. Hätte ich auch den Willen zu guten Entschlüssen, so werde ich keine Kraft zu ihrer Ausführung haben. Ich werde immer ein elender Mensch sein; und es wäre besser, ich stürbe, ehe ich ein schlechter Mensch werde.«
Der Arzt hörte diese Rede mit einer Träne im Auge. Er nahm Anselmen bei der Hand, die er sanft drückte, und sagte tief seufzend: »Mein Freund, Sie müssen nicht verzagen! Wer sich bessern will, ist kein schlechter Mensch und wird es nicht werden, wenn es nur mit der Besserung ernst bleibt. Das Elend aber ist der wirksamste Weg, sich zu bessern, für einen leichtsinnigen Menschen, der nicht seinem verstand und dem guten Rate rechtschaffener Freunde hat folgen wollen. Danken Sie Gott, dass Sie so früh elend geworden sind! Sie haben noch den grössten teil Ihres Lebens vor sich, wo Sie durch gute Handlungen sich und andere glücklich machen können.
Soll ich offenherzig gegen Sie sein? Ich will es; denn es wird Sie trösten! Sie sehen hier einen Sünder vor sich, älter als Sie, und der sich weit mehr vorzuwerfen hat. Meine Eltern waren wohlhabend. Ich war ihr Liebling. Ach, wie schlecht hab ich ihre Liebe belohnt! Sie liessen mich die Wundarznei lernen. Als ich ausgelernt hatte, das heisst, da ich noch nichts wusste, war ich schon stolz, denn meine Kunst war mir allzu gering. Ich wusste nicht recht, was ich wollte, aber, um nur ins freie Leben zu kommen, sagte ich, ich wolle Medizin studieren. Mein Vater wendete auf der Universität viel Geld an mich, aber, statt zu studieren, verschwendete ich. Endlich sollte ich promovieren. Mein Vater schickte das Geld dazu; ich war unsinnig genug, den grössten teil davon zu verspielen und den Rest in schlechter Gesellschaft durchzubringen. Meine Promotion, die mich hätte zum mann machen können, ging nicht vor sich; denn mein Vater war nicht im stand, das Geld noch einmal zu schicken. Ich Elender achtete das nicht; ich ward immer fühlloser, je mehr ich mit schlechten Leuten vertraut ward. Man suchte gegen das Ende des siebenjährigen Krieges alle jungen Chirurgen auf. Ich diente in Feldhospitälern und lebte sorglos. Mein gütiger Vater unterstützte mich auch da noch. Ich Elender fragte nicht, ob er sich selbst etwas entzöge? Nach dem Frieden schwärmte ich noch andertalb Jahre herum und lebte, wie ich konnte. Ich kam hierauf zu meinem Vater zurück und fand ihn in bedrängten Umständen. Gleichwohl lag ich ihm zur Last und brachte meine Zeit in Müssiggang zu. Was kümmerte mich Elenden Vater, Mutter und Geschwister! – Endlich dachte ich, alles zu verlassen, nach Amsterdam zu fuss zu gehen und in Ostindien mein Glück zu suchen. Denn von grossem Glücke, das noch kommen müsste, träumte ich immer, weil ich ein Egoist war, so wie Sie ehemals, weil ordentlich zu arbeiten mir unerträglich fiel wie Ihnen, weil ich sinnliche Vergnügungen und, aufrichtig zu reden, schlechte Vergnügungen bis auf den letzten Tropfen geniessen wollte.
Ach, wie ganz anders fand ich es, da ich erst in der Fremde mir selbst überlassen war! Einzeln, ohne Beistand, sah ich, dass jeder Mensch der Hilfe anderer bedarf; also billig nicht bloss auf sich sehen, sondern auch bedacht sein muss, andern, soviel er kann, zu helfen. Ich habe mehrere Weltteile durchreiset. Äusserster Mangel und das bitterste Elend haben mich endlich weise, frugal, arbeitsam gemacht. Dadurch kam ich zu einem anständigen Auskommen, verlor aber mein Vermögen wieder durch falsche Freunde, durch Übereilung, durch Unglücksfälle und kam zuletzt in mein Vaterland entblösst von allem.
So hat die harte Schule des Elends mich zum bessern Menschen gemacht; hat mich aber auch gelehrt, mit Elenden Mitleid zu haben. Ich bin in meiner jetzigen Lage über mein Verdienst glücklich, und Sie sollen von mir nicht hilflos gelassen werden. Sie haben, wie ich merke, doch etwas gelernt, wodurch Sie sich fortelfen können, zumal in dieser Gegend, wo wohlfeil zu leben ist und echte medizinische Kenntnisse selten sind. Mein Freund! Wer Geschicklichkeit und gute Gesinnungen hat, wird davon nie verlassen, wohl aber vom Reichtume: das hat mich Erfahrung gelehrt! Sie brauchen freilich einige Ausstattung, um wieder als Arzt zu erscheinen. Seien Sie ruhig deshalb; auch daran soll es Ihnen nicht fehlen. Als ich auf Reisen ging in der törichten Hoffnung, mein Glück zu machen, eigentlich aber, um ungebunden und nach meinem Sinne zu leben, war ich von allem entblösst. Mein guter Vater, der selbst schon in kummervollen Umständen war, strengte sich meinetalben über seine Kräfte an; denn ich war der Liebling meiner schon kränklichen Mutter, die wohl merkte, dass sie mich nie wieder sehen würde. Ich Elender! Es war vom Altare genommen! Ich fühlte nicht, dass ich meinen Eltern wehe tat, dass ichs meinen übrigen Geschwistern entzog, meiner Schwester, die eine gute Heirat verfehlte, weil mein Vater, zum teil durch meine Verschwendung, sein Vermögen den Gläubigern übergeben musste, meinem Bruder, der noch ein Kind war, und an den nichts gewendet werden konnte, da an mich Unwürdigen soviel vergeblich war weggeworfen worden!
Dieser Bruder, dem sein Vater nichts geben konnte als seinen Segen und notdürftigen