betreten wollte, abkommen.
Anselms medizinische Praxis in Düsseldorf fing gleich in den ersten Monaten an, guten Fortgang zu gewinnen. Man hatte Vertrauen zu ihm, und ihm gelangen verschiedene wichtige Kuren. Er begann, Zufriedenheit zu fühlen und Hoffnung, er könne noch glücklich werden. Jetzt suchte er seinen vorigen Plan wieder hervor, einzeln zu leben und lieber nach den Frauenzimmern gar nicht zu sehen. Er gab sich selbst dazu eine sentimentale Ursache: nämlich, nun er Sophien nicht haben könne, wolle er gar nicht heiraten. Auch war allerdings die ausbündigste Hochachtung gegen Frau Sophien in seinem Herzen, nebst der aufrichtigsten Betrübnis, dass er Ursache gewesen, sie mit einem mann gepaart zu sehen, mit dem sie nie glücklich werden konnte. Aber auf seinen Entschluss hatte, ihm unbemerkt, seine Neigung, ungebunden zu leben und so viel zu geniessen, als er nur konnte, den grössten Einfluss. Er hatte beiläufig die ökonomische Bemerkung gemacht, eine Frau koste viel Geld; und das dachte unser weiser dicker Mann lieber auf sein eigenes Vergnügen zu wenden.
So sehr er sich aber auch vornahm, Vergnügen zu empfinden, fühlte er doch beständig ein gewisses Leere. Er fand keine Familien, die ihm gefielen, eigentlich, weil das Familienleben seiner Laune nicht behagte; er suchte sich also einen füglichen Grund, öffentliche Örter zu besuchen. Gründe, das zu tun, was man wünscht, findet man immer. Anselm liebte, so zu leben wie ihm gut dünkte, und hatte gar keine Neigung, in Gesellschaften dem Zwange zu folgen, welchen Wohlstand und Konvenienz auflegen. Daher gefielen ihm Gelage in öffentlichen Häusern, wo niemand zu haus ist und keiner vor dem andern aufstehen darf. Er suchte sich aber zu bereden, dass er hierbei nach andern Gründen handle. Er sagte zu sich selbst: wenn seine Praxis zunehmen solle, müsse er Bekanntschaften machen, und die liessen sich, wie er meinte, am besten in Kaffeehäusern und Weinschenken finden; ferner beredete er sich, an diesen Örtern könne seine Kenntnis der Menschen vermehrt werden. Er hatte nun aller teoretischen Philosophie, kritisch oder nicht kritisch, Abschied gegeben, weil er sie für Ursache hielt, dass er oft so unweise gehandelt hatte, welches ihm wieder ein Trost war, indem er nun auf die spekulative Philosophie, der er entsagen wollte, das schob, woran eigentlich seine Sinnlichkeit schuld war, die er noch beizubehalten dachte. So vermeinte er dann nun, die Menschen in allen Lagen kennen lernen zu müssen, sie zu beobachten und über alles seine Betrachtungen anzustellen, und bildete sich wirklich ein, praktische Philosophie zu zeigen, weil er täglich in Kaffeehäusern und Weinschenken anzutreffen war.
In den sehr vermischten Gesellschaften dieser Häuser lernte unser dicker Mann freilich gar mancherlei Leute kennen, aber keine, die des Beobachtens wert gewesen wären. Müssiggänger sah er ihre Zeit töten. Tabakrauchen und Trinken, indolentes Hinblicken über einen Haufen gleichgültiger Leute, Zeitungslesen und Spiel ist alles, was man in solchen Häusern antrifft. Diese Zusammenkünfte werden sehr uneigentlich Gesellschaften genannt. Die Engländer unterscheiden in ihrer Sprache zwischen Company und Society: [Fussnote] ein ebenso feiner als richtiger Unterschied, den die in vieler andern Rücksicht so reiche, aber zur Sprache des Umgangs lange nicht genug ausgebildete deutsche Sprache noch nicht aufgenommen hat. Der Zulauf an öffentlichen Örtern ist ein Haufen Leute, die Gemeinschaft mit einander haben; aber Gesellschaft machen sie nicht aus, so wenig, als ein Zimmer voll unbedeutender Bildnisse ein Gemälde, das auf Geist und Herz wirkt.
Auch fand sich Anselm, nachdem er ein paar Monate diese Örter besucht hatte, daselbst so einsam wie zu haus; oft sass er da mit starrem Blicke und staunend, als ob er Drahtpuppen sich bewegen sähe. Nirgend war Genuss, allentalben toter Zeitverderb ohne Frohsinn. Unter diesen lebendigen Maschinen interessierten ihn bei seiner Langeweile die Spieler noch am längsten; denn obgleich die Hazardspiele im Herzogtume Berg verboten sind, ward doch nicht streng über das Gesetz gehalten. Da er selbst keine Neigung zum Spiele hatte, so konnte er nicht begreifen, wie jemand täglich die Zeit mit einem solchen Unvergnügen verderben und noch dazu seinen Wohlstand und folglich sein wahres Vergnügen aufs Spiel setzen könne. Die tote Gleichgültigkeit der Spieler von Profession und die schrecklichen Leidenschaften der Neulinge, die wilde eigennützige Freude, wenn sie gewinnen, und die tobende Wut, wenn sie verlieren, schien ihm gleich hassenswürdig. Er machte darüber ganz feine philosophische Betrachtungen, wie es denn sehr leicht ist, über die Torheiten zu philosophieren, welche man nicht begehen mag. Vielleicht war es wegen der Leichtigkeit dieser Betrachtungen, dass er ihrer bald überdrüssig ward. Seine tägliche Langeweile mischte sich in seine Philosophie sowie in das Vergnügen, das er an öffentlichen Orten zu finden dachte und nicht fand. Er wünschte sich, wenn er da war, zu haus; wenn er zu haus war, aufs Kaffeehaus. Nirgend war er an seinem rechten Orte; denn ob er gleich ausging, um durch Zerstreuung seine Grillen zu vertreiben und sich zu vergnügen, so fand er doch nirgend ein Vergnügen und Ruhe, die er im inneren seines Geistes, in täglicher nützlicher Geschäftigkeit und im Wohltun hätte suchen sollen. Bei den Leuten, welche Abneigung von nützlicher Beschäftigung fühlen und daher ihre Zeit nicht hinzubringen wissen, sind die Ursachen, sich zerstreuen zu müssen, wie an Höfen die Ursachen, das Geschütz zu lösen. Freude und Leid wird dadurch auf gleiche Art angekündigt; ja es gibt hohe und