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zwar kleinen, aber doch sichern Auskommens, bis sich etwas Anständigeres fände. Sogleich legte er alles Geld an, welches er von seinem kurzen Komödiantenleben erübrigt hatte und von dem Reste seiner jetzt verkauften Wäsche lösete, um einige wohlfeile Arzneien anzuschaffen, die er auf verschiedene Art zweckmässig mischte und ihnen die Namen von Wunderpulvern und himmlischen Essenzen gab. »Die Welt will betrogen seindachte er, »ich will sie wenigstens nur im Namen, nicht in der wirkung betrügen. Es heisst im grund, den Leuten einen wahren Dienst tun, damit sie nicht von unwissenden Marktschreiern um ihre Gesundheit gebracht werdenDiese menschenfreundliche Betrachtung tröstete ihn über das Niedrige seines Unternehmens.

Er ging mit diesem Vorrate nach einem andern Jahrmarkte an die Grenze einer benachbarten kleinen Grafschaft, worin er ihn gewiss den ersten Tag teuer zu verkaufen und auf die folgenden Tage schon mehr anzuschaffen meinte. Er mietete sich ein Pferd auf einen Tag und bot so auf dem Jahrmarkte seine Arzneien feil. Aber der Erfolg war ganz anders, als er gehofft hatte. Er war kein Charlatan. Er konnte nicht genug schreien und nicht Gesundheit genug versprechen. Er wollte die Kranken untersuchen. Das nahm Zeit weg und schien den Leuten nicht wunderbar genug. Die Beschaffenheit der Arzneien wusste er nicht künstlich genug zu verbergen. Der eine schmeckte den Rhabarber, der andere roch den Kampfer. Dies, meinten sie, könnten sie sich aus der Apoteke selbst holen und brauchten dazu keinen reitenden Doktor. Anselm hatte auch keine lustige person, um das Volk heranzulocken. Es blieb also niemand bei ihm stehen, und er verkaufte den ersten Tag kaum so viel, um die Miete des Pferdes zu bezahlen, und sah deutlich, dass er es nicht wagen dürfe, es auf den zweiten Tag zu mieten. Nachdem er sein Nachtlager bezahlt hatte, war abermal sein letzter Stüber ausgegeben; und es blieb ihm im eigentlichsten verstand auf den folgenden Tag zur Nahrung nichts übrig als einige Portionen Rhabarber und Glaubersalz, die er nicht hatte verkaufen können.

Nun war also auch sein letzter Plan gescheitert, dessen Erfolg er für völlig sicher gehalten hatte, weil er seiner Meinung nach auf gemeinnützige Wohltätigkeit abzweckte. Er ging, da seines Bleibens hier nicht mehr war, zum Tore hinaus, um seinem Unmute Luft zu machen, der nahe an Verzweiflung grenzte. Seine Torheiten kamen ihm in dieser Gemütsstimmung nicht zu Sinne, sondern nur seine mannigfaltigen Unglücksfälle und fehlgeschlagenen Pläne, die er als eben soviele Unbilligkeiten des Schicksals gegen ihn betrachtete, ohne in Anschlag zu bringen, wieviel davon er selbet möchte veranlasst haben. Er sagte sich: dass er doch viel Geschicklichkeiten erworben, dass er ein gutes Herz habe und sich keiner schlechten Handlung schuldig wisse, gleichwohl gehe alles, was er unternähme, ohne seine Schuld beständig den Krebsgang. Ihm fielen, in dieser schwarzen Laune, von seiner Jugend her verschiedene Dordrechtsche Lehren aus Braunii Doctrina Foederum im Kapitel de reprobatione ein, undwie denn weltliche Menschen immer die heilsamsten Lehren der Dogmatik unrichtig anwendener betrachtete sich als reprobiert, als zum Unglücke prädestiniert, und glaubte, es sei für ihn auch gar keine einzige Aussicht zum Wohlstande mehr übrig. Je mehr er um sich sah, fand er sich von aller Welt verlassen, hoffnungslos, in schrecklicher Einzelnheit; er, der doch ein besseres Schicksal verdient hätte, indes die Reiteime, die Platter und andere Leute der Art schwelgen. Alles Unglück war nur über ihn verhängt! Was halfen ihm seine erlernten Kenntnisse, was half ihm sein weiches Herz, was seine guten Gesinnungen gegen alle Menschen? Er war verachtet, verlassen, unwiederbringlich unglücklich! Während er fortfuhr, über diesen schwarzen Gedanken zu brüten, kam er unvermerkt in ein Wäldchen, das immer dichter ward, und, indem er in düsterer Betäubung fortging, stand er auf einmal vor einem ziemlich grossen See. Er sah starr in den Spiegel des ruhigen Wassers. Der Ort war heimlich, und melancholisch die bis ins wasser hangenden Weiden. Sein düsteres Sinnen über sein Unglück und über die Härte der Menschen, die ihn ganz verstiessen, ging allgemach in Verzweiflung über. »Ruhe ist im tod zu finden«, sagte er, »Ruhe werde mir in diesem stillen See

Stolz und weichliche Trostlosigkeit sind die gewöhnlichsten Ursachen des Selbstmordes. Diese kamen hier zusammen, und er war eben bereit, ins wasser zu springen; aber als er nochmals in den See hineinsah, kam er ihm so nass und so tief vor! Er schauderte und trat einen Schritt zurück. Noch einen Augenblick wollte er warten. Die starre Verzweiflung lösete sich in laute Klagen über sein unabsehbares Unglück auf. Er raufte sich die Haare aus, schlug wütend vor seine Brust und zerriss dadurch das Bändchen um den Hals, an dem Sophiens Bild in seinem blossen Busen hing; es fiel ihm in die Hand. Er blickte darauf und fuhr noch zwei Schritte zurück. Seine klagende Wut verstummte. Er sah dies holde, edle, leidende Gesicht! – Durch ihn war sie unglücklich gemacht; sie war unverändert gegen ihnund duldete! – »Sollte ich nicht auch duldenrief er aus. »Könnte ich wohl Sophiens Leiden vermehren, durch die Nachrichtvon meinem schimpflichen tod! – Schrecklich! – Nein! – Ich muss leben; denn meine Todespost würde Sophien noch unglücklicher machen. – Das kann nicht, das muss nicht sein! – Ich will dulden nach ihrem Beispiele, – muss