1794_Nicolai_128_86.txt

dulden! – dulden alles Unglück, wenngleich unverdient! – Dulden das Leben in dieser öden Welt, wo ich da stehe, – unglücklich! Von jedermann verlassen! Ohne Hilfe! Ohne Freunde! Hoffnungslos

Er starrte nochmal zurück und schwieg einige Minuten. – »Hoffnungslosfuhr er fort. »Habe ich keinen Freund? Da ist Philipp, edler und besser als ich; da ist der Pastor in ..., mein Wohltäter

Er schwieg abermal eine Minute und sagte leise zu sich selbst: »Nein! der ist nicht ganz unglücklich zu nennen, der zwei wahre Freunde hat; – er müsste denn ihrer ganz unwürdig sein. – Ja! das bin ich; und verdiene mein Unglück!« – Er seufzte tief, und ein Strom von Tränen wahrer Reue stürzte aus seinen Augen.

Er setzte sich auf den Rasen, Sophiens Bild in der Hand, und benetzte es mit Tränen. Hierdurch bekam sein Herz Luft, und er gewann endlich soviel Besinnung, um zu fühlen, er müsse weder verzweifeln noch verzagen, und über seine Lage nachzudenken und zu überlegen, wohin er gehen und was er anfangen sollte. Zu Philipp oder zum Pastor in ...? Er hätte sich bis dahin durchbetteln müssen. Und dann konnte er es auch nicht ertragen, diesen Freunden abermal beschwerlich zu fallen. Im grund hatte er aber noch eine Ursache, diese Freunde zu meiden, die er sich selbst kaum entwickelte. Es war ihm unerträglich, vor ihnen zu stehen, beladen mit der notwendigkeit, ihnen die unverzeihliche Torheit zu bekennen, die ihn in diese äusserste Stufe des Elendes durch eigne Schuld gebracht hatte. Aber wohin sonst sollte er sich wenden, in einem ihm unbekannten land, von allen Menschen verlassen? Das wusste er nicht. Indes raffte er sich auf, und indem er Sophiens Bildnis mechanisch in seine Westentasche steckte, fühlte er etwas Hartes. Es war ein Konventionstaler, der durch ein Loch in der tasche ins Futter gefallen und daher nicht bemerkt worden war. Anselm staunte diese unvermutete Hilfe an und beschloss, in dem nächsten Orte, wo es auch sei, die Wohltat einer genügsamen Abendmahlzeit und eines ruhigen Lagers, sei es auch nur auf Stroh, zu geniessen. Das Schicksal hatte es aber anders beschlossen und ihn einem schrecklichern Unfalle vorbehalten.

Fünfunddreissigster Abschnitt

Anselm findet unvermutet einen Bekannten. Hoffnung der Einwohner einer gräflichen Residenzstadt

Anselm ging mit einigem Mute auf dem ersten Wege fort, auf den er bei dem Ausgange des Wäldchens traf und gelangte am späten Nachmittage zu einem in der benachbarten kleinen Grafschaft gelegenen Flecken. Er hatte diesen Tag noch nichts gegessen, seine erste Frage war also nach dem wirtshaus. Er erstaunte nicht wenig, unter der Tür desselben einen Bedienten der Signora Bellonia zu sehen. Er fragte, ob sie da wäre? Auf die Bejahung geriet er dermassen in Zorn, dass er seinen Hunger vergass. Erlittenes Unrecht und Wahrnehmung niederträchtiger Gesinnung konnten ihn, seinem Charakter gemäss, gleich aus der Fassung setzen. Er ging gerade in ihr Zimmer, um ihr zu sagen, was sie verdiente. Er erstaunte, Plattern bei ihr allein zu finden, mit Weingläsern auf dem Tische, beide halb berauscht.

Er brach in gerechte Vorwürfe aus gegen die Signora und ihren Helfershelfer; diese wurden aber nur mit lachen und Hohnnecken aufgenommen. Platter schenkte ein Glas Wein ein, das Anselm, obgleich nüchtern und durstig, mit Unwillen verschmähte. Platter stand auf, nahm ihn bei der Hand, ob er sie gleich zurückzog, und sagte:

»Sei kein Narr! Die Sache ist nun vorbei. Ich will ganz aufrichtig reden. Du hast gedacht, wie wunderklug du wärest, dass du eine alte Obligation, die ich schon ganz vergessen hatte, an Philipp zediertest, um mir fünftausend Speziestaler wieder abzujagen. Dies konnte ich freilich nicht hindern, und ich bewunderte dich in Gedanken, dass du pfiffiger warest als ich. Um dir aber zu zeigen, Kamerad, dass ich doch noch pfiffiger bin als du, machte ich einen Bund mit dieser schönen Nymphe, um dir den grössten teil wieder abzunehmen. Es tat mir leid, dass es nicht alles sein konnte! Doch bin ich auch nicht so arg, als du wohl denkst. Ich habs dir genommen; ich wills dir mit Wucher wiedergeben. Das tut nicht jeder in meiner Lage. Ich bin jetzt der Fratello dieser schönen Schwester; denn der andere ist abgedankt. Wir wollen dich zum zweiten Bruder annehmen. Ich will dir zeigen, wie man die Gimpel fängt; du aber sollst kein Gimpel mehr sein. Ich will dich lehren, wie man die Karten mischt, wie man das Buch da abhebt, wo man will, wie man Bilder oder Nichtbilder mit den Fingerspitzen erkennt, wie man jedes Blatt ganz unvermerkt zeichnet und ein gezeichnetes Buch statt eines ungezeichneten auf den Teppich bringt, wie man die Volte mit einer Hand schlägt und wie jedes Blatt rechts oder links fallen muss, so wie man will. Dies sollst du von mir lernen; dann wollen wir mit Hilfe dieses Lockvogels« – er schlug die Signora auf die Schulter – »schon die Gimpel ins Netz ziehen, und dann sollst du dein Geld bald wiederbekommen. Wir haben uns hier nur ins Inkognito gezogen, um uns ein paar Wochen gütlich zu tun. Morgen reisen wir nach der Frankfurter Messe, da müssen wir wieder nüchtern und ehrbar seinUnd hiermit brachten ihm beide nochmal das