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Glas zu, auf gute Brüderschaft!

Anselm wich voll Abscheu zurück und rief aus: »Weil Ihr mich schändlich betrogen habt, will ich deswegen nicht andere betrügenMehr andere Wahrheiten sagte er, ebenso bitter zu hören. Der schon vom Weine erhitzte Platter fuhr wütend auf unsern dicken Mann zu, ihn aus der stube zu werfen. Dieser, dem der Unwillen die Kräfte verdoppelte, warf den Betrunkenen zu Boden. Platter raffte sich auf, griff nach seinem im Winkel stehenden Degen und fuhr damit auf den unbewehrten Anselm zu. Diesem half seine kleine Statur und seine, obgleich seit der Universität nicht geübte Fechtkunst, um unter den Stoss zu schlüpfen und Plattern auf den Leib zu kommen. Er wand ihm den Degen aus der Hand und setzte sich in Defension. Platter, durch Zorn und Wein halb sinnlos gemacht, fuhr blindlings auf ihn zu, lief sich seinen eigenen Degen in den Leib und fiel in seinem Blute ohnmächtig nieder. Signora Bellonia schrie im Sopran, der Wirt heulte im Tenor: Plater sei tot. Anselm liess den aus Platters Leib gezogenen Degen fallen und stand stumm in äusserster Bestürzung da.

Man rief den Kontributionseinnehmer des Orts herbei, der als Perückenmachergeselleund folglich als Barbierdurch Holland und Brabant gewandert war. Er hatte die Bärte der Männer des Fleckens zu besorgen und auch die vorfallenden Wunden, ausgenommen die Beinbrüche und Verrenkungen, welche der Scharfrichter kurierte. Dieser Äskulap untersuchte und verband die Wunde, und da er sie für absolut tödlich erklärte, so ward Anselm gebunden ins Haus des Gerichtsdieners gebracht, dort auf die blosse Erde gelegt und bewacht. Man setzte einen Krug wasser und ein Stück grobes Brot neben ihn, welches er, weil die hände zusammengeschnürt waren, nicht hätte nehmen können, wenn er auch gewollt hätte. Am folgenden Morgen ward er durch eine kommandierte Wache von acht bewaffneten Einwohnern des Fleckens, denen die übrigen aus Neugierde freiwillig folgten, nach dem nicht weit entlegenen Residenzstädtchen der Grafschaft gebracht. Daselbst verhörte man ihn summarisch und brachte ihn darauf ins Kriminalgefängnis, in ein unterirdisches Loch, wo er mit Ketten kreuzweise an die Mauer geschlossen ward.

Die Langeweile war seit undenklicher Zeit in dieser Residenz eingekehrt; einer gähnte immer den andern an. Der regierende Graf und sein Hofstaat waren nicht gegenwärtig. Kein Geistlicher in der Stadt war wegen Ketzerei verdächtig und keine Frau wegen Liebeshändel. Es war seit langer Zeit keine Feuersbrunst gewesen und kein starker Hagel gefallen. Es war kein Kalb mit drei Füssen geboren worden, sogar war seit Menschengedenken niemand am Schlagflusse oder Überladung des Magens plötzlich gestorben. Man wusste also durchaus nicht, wovon man in den Zusammenkünften hätte reden sollen, wenn man auch vor argem Gähnen hätte dazu kommen können.

Nun war Anselms Mordtat, wie dieser Vorfall allgemein benennet ward, auf einmal eine unerschöpfliche Quelle der Unterhaltung. Alle Umstände wurden erzählt und unzählige hinzugedichtet; man hatte täglich eine neue veränderte Nachricht, wovon das Hauptsächliche doch immer darauf hinauslief, dass Platter an seinen Wunden gestorben wäre, deren ihm das Gerücht wenigstens zehn beilegte. Eine Menge Einwohner der Residenz wallfahrteten nach dem Flecken, wo der Verwundete lag, und, ob sie ihn gleich nicht zu sehen bekamen, kehrten sie immer mit der Nachricht zurück, dass er eben verscheiden wolle, wenn er gleich den folgenden Tag noch lebte. Jedermann wollte den Mörder sehen. Die Leute drängten sich, wenn er ins Verhör geführt ward; und der Kerkermeister fand ein gutes Auskommen dabei, dass er täglich einige Stunden unsern armen dicken Mann einer Menge von Menschen, jedem für zwei Stüber, sehen liess. Da musste denn der arme Anselm über seine schweren Fesseln Anmerkungen hören; da entdeckten Kenner in seinem runden gesicht und in seiner gutmütigen Miene die Bosheit eines Mörders. Da ward in seiner Gegenwart von den Zuschauern gefühllos gestritten, wie bald er werde zur Tortur gebracht werden, weil er verstockter Weise den Mord noch immer leugnen wollte, und welche Art von Todesstrafe er wohl werde leiden müssen.

Das war mehr als die menschliche natur ertragen konnte. Gram, Kummer, schlechte Kost und Lage und vor allem die feuchte Luft des Gefängnisses machten, dass Anselm nach wenigen Wochen in ein Faulfieber verfiel. Dies erregte die Besorgnis, er möchte vor Ausgang des Prozesses sterben. Es ward daher die einzige medizinische person in der ganzen Grafschaft zu ihm geschickt, indem der Leibarzt seit mehrern Jahren mit dem regierenden Grafen auf Reisen war, auf welchen die Einkünfte des Ländchens und noch etwas mehr in fremden Ländern verzehrt wurden. Dieser Mann war ein Chirurgus, etwas über vierzig Jahr alt, der weit in der Welt herumgereiset war, sich aber erst seit einem halben Jahre hier gesetzt hatte und mit vielem Glücke praktizierte.

Sechsunddreissigster Abschnitt

Sorgfalt der gräflichen Regierung, ein wichtiges Recht ihres Herrn zu erhalten. Reue. Unvermutete Begebenheit

Es war der gräflichen Regierung nicht zu verdenken, dass sie für das Leben ihres Gefangenen besondere Sorgfalt trug. Ein benachbarter Reichsstand machte dem Grafen die peinliche Gerichtsbarkeit und den Blutbann seit einiger Zeit streitig und hatte deshalb beim Kammergerichte zu Wetzlar einen Prozess erhoben. Aber der Graf hatte zu deduzieren gesucht, dass er in uneingeschränktem Besitze der Kriminal-Gerichtsbarkeit sich befinde und von jeher befunden habe. Es gab also ein jeder neuer Actus jurisdictionis, wenn ein Deliquent peinlich befragt oder justifiziert ward, zwar eine neue Beschwerde für den Gegenteil, aber auch eine neue Bestätigung des diesseitigen Rechts. Daher war schwerlich daran zu gedenken, dass an unserm armen dicken mann etwa