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das Begnadigungsrecht ausgeübt würde; denn bei den vielen Einwendungen, die der Gegenteil seit kurzem hervorgesucht hatte, kam die gelegenheit gar zu erwünscht, abermal deutlich zu zeigen, man befinde sich in allen Wegen im possessorio und werde sich keineswegs ins petitorium bringen lassen. Überdem hatte Signora Bellonia, die einzige bei der Tat gegenwärtige Zeugin, von dem meuchelmörderischen Angriffe des Inquisiten auf ihren Bruder eine so umständliche und schreckliche Beschreibung gemacht, dass die gräfliche Regierung wohl einsah, der Inquisit werde, wenn die Sache verschickt würde, gewiss mit seinem tod die Gerechtsame ihres gnädigen Herrn bekräftigen müssen. Daher war sie so sehr besorgt, dass ihn nicht eine Krankheit wegraffen möchte, ehe sein empfangenes Urteil ein beweisendes Dokument zu dem grossen Prozesse in Wetzlar werden könnte, um soviel mehr, da schon ein paar Male der Fall sich ereignet hatte, dass Gefangene, die auf den Tod sassen, im Gefängnisse gestorben waren.

Der Chirurgus besass, ausser seiner Geschicklichkeit, noch menschenfreundliche Gesinnungen. Er erklärte gleich, die schlechte Luft des Gefängnisses und die harte Behandlung des Gefangenen wären die Ursachen der Krankheit, und wenn diese nicht abgestellt würden, müsse der Tod in wenigen Tagen erfolgen. Die Herren von der Regierung erschraken nicht wenig, dass sie selbst, ohne es zu denken, die gute Sache ihres gnädigen Herrn so sehr in Gefahr gesetzt hätten. Keiner von ihnen hatte anders gewusst, als dass ein auf Leib und Leben angeklagter Gefangener in einem unterirdischen Loche kreuzweis geschlossen auf feuchtem Stroh liegen müsse. Sie waren sehr verwundert, von dem neuen Chirurgus zu vernehmen, ein solcher Aufentalt sei für die Gesundheit eines Gefangenen so schädlich, dass eine tötliche Krankheit daraus entstehen könne, und einige wollten es gar nicht glauben. Indes brachte die Rücksicht auf den Prozess in Wetzlar ein paar vorsichtige Mitglieder der Regierung zu dem Rate, der Sicherheit wegen lieber nachzugeben. Anselm ward in ein wohlverwahrtes, aber helles und trockenes Zimmer gebracht, ward in ein Bette gelegt und bekam die verordnete Arznei nebst der einem Kranken heilsamen Nahrung. Der Chirurgus trug für ihn die grösste Sorgfalt, und in wenigen Tagen war die Lebensgefahr vorüber. Nun sorgte der menschenfreundliche Mann auch für Kost, die zu Erquickung und Stärkung des Gefangenen diente, und gab nicht zu, dass er aus dem gesunden Zimmer wieder weggebracht und geschlossen würde, wozu man nicht übel Lust hatte.

Doch für den armen Anselm war die Wiederherstellung seiner Gesundheit bis jetzt kein Glück. Wozu konnte ihm das Leben dienen, als einem schimpflichen tod unvermeidlich entgegenzugehen? Dieser Gedanke schlug ihn ganz nieder; denn er wusste aus den Verhören die falsche Anklage der Signora Bellonia gegen ihn, und der Kerkermeister, um ihm etwas Neues zu erzählen, berichtete ihm täglich, dass Platter ohne Hoffnung darnieder liege.

Aber auch hier ward er durch seinen menschenfreundlichen Wundarzt getröstet. Platter hatte sich wirklich unter der Kur des Perückenmachergesellen so sehr verschlimmert, dass man endlich den Kunstverständigen holte. Nachdem dieser die Wunde untersucht und die bisherige Kur ganz geändert hatte, erklärte er, dass sie gar nicht tötlich wäre. Ja, er konnte nach wenigen Tagen Anselmen die Nachricht bringen, der Verwundete sei ausser aller Gefahr.

Anselm hätte sich darüber freuen sollen, aber sein Leben war ihm gleichgültig. Er sass in stummer Betrübnis da. Alle seine Fehler erschienen ihm jetzt im widrigsten Lichte, und er ward ganz trostlos. Sein menschenfreundlicher Arzt suchte ihn durch die Bemerkung aufzurichten: Wenn er auf seinem Gewissen keine Laster habe, deren Folgen gar nicht wieder gut zu machen wären, so solle er sich beruhigen. Es müsse niemand verzweifeln, der noch Willen und Kraft habe, sich zu bessern; und so fügte er mehreres hinzu, was ihm das Vertrauen des höchst niedergeschlagenen Gefangenen erwarb. Der reuige Anselm erzählte ihm nun, auf Verlangen, summarisch die Hauptbegebenheiten seines Lebens. Er schonte sich selbst nicht, aber er nannte keine Namen und Orte, weil er seine Freunde schonen wollte. Doch verhehlte er nicht Platters zwiefaches Unrecht gegen ihn und die gerichtlichen Verleumdungen der Signora Bellonia.

Er beschloss seine Rede: »Sie sehen, ich habe nichts begangen, was den Gesetzen nach ein Verbrechen heissen würde; aber in meinem eigenen Gewissen klage ich mich als einen Verbrecher an. Ich habe die Asche meiner guten Eltern durch meine Verschwendung und durch den daraus entstandnen Bankrott geschändet. Ich habe eine edle Frau, die mich glücklich machen wollte, unwiederbringlich unglücklich gemacht. Mein ansehnliches Erbgut vergeudete ich unter schlechten Leuten, statt es zu meinem Besten zu brauchen und andern dadurch wohlzutun, so wie meine Eltern taten. Die edle Hilfe meines wahren Freundes war vergeblich, wegen meiner unverzeihlichen Torheiten, die mich endlich an den Bettelstab und bis in dies Gefängnis brachten. Ich habe ihm seitdem keine Nachricht von mir gegeben. Auf welche Art hätte ich ihm mein Vergehen melden sollen? Ich hätte mich totschämen müssen! Ich bin auch der Hilfe eines Freundes ganz unwürdig! Ich war, das sehe ich jetzt, immer ein elender Egoist, der jede edle Gesinnung verächtlichen sinnlichen Genüssen aufopferte, dem Dankbarkeit und Wohltun fremd waren. Was bleibt mir übrig? Gesetzt, ich würde aus diesem Kerker befreiet, so bin ich ja von den gemeinsten Bedürfnissen des Lebens entblösst. Gesetzt, man wollte mir aufhelfen, so werde ich mir selbst nie vergeben können, dass ich so töricht, so seelenlos handelte. Gewissensbisse werden mich beständig foltern, und dabei die Furcht, dass jeder erste Anfang zu einer bessern Lage, mich vermöge meines Leichtsinns wieder