1794_Nicolai_128_82.txt

geben, schätzbar wurden.

Endlich fügte es sich einmal an einem Abende, dass nur eine kleine Gesellschaft gegenwärtig war. Desto munterer und vertraulicher ward die Unterhaltung bei Tische, und die Flasche ging frisch herum. Unsern dicken Mann bezauberte die frohe und angenehme Laune der Signora Bellonia. Ihn dünkte, er sei im Himmel. Er sprach noch mehr mit den Augen als mit dem mund; und er fing aus den Blicken der Schönen ein Feuer, welches durch Wein nicht konnte gelöscht werden, ob dieser gleich nicht gespart ward. Nach Tische war die Gesellschaft zu klein zur Konversation. Man machte eine kleine Bank. Anselm hatte am Spielen keinen Gefallen, die Signora auch nicht. Indessen schlug sie vor, weil es doch einmal gespielt sein solle, wollten sie beide in Gesellschaft ihr Glück versuchen. Eine solche Spielgesellschafterin konnte nicht ausgeschlagen werden. Sie setzten eine gemeinschaftliche Kasse auf den Tisch. Sie pointierte für beide, aber verlor, vermutlich, weil sie das Spiel nicht verstand. Aber wie denn Frauenzimmer zuweilen ihren kleinen Eigensinn haben; sie wollte das Geld durchaus wiedergewinnen, weil es ihrem caro Anselminuccio gehörte, wie sie sich ausdrückte, indem sie ihm die runden Backen klopfte. Sie verdoppelte; sie setzte viel Geld und verlor. »Ich merke«, sagte sie lächelnd, »wer in der Liebe glücklich ist, ist unglücklich im Spiele«, und sah zärtlich über die linke Achsel nach imxm Anselmino. Doch wollte sie das Geld wiederhaben und setzte höher. Nun kam sie ins Glück. Sie hielt das Blatt bis zum Sept-Leva. Das Blatt kam links heraus, und alles war wieder verloren. Jetzt stand sie auf und setzte unsern dicken Mann an ihre Stelle. Derselbe glühte vor Eifer, die beträchtliche Summe wieder zu erobern. Das Spiel dauerte bis früh um drei Uhr, da er und seine schöne Gesellschafterin alles, was sie bei sich hatten, und beinahe 8000 Konventionstaler auf Kredit verloren hatten und der Bankier, welches diesmal nicht der Bruder, sondern ein anderer Mann war, nicht mehr halten wollte. Anselm kam wie aus einem Todesschlummer zu sich und sah mit Verwunderung, dass fünf bis sechs handfeste Leute um den Tisch standen; was ihn aber am mehrsten befremdete, war, Plattern, seinen ehemaligen Schuldner, hinter dem Bankier stehen zu sehen, dessen Kroupier er zu sein schien.

Nun erfuhr er erst, es sei in diesem ehrbaren haus Sitte, über dasjenige, was auf Kredit verloren worden, sogleich einen Wechsel aufzusetzen, in drei Tagen fällig. Dies tat jeder anwesende Schuldner; und auch die schöne Sängerin, ihr Unglück verwünschend, stellte einen aus über ihren Anteil des Verlusts auf 3980 Konventionstaler. Anselm musste also das Nämliche tun. Er ging voll Verzweiflung nach haus. Er konnte nicht schlafen. Er konsultierte seinen Freund Hiffer als einen Rechtsgelehrten. Der machte ihm aber derbe Vorwürfe, dass er seine Philosophie so schlecht beobachtete, die alles Spiel, auch die kleinsten Konversationsspiele, hatte für verdammlich erklären wollen. Er begegnete ihm mit grausamem Spotte und sagte: Man sehe wohl, die sogenannte Virtuosin sei eine Intrigante, die dem sogenannten Bruder nur zum Lockvogel seines Spiels diene, Dummköpfe zu fangen. – Sogenannter Bruder! – Das war Anselm zu hart; denn er hatte noch während seines schlaflosen Morgens die schöne und witzige Signora für ein ehrliches Blut gehalten und sie beklagt, dass sie mit ihm so viel verloren habe. Er ging hin, sie zu besuchen, ward aber nicht angenommen. Nachmittags kam der Bankier mit Heftigkeit zu ihm sagend: Die Signora mit ihrem sogenannten Bruder sei heimlich abgereiset, ohne ihn zu bezahlen; und er gab deutlich zu verstehen, wie er hoffe, Anselm werde es wenigstens nicht ebenso machen. Anselm fand bei keinem seiner Kaffeehausfreunde Trost, noch weniger Hilfe; sie lachten ihn vielmehr aus, dass er sich durch so grobe List habe fangen lassen. Er musste zu Wucherern Zuflucht nehmen, verpfändete, was er hatte, und befriedigte den Gauner.

Nun aber war er in den bedrängtesten Umständen; denn ihm blieb weniger als nichts. Seine Ehre und sein Einkommen waren verschwunden; er merkte nach wenigen Wochen, dass er das Gespräch der ganzen Stadt war und dass der Vorfall, der mit vielen Zusätzen und falschen Umständen erzählt ward, die meisten Häuser, in denen er Arzt gewesen war, von ihm abwendig machte. Seine Einnahme nahm sichtlich ab. Die Gläubiger und Wucherer drängten ihn und drohten mit Gefängnis. Er war genötigt, seine Möbel zu verkaufen; denn er hatte nicht unterlassen, hier auch sich mit Mahagony-Sekretären und Tischen, desgleichen mit weichen Ottomanen und bunten Fussdecken zu versehen. Ja er musste sogar seine Kleider verkaufen und versetzen, um nur zu leben. Er kam endlich so weit, dass er nicht den Unterhalt eines Tages mehr hatte. Nichts blieb ihm übrig, und er hatte noch verschiedene kleine Schulden, die er schlechterdings nicht bezahlen konnte und doch täglich darum gemahnt ward.

Vierunddreissigster Abschnitt

Verschiedene Versuche, Lebensunterhalt zu finden. Verzweiflung und ein kleiner glücklicher Zufall

Ganz betäubt schlenderte Anselm zum Ratinger Tore hinaus, ging wohl eine Stunde fort, ohne sich zu besinnen, und so kam er unvermerkt bis unter das Dunkel der dicht verwachsenen Bäume vor dem Eingange des Specker Mönchsklosters à la Trappe. Plötzlich ergriff ihn der Gedanke, der Welt, worin er gar keine Freunde mehr hoffen zu können vermeinte, zu entsagen und sich im Kloster à la Trappe zu vergraben. Gerade die