ward doppelt hungrig, hatte aber seinen letzten Stüber fürs Nachtlager ausgegeben.
Traurig wanderte er einige Strassen auf und ab, ohne zu wissen, was er beginnen sollte. Es fehlte ihm an Geld auch nur zum frugalsten Mittagsessen oder zum schlechtesten Nachtlager. Er sah die Menschen vor sich vorbeigehen, als wären es tote Bilder, welche ihn nichts und welche er nichts anginge. Der Anblick eines ihm begegnenden Juden erinnerte ihn, dass er von seiner wenigen Wäsche ein Hemd verkaufen könne, um doch für ein paar Tage sich Kost und Nachtlager zu sichern. Er redete den Juden deshalb an. Dieser nahm ihn mit sich nach haus und kaufte das Hemd nicht. Er liess sich erzählen, wodurch Anselm so herunter gekommen sei. Er tröstete ihn mit der Versicherung, bei so mancher Geschicklichkeit werde gewiss für ihn sich etwas finden. Obgleich der Jude selbst arm war, gab er ihm doch in seiner Hütte eine Schlafstelle und teilte seinen kärglichen Bissen Brot mit ihm. »Gottlob!« sagte Anselm, »das ist ein Mensch, der menschliche Empfindungen hat«, und prüfte sich selbst innerlich, ob er zur Zeit seines Wohlstandes nur verhältnismässig halb so viel für das Bedürfnis seiner Mitmenschen getan hätte.
Anselm blieb einige Tage bei dem Juden, der sich in der Stadt zu erkundigen anfing, ob nicht irgendeine Stelle für seinen Hausgenossen gefunden werden könne. Unvermutet aber ging Anselms Hoffnung auf den ehrlichen Mann ganz zugrunde; der Jude ward an einem Morgen sehr früh nebst seiner Frau von den Stadtknechten aufgegriffen und ins Gefängnis geworfen. Er hatte sich unterstanden, für andere Juden Schuhe zu machen, und, obgleich gewarnt, es doch nicht unterlassen; sogar hatte kürzlich seine Frau für eine andere Jüdin ein Kleid zugeschnitten und genähet. Es war in der Tat ein scheussliches Verbrechen! Denn, wie könnte einem Beschnittenen erlaubt sein, einen Schuhpfriemen zu brauchen, oder der Frau eines Beschnittenen, Kleider zuzuschneiden? Der Staat müsste ja untergehen und vermutlich auch die Religion, wenn man solchem Frevel nicht steuren wollte! Wie ist es nicht der Republik Polen gegangen, wo von jeher den Juden diese und alle anderen Handwerke erlaubt waren! Um nun alles Übel von dem guten Herzogtume Berg abzuwenden, hatte die löbliche Schuhmacher- und Schneiderzunft zu Lennep darauf angetragen, den Juden seines Schutzes verlustig zu erklären und ihn über die Grenze zu bringen. Es war fast wahrscheinlich, dass eine so billige Bitte würde gewähret werden. Wenigstens versiegelte man die wohnung des Juden, um nachher gerichtlich zu untersuchen, was an unerlaubtem Handwerkszeuge und hinterlistig verfertigten Schuhen zu finden sein möchte. Hierdurch verlor nun der arme Anselm seine Schlafstelle. Er dachte unökonomisch genug, an einen andern Juden drei Hemden zu verkaufen und den grössten teil des daraus gelöseten Geldes seinem Wohltäter ins Gefängnis zu bringen; worauf er noch denselben Vormittag Lennep verliess.
Er war über eine Meile in tiefen Gedanken fortgegangen und sann eben bei sich nach, wie es in der Welt so wunderlich zugeht, dass einige Menschen nicht fortkommen können, weil sie allzu klein oder allzu dick sind, und andere, weil sie Schuhe machen wollen. Da holte er einen schwerbeladenen Wagen ein. Derselbe gehörte einer truppe wandernder Komödianten, die zu fuss nebenher gingen. Er machte Gesellschaft mit ihnen bis zu dem Orte, wo die Pferde gefüttert und Mittag gehalten ward. Sie reiseten, wie sie ihm erzählten, nach einem Städtchen, wo sie während des Jahrmarktes spielen wollten. Nur waren sie in grosser Verlegenheit: denn ihre lustige person hatte ein Fieber bekommen und im letzten Nachtlager müssen zurückgelassen werden. Sie taten unserm Anselm die Ehre zu glauben, seine Figur sehe komisch aus, und wollten durch ihn ihren Mangel vor der Hand ersetzen. Sie gaben ihm Unterricht, und weil sie es ihm so leicht machten und die probe, die im ersten Nachtlager in einem Zimmer mit ihm versucht ward, so ziemlich ablief, war er bereit, sich diese Rolle gefallen zu lassen, zumal da er gar keine andere Aussicht hatte.
Hier hinderte nun unsern Anselm nicht seine kleine Statur, noch sein runder Bauch; aber als er aufs Teater kam, war er zu furchtsam, seine stimme zu schwach und seine Gebärden nicht lustig genug. Er fand keinen Beifall und wäre beinahe ausgepfiffen worden. Die rechte lustige person hatte sich nach einigen Tagen vom Fieber erholt und kam zur grossen Freude der Komödianten noch während des Jahrmarktes nach. Ein hohes und gnädiges Publikum des Städtchens bezeugte seinen lauten Beifall. Anselm ward vergessen und, da er die Stelle eines Lichtputzers, die eben vakant war, nicht annehmen wollte, ganz abgedankt.
Anselm musste sich in sein Schicksal finden. Indem er voll Grillen über den Markt ging, sah er auf einem offenen Teater einen Marktschreier ausstehen. Er verweilte sich wundershalber vor der Bühne, um an der lustigen person, deren Einfälle mit wieherndem Gelächter aufgenommen wurden, zu sehen, was ihm selbst wohl fehlen möchte, um auf dem Teater Beifall zu erhalten. Bald aber zog der Marktschreier selbst seine Aufmerksamkeit auf sich. Dieser Kerl redete das unsinnigste Zeug; dennoch wurden seine Arzneien sehr häufig gekauft, ob sie gleich für die Krankheiten, die er nannte, gar nicht helfen konnten. Anselm erschrak über diese Verblendung. Mit einemmal gab ihm seine Klugheit, mit Hilfe seiner Einbildungskraft, den Gedanken ein: wenn die Leute ganz unwirksame und zwecklose Arzneien so begierig kauften, so würden sie doch viel lieber solche kaufen, welche ihnen helfen könnten. Er baute hierauf die Hoffnung eines