Strenge dieses Ordens bemächtigte sich seiner Einbildungskraft. Er glaubte, dadurch für alle Torheiten seines Lebens zu büssen, besonders für die, wodurch er Sophien unglücklich gemacht hatte. Aber er war ja nicht katolisch? Was denn! Ihm war in seiner jetzigen Betäubung alles, gleich. Er hatte die katolischen Gebräuche ziemlich kennen gelernt und beschloss, für einen Katoliken zu passieren, um nur der Welt zu entfliehen, von der er sich ganz verlassen glaubte. Er zog die Glocke an der Klosterpforte, begrüsste den öffnenden Pförtner mit einem Memento mori! und verlangte, den Abt zu sprechen, weil er ins Noviziat des Klosters treten wolle.
Ein Abt, zumal ein Abt à la Trappe, ist der demütigste unter den demütigen Gliedern seines Konvents, so wie der Papst der Knecht der Knechte ist; dennoch ist jeder Abt viel zu erhaben, als dass ihn ein unbedeutender Ankömmling sogleich sprechen könnte. Vollends aber ein Abt à la Trappe ist ein sehr grosser Mann. Er behauptete, er sei auf Erden ganz unabhängig und dürfe von seiner Klosterverwaltung niemand als Gott unmittelbar Rechenschaft geben, so wie der Rat von Nürnberg von seiner Finanzverwaltung nur dem Kaiser persönlich. Da er nun vermöge der Abtötungen und Kasteiungen seines Klosters mit dem lieben Gotte sehr gut steht, so wird dieser schon von seinem Freunde, dem Abte, nicht etwa eine Rechenschaft fordern, wie der Kaiser doch zuweilen von den Herren von Nürnberg. Also ist ein Abt à la Trappe ein Gott auf Erden und zeigt folglich sein Antlitz nicht jedem, der an die Klosterpforte klingelt. Anselm ward an den Subprior gewiesen, den Mann, der für das ganze stillschweigende Konvent mit den Fremden zu schwatzen hat. Dieser hohläugige, abgezehrte, blasse Mönch, von allen Sünden verlassen, ausser von mildem geistlichen Stolze, hörte sein Begehren an und gab ganz kalt zur Antwort: »Freund, du bist viel zu dick für unser Kloster! Wie könnte ein so wohlbeleibter Sünder sein Fleisch bis dahin kasteien, dass er bis zur Magerkeit eines heiligen Mönchs à la Trappe abfiele? Zudem bist du Weltmensch ein Doktor der Arznei. Wer zu unserer hohen Vollkommenheit gelangen will, muss ungelehrt sein. Unser heiliger Reformator hat uns verboten zu studieren; denn – die selige Unwissenheit ist die Mutter des Gehorsams. Geh, du bist gelehrt und dick und also nicht für uns! Geh in Frieden! Dein blosses Anschauen würde unsern Brüdern ein Ärgernis geben, dass sie lange Zeit nicht wieder zu der seligen Unempfindlichkeit gelangen würden, die unserer heiligen Regel gemäss ist. Memento mori!« Und damit liess er ihn ganz sanft zum Kloster hinausschieben.
Anselm, der schon in seiner Einbildungskraft die ruhige Untätigkeit des Klosters genoss, ward durch die abschlägige Antwort insofern zur Empfindung seiner wirklichen Existenz zurückgebracht, dass er überlegte, welchen Weg er zu nehmen habe. Nach Düsseldorf durfte er nicht, nach Elberfeld wollte er nicht; er suchte also einen dritten Weg. Auf Nachfrage erfuhr er, dass er auf der Landstrasse nach Lennep sei. Es war ihm genug, dass diese Strasse von Elberfeld abführte, um derselben zu folgen; denn seiner Eitelkeit war der Gedanke unerträglich, seine Torheit dort wissen zu lassen; und ob sein treuer Freund Philipp in Kummer sein würde, wenn er seine traurige geschichte erführe, ohne weiter Nachricht von ihm zu empfangen, daran dachte sein Egoismus nicht.
Nachdem er die Nacht in einer Dorfschenke zugebracht hatte, kam er den folgenden Morgen in einem wirtshaus in der Vorstadt von Lennep an. Da fand er einen preussischen Werbeoffizier, welcher dort mit einigen Rekruten übernachtet hatte, die er von Köln nach Hamm transportierte. Schnell fiel unserm Anselm ein, in seiner äussersten Not zum Soldatenstande Zuflucht zu nehmen: er gab sich zum Rekruten an. Der Offizier mass ihn von oben bis unten und erklärte darauf, er sei zum Soldaten zu klein und selbst zum Trommelschläger nicht gross genug. Dieser Offizier war übrigens ein freundlicher und, bloss den Punkt von Rekruten ausgenommen, mitleidiger Mann. Er liess, zur Vergütung der abschlägigen Antwort, unsern dicken und zu kleinen Mann mit sich frühstücken und einen teil seiner geschichte erzählen. Da er fand, Anselm wäre nicht ohne Geschicklichkeit, schrieb er, ehe er mit seinen Rekruten abmarschierte, ein Billett an einen jungen Edelmann, den er vorigen Abend in dem besten wirtshaus zu Lennep hatte kennen lernen. Dieser junge Mensch war eben mündig geworden und wollte sein Haus auf einen grossen Fuss einrichten. Der Offizier meinte, Anselm würde bei ihm füglich die doppelte person eines Kammerdieners und Leibchirurgus vorstellen können.
Anselm nahm die Empfehlung dankbar an und ging in die Stadt, das Billett abzugeben. Er musste bis um elf Uhr warten, ehe der unmündige Mündige aufstand, und bis um halb ein Uhr, ehe er vorgelassen ward. Der junge Herr las das Billett, mass Anselmen der Länge und Breite nach und sagte: »Ich weiss nicht, wohin der Herr Lieutenant mit seiner Empfehlung gedacht hat. Mein Freund! er ist viel zu klein und ganz unförmlich dick. Wer kann solche Leute um sich leiden?« Damit kehrte er sich um und liess ihn stehen.
»Mein Gott!« dachte Anselm bei sich, indem er die Treppe hinabging, »hier ist mir ja meine Statur in allem hinderlich! Wie muss man denn beschaffen sein, um hier zu land fortzukommen?« Indem ging er vor der Küche des Edelmanns vorbei, wo ihm der Geruch vieler köstlich zubereiteter speisen in die Nase zog; er