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weniger hohe Häupter, welche die Kanonen lösen lassen, bloss um Lärm zu machen und die Langeweile zu zerstreuen, welche dennoch gleich einer neblichten Luft gewöhnlich um die Schlösser der Grossen schwebt. Ebenso suchen auch manche jovialische Menschen für die Zerstreuung und täglichen Vergnügen, die sie beständig haben müssen, wichtige philosophische Ursachen anzuführen, da doch die wahre Ursache nur ist, dass sie das echte und daurende Vergnügen nicht kennen, das aus nützlicher Beschäftigung entsteht, und daher auch mitten in allen ihren Zerstreuungen beständig von der Langeweile wie von einem dicken Nebel umgeben werden und gähnen müssen, wo sie froh sein wollten.

In einer solchen Gemütsstimmung ging Anselm einst ins Weinhaus, weil er eben gar nicht wusste, wo er bleiben sollte. Da fand er einen alten Universitätsbekannten, einen gewissen Hiffer. Dieser war in Göttingen nicht in philosophischen Disputen, wie Herr von Reiteim, sondern wo es lustig herging sein öfterer Gesellschafter gewesen. Jetzt war er Advokat oder Prokurator in Köln und hatte eine Reise nach Düsseldorf getan, um daselbst einen Vergleich wegen eines wichtigen Prozesses, der beim Reichskammergerichte schwebte, zu betreiben. Vergleiche zu machen, gehörte sonst nicht zum Gewerbe des Prokurators Hiffer; denn er fand eben nicht seinen Vorteil dabei, wenn gerichtliche Streitsachen zu Ende gingen.

Jetzt aber war es ein ausserordentlicher Fall; er hatte seinem Klienten geraten, den Gegenteil durch einen Vergleich geschwind zu überlisten, nachdem er durch einen Nachfolger des berühmten Juden Natan Wetzlar sicher erfahren hatte, es stehe nicht zu ändern, dass der Gegenteil eine günstige Sentenz bekomme. Hiffer gehörte eigentlich nicht unter die Anzahl der von der Obrigkeit bestellten Advokaten oder Prokuratoren, sondern er hatte sich zu beidem selbst bestellt und fand sehr seine Rechnung dabei, dass er manches in der Stille und durch andere ohne Verantwortung tun konnte, was die bestellten Advokaten wohl unterlassen mussten. Er war einer von den Leuten, welche in den Prozessen wühlen, einen Prozess zu erregen wissen, wo keiner möglich schien, und aus einem möglichen drei wirkliche machen. Er war sehr betriebsam und eben nicht gewissenhaft; daher kamen verwirrte und nicht ganz richtige Sachen am meisten in seine hände, und er befasste sich auch am liebsten damit, vorzüglich, wenn er dabei viel zu verdienen schien. Da war er der erste Mann in der Welt, einer Sache eine Gestalt zu geben, die der Gegenteil sich nie hätte träumen lassen. Er gehörte zu der Art von Advokaten, die den Zahnärzten gleichen, deren Zähne am meisten zu kauen haben, wenn vielen andern Leuten die Zähne wehe tun. Also dachte er auch wenig daran, ob Witwen oder Waisen etwas verlören, wenn er eine Sache verdrehen konnte zum Besten eines reichen Mannes, der ihn gut bezahlte. übrigens konnte er jedermann nach dem mund reden, war in allen Gesellschaften lustig und unterhaltend und nahm es daher auch über sich, die ziemlich düstere Laune unsers guten dicken Mannes in etwas aufzuhellen. Er erzählte ihm viel von Köln, von den Veränderungen des Bureau d'Esprit der Frau Hummer, das er nach seiner Art lächerlich machte, auch vielerlei von Sophien und ihrem mann, den er genau kannte, weil er ihm in einigen Rechtssachen bedient gewesen war und manches Mass Wein mit ihm ausgetrunken hatte. Er erzählte, dass derselbe aus Freude, seinen Vetter Anselm los zu sein, noch denselben Abend sich einen derben Rausch getrunken habe, welcher bald schlimme Folgen gehabt hätte; denn er hatte ihm, mit der Erhitzung der Reise zusammen, ein hitziges Fieber zugezogen. »Aber Unkraut vergeht nicht«, setzte Hiffer lachend hinzu, »er ist wieder gesund geworden und plagt seine Frau derber als jemals

Diese letzte Nachricht tat eine ganz widrige wirkung auf unsern Anselm. Vergebens suchte Hiffer, hundert andere lustige Geschichten zu erzählen. Sophiens Lage verbitterte unserm dicken mann alle Freude.

Hiffer, der die geschichte nicht ohne Ursache erzählt hatte, fragte ihn, warum er das so zu Herzen nähme, und wusste durch mancherlei Umschweife, von Anselm seine vormaligen Familienumstände und die ganze geschichte seiner Liebe zu Frau Sophien herauszuholen. Anselm hatte eine schwermütige Freude, seinen Kummer mitzuteilen und seine Reue, Sophiens Unglück veranlasst zu haben, auch gegen Hiffer zu zeigen. Er erzählte sogar, wie standhaft die edle Frau ihre traurige Lage ertrage, und zeigte das Bildnis, womit sie ihn beschenkt hatte. Hiffer liess zwar manches Hm! und Ha! hören, gab ihm aber in allem recht, lobte ihn und Sophien und schimpfte auf den Mann. Dies heiterte unsern Anselm etwas auf, und sie schieden als die besten Freunde von einander. Ob Hiffer bei diesen Erkundigungen irgendeine besondere Absicht gehabt, wird sich vielleicht künftig zeigen. Jetzt diente er noch unserm Helden, ihm zu verschiedenen Bekanntschaften zu verhelfen in Häusern, wo ihn seine gerichtlichen Geschäfte bekannt gemacht hatten. In allen ward gespielt. Hiffer selbst liebte das Spiel und verteidigte es gegen Anselm: nicht die Torheit, sein Vermögen auf eine Karte zu setzen, sondern ein mässiges Spiel als einen Zeitvertreib und als ein Mittel, in den Gesellschaften nicht überflüssig zu sein, wo, dem allgemeinen Gebrauche zufolge, gespielt wird. Da unser Anselm aber gegen das Spiel einen allzu entschiedenen Widerwillen hatte, so suchte er lieber andere Bekanntschaften, und es gefielen ihm allenfalls diejenigen besser, wo Spazierfahrten und Konzerte das Hauptvergnügen waren.

Der Gesellschaften in Wirtshäusern und Weinhäusern überdrüssig, ohne sie verlassen zu wollen, fiel unser dicker Mann jetzt auf die Musik. Den Geschmack daran zu unterhalten