1794_Nicolai_128_81.txt

sind eine Menge herumreisender, besonders italienischer und französischer, Virtuosen beflissen, welche, wie ehemals manche alten Heiligen und Bischöfe den Glauben, ihre Töne fortpflanzen und dafür, so wie jene, die Taler der Zuhörer einstecken.

In diesem Geschäfte kam auch damals nach Düsseldorf die Signora Bellonia nebst ihrem Bruder, dem Signor Bellonio, der aber kein Sänger, sondern bloss Fratello di Musica war, eine berühmte Cantatrice, welche auf den Teatern in London und dem Haag und wer weiss auf welchen andern in den Opere buffe die Rollen di Mezzo carattere wollte gesungen haben und sich auf ihrer Durchreise nach den Höfen zu Stockholm und Petersburg, wohin sie versicherte berufen zu sein, auf dringendes Verlangen vieler Kenner der Musik hatte bewegen lassen, einige Konzerte zu geben, so wie schon in der letzten Saison in den Bädern zu Spaa und zu Aachen.

Signora Bellonia war nicht mehr in ihrer ersten Jugend, aber sie war gut gewachsen, hatte ein niedliches Gesichtchen, welches sie durch Hilfe einiger Pomaden und Pulver zu einem recht allerliebsten Lärvchen umschuf. Dabei war sie artig, gefällig, unterhaltend und konnte französisch nach italienischer Aussprache ziemlich fertig plaudern. Was ihr Singen betraf, so war es kaum del mezzo; sie war, wie der Italiener zu sagen pflegt, »eine schöne, obgleich nicht eine gute Sängerin«. Das ward aber durch ihre angenehmen Manieren reichlich ersetzt. Zudem gehörte sie nicht zu den armen Sängerinnen, die um ein Konzert betteln, damit sie Reisegeld haben. Sie wohnte in einer zierlichen Chambre garnie und hatte oft grosse Abendgesellschaften bei sich. Freilich ward vorausgesetzt, dass jeder Gast ein paar bayerische Taler unter das Kuvert legte, vermutlich nur für den Cameriere der Signora. dafür ass man aber auch vortrefflich und ward mit den herrlichsten Weinen bedient. Beim Spiele gab man auch einen bayerischen Taler Kartengeld für ein Konversationsspiel, und zuweilen machte der Signor Fratello eine kleine Bank. Doch war niemand zum Spiele genötigt. Die Signora selbst liebte das Spiel nicht und sass aufs höchste bei der Bank als Zuschauerin, wenn keine andere Unterhaltung war. Sobald sich aber ein Zirkel zur Konversation bildete, zog sie denselben vor, und da erschien sie als eine zehnte Muse, denn sie sprach nicht allein mit höchster Anmut von allen schönen Künsten, sondern sie war auch eine Improvisatrice und pflegte, auf einen oder den andern aus der Gesellschaft sehr artige Stanzen zu machen oder sonst in Reimen oder in Prosa jedem etwas Angenehmes zu sagen. Anselm gab auf die Signora Bellonia, ungeachtet sie ihm gefallen hatte, weiter nicht sehr acht; denn er hatte sich einmal vorgenommen, Frauenzimmer zu meiden. Seine Gedanken waren von Frau Sophien und ihren unglücklichen Tagen erfüllt. Er dachte darüber oft mit Wehmut nach, und wann er, wider seinen Entschluss, zuweilen in ein Weinhaus ging, so meinte er, es geschähe nur, weil ihm seine eigene wohnung allzu leer wäre, indem er Sophien darin nicht erblickte, und weil er sich zu zerstreuen suchte. Die Zerstreuung war immer von Jugend auf sein Hauptmittel gegen trübe Gedanken gewesen, die ihm gleich kamen, wenn es nicht nach seinem Sinne ging oder wenn er nicht wusste, was er wollte. Doch hatte Anselm, der soviel Bemerkungen machte, noch nicht ein einziges Mal eine sehr heilsame gemacht, nämlich: dass Zerstreuung sehr oft ein schlimmeres Mittel ist, als das Übel selbst, dass sie wenigstens nie das Übel wirklich hebt und dass derjenige, der durchaus nie trübe Gedanken bei sich dulden will, wenn sie auch eine rechtmässige Ursache haben, nie ernstafte Gedanken bei sich wird wollen aufkommen lassen, die ihn moralisch verbessern könnten.

Das Schicksal wollte indes, dass unser dicker Mann mit der Signora Bellonia näher bekannt ward. Es stiess dieser Virtuosin eine kleine Unpässlichkeit zu, und sie liess den Dr. Redlich holen. Sie empfing ihn in einem eleganten Morgennegligeé. Ihre Krankheit war nicht gefährlich, aber die Schwächlichkeit gab ihr einen besonderen, schmachtenden Reiz. Die Arzneien taten gute wirkung, eben so sehr aber schien die Unterhaltung des Arztes zu wirken; daher sie bei jedem Besuche ihn ins Gespräch brachte, zugleich ihm aber auch die niedlichsten Arietten vorsang und ihn nachher so angenehm unterhielt, dass er bedauert haben würde, ihre Genesung beschleunigt zu haben, wenn ihm nicht erlaubt gewesen wäre, auch nachher seine Besuche fortzusetzen.

Der Umgang mit dieser unterhaltenden person hatte für ihn sehr viel Anziehendes, so dass er, der schon seit ein paar Monaten sowohl zu haus als in den Kaffeehäusern immer Langeweile empfunden hatte, den glücklichen Zufall nutzte, in jeder Woche einige Abende in diesem haus zuzubringen. Man wird schon bemerkt haben, dass unser dicker Mann Zunder im Herzen hatte, welcher an schönen Augen leicht Feuer fing. Er konnte also, so sehr er auch immer Frau Sophien vor Augen behielt, nicht lange in die liebreizenden Augen der schönen Italienerin ganz ungestraft sehen. Aber nicht nur diese, sondern auch ihre lieblichen Arietten und angenehmen gespräche gewannen sein Herz. Wenigstens beredete er sich dieses, obgleich die Augen vielleicht doch einen grösseren Anteil an seinem Wohlgefallen hatten als Gesang und Gespräch. Er besuchte sie nunmehr auch vormittags bei ihrem Nachttische und war wohl vierzehn Tage lang ihr täglicher Abendgesellschafter. Er fing auch an, ihr Geschenke zu machen, wie dieses bei Virtuosinnen üblich ist. Sie nahm sie auf eine verbindliche Art an und erwiderte sie allemal mit Gegengeschenken: Kleinigkeiten, die nicht sowohl durch den inneren Wert, als durch die gar angenehme Weise, sie zu