stand, so glaubte er, ihm stehe auch nicht zu helfen. Philipp fand ihn in einer dieser trüben Stunden; und auf Befragen, was ihn so traurig mache, schüttelte Anselm bald sein Herz in den Schoss seines treuen Freundes aus.
Philipp tröstete ihn: »Wie kannst du verzweifeln? Du bist gesund, bist erst einige dreissig Jahre alt; besitzest mancherlei Geschicklichkeiten und bist in der Praxis der Arzneikunst nicht unglücklich gewesen. Warum solltest du durch diese allein dich nicht wieder in eine glückliche Lage setzen können? Du musst aber nur wollen und standhaft ausführen, was du willst, so kann noch alles gut gehen. Ich habe weit weniger Geschicklichkeit als du, bin aber bloss durch Sparsamkeit und Fleiss und durch einen Glücksfall wohlhabend geworden. Jene beiden sind in deiner Gewalt; und warum solltest du, wenn du, mit Ernst, durch Fleiss und Sparsamkeit dir das Nötige schaffst, nicht auch auf einen Glücksfall hoffen können?«
»Nein! Nein!« rief Anselm, indem er sich im heftigsten Unmute vor die Stirne schlug: »Nenne mir nicht Sparsamkeit und Fleiss und Ordnung! Diese habe ich nie besessen, und eben dies und mein unverzeihlicher Leichtsinn ist Schuld an meinem Verderben. Das Glück, das dir widerfuhr, von einer würdigen Frau gewählt zu werden, verdientest du. Ich verdiene nichts, auch wird mir nichts werden! Die mich wählen würde, kann mich nicht wählen!« – Die Tränen stürzten ihm aus den Augen – »Nein! Es ist nichts in der Welt, worauf ich noch Hoffnung bauen könnte!«
Philipp sagte, ihm sanft die Hand drückend: »Du denkst nicht daran, dass du einen wahren Freund hast; wer den hat, muss nicht hoffnungslos sein!«
Anselm erwiderte mit einer hellen Träne im Auge: »Das ist es eben, was mich drückt, dass ich entweder meinem Freunde beschwerlich fallen muss oder keine andere Hoffnung habe, als mich wieder in die schimpfliche Dienstbarkeit zu begeben, in welche ich schon geraten war.«
Philipp erwiderte: »Glaubst du denn, einem wahren Freunde könne es je beschwerlich fallen, seinem Freunde gerade dann zu helfen, wann dieser der Hilfe eines wahren Freundes bedarf? Sollte ich dich nicht billig bei dir selbst anklagen? Es hat mir wehe getan, dass du mich ohne alle Nachricht von deinem Zustande liessest, nie das Vertrauen zu mir zeigtest, dass ich als Freund an dir handeln würde.«
Und nun verkündigte ihm Philipp die gute Nachricht, worauf sein Brief ihn schon vorbereitet hatte. Platter hatte von einem Oheim eine beträchtliche Summe geerbt. Philipp hatte dies erfahren, hatte den Wert der ihm zedierten Verschreibung eingeklagt, hatte mit der diesen Nachmittag angekommenen Post die Bezahlung erhalten und legte dieselbe in guten holländischen Wechseln in Anselms hände.
Anselm äusserst bestürzt, sagte: Er könne auf diese Summe keinen Anspruch machen, da er sie seinem Freunde geschenkt habe und ihm mehr als dieses schuldig sei. Philipp beteuerte, er habe die Verschreibung nur bloss in der Absicht angenommen, um das, was jemals davon könne einkassiert werden, für seinen Freund zu verwahren. Nach einem langen grossmütigen Streite zwischen beiden Freunden, musste Anselm die fünftausend Speciestaler behalten.
Nun war unser dicker Mann auf einmal im Besitze eines Kapitals, womit er sich auf anständige Art einrichten konnte. Er setzte sich vor, die Ausübung der Arzneiwissenschaft nunmehr zu seinem Geschäfte zu machen. Es kam darauf an, einen Ort seines Aufentaltes zu wählen. Aus Ursachen, die oben schon angezeigt sind, die er sich selbst aber nicht ganz deutlich entwickelte, wollte er nicht in Elberfeld bleiben; aus ähnlichen, obgleich verschiedenen, nicht in Köln und Aachen. Er wählte Düsseldorf zum künftigen Wohnorte und ging in kurzem dahin ab.
Dreiunddreissigster Abschnitt
Neue Anstalten Anselms, um weise und dadurch glücklich zu leben, und deren Erfolg
Unser dicker Mann fasste nun den ernstaftesten Entschluss, weise zu sein. Ohne diesen Entschluss kann niemand wirklich glücklich leben; aber bloss durch denselben wird man auch weder weise noch glücklich, wie unter andern die geschichte unsers Helden zeigt. Dies glaubte er jetzt selbst einzusehen und beschloss, seine Massregeln danach zu nehmen.
Er erzählte sich unparteiisch alle seine Torheiten vor und erkannte sie für grosse Torheiten. Sich selbst so strenge richten, ist sehr löblich und der erste Weg zur Besserung. Aber bei dieser Strenge ist es gut, noch das Misstrauen gegen sich zu haben, dass man vermute, man habe bis jetzt noch lange nicht alles Törichte erschöpft. Unser guter dicker Mann glaubte, wenn er sich nur recht hüte, ferner keine von seinen vorigen Unbesonnenheiten zu begehen, gewiss ganz weise sein zu können. Dass es noch andere verkehrte Dinge gebe, als die, deren er sich schuldig wusste, schien ihm nicht erheblich zu sein, weil er nicht daran dachte, in sie fallen zu können. Auch war ihm, trotz der strengen Musterung seines vergangenen Lebens, eine Hauptfalte seiner Gemütsart entgangen, die ihn in manche Übel gestürzt hatte. Dies war die leichte Beweglichkeit seines Charakters, welche ihn geschwind an Personen und Geschäfte ankettete, die er hätte vermeiden sollen, und die ihm seine Hauptgeschäfte leicht überdrüssig machte, ob er sie gleich mit Eifer anfing, welches wieder in seiner Neigung zur Gemächlichkeit lag, der er von Jugend auf allzu viel nachgegeben hatte. Diese Eigenschaft, mit seiner lebhaften Einbildungskraft gepaart, liess ihn beständig den nächsten Eindrücken folgen und dadurch unvermerkt von dem guten Wege, den er