eine süsse Empfindung, bei ihr zu sein, und doch ward ihm jeder Augenblick dadurch verbittert, dass er durch eigene Schuld verfehlt hatte, diese edle Seele glücklich zu machen und selbst durch sie glücklich zu werden. Dabei gewährte ihm jede Betrachtung über ihre beiderseitige Lage die doppelte traurige Überzeugung, dass er sein Unglück verdient habe, sie aber ein besseres Glück.
Einunddreissigster Abschnitt
Freundvetterliche Aufnahme, welche Anselm von Sophiens Ehegatten geniesst
Diese unschuldigen frohen Stunden, sowie der Harm, den sie mit sich führten, dauerten bis zur Ankunft des Mannes. Frau Sophie hatte geglaubt, sie müsse ihren nächsten Verwandten, der sich in einem so verlassenen Zustande befand, in ihr Haus aufnehmen. Sie hatte ihrem mann sogleich in einem Briefe Nachricht davon gegeben, den er unbeantwortet liess, seine Rückreise beschleunigte und bei seiner Ankunft seinen Vetter mit mehr als Kaltsinn, mit Unhöflichkeit, empfing. Dieser Kaufmann, der in Limnich an der Roer anfänglich nur ein unbedeutender Krämer war, hatte Sophien geheiratet, weil Meister Anton, der für einen reichen Mann gehalten ward, Sophien sehr liebte und wohl einmal im gespräche hatte fallen lassen, er wolle sie in seinem Testamente wie sein eigenes Kind bedenken. Der Kaufmann dachte die wirkung des Testaments schon zu antizipieren, denn er ersuchte, ein paar Jahre nach seiner Verheiratung, Meister Anton um Vorschuss eines Kapitals, womit er die ersten glücklichen Spekulationen machte, um seinen Handel ins Grosse zu treiben. Er glaubte, dies Kapital mit gutem Gewissen auf Abschlag der grossen Erbschaft annehmen zu können, die ihm zufolge des Testaments zufallen müsste; daher er es auch nie verzinsete. Meister Anton hatte aber nachher kein Testament gemacht, wie denn sehr viele Leute glauben, eine solche Handlung lasse sich am besten lange aufschieben und der Tod werde so geschwinde nicht kommen. Anselm hatte zwar gleich nach Antritte der Erbschaft das Kapital grossmütig in seinem Hauptbuche gelöscht und dies auch seinem Vetter gemeldet, dieser aber hatte nicht einmal darauf geantwortet. Er war erbost, weil er glaubte, Anselm habe ihn um eine grosse Erbschaft gebracht, und hasste ihn deshalb herzlich. Er liess sogar seit der Zeit auch Sophien empfinden, dass er nun durch sie die grosse Summe nicht ererbe, welche er als schon ihm zugefallen betrachtet hatte.
Sein Betragen ward viel ärger, als er den gehässigen Vetter unter seinem dach erblickte. Er tobte ganz unvernünftig im haus herum. Bei diesem unfreundlichen Empfange, welcher der guten Frau Sophie manche Träne kostete, blieb unserm Anselm nichts übrig, als das Haus seines Vetters und zugleich auch Köln zu verlassen, denn in seine vorige Stelle beim Ratsherrn Hummer konnte er ehrenhalber nicht zurückkehren, und was sollte er sonst in Köln machen? Philipp hatte ihm bei Übersendung des Doktordiploms zugleich eine Summe Geldes geschickt und gemeldet, er wünsche ihn wohl wegen einiger Sachen zu sprechen, auch könne er ihm vielleicht in kurzer Zeit eine gute Nachricht mitteilen. Es ward also beschlossen, nach Elberfeld zu reisen. Frau Sophie, welche die Härte ihres Mannes fühlte, ohne ihn anzuklagen, da einmal ihr Schicksal mit dem seinigen verbunden war, fand noch eine Viertelstunde, um von ihrem geliebten Vetter ohne Zeugen Abschied zu nehmen. Sie schenkte ihm ihr Bildnis in Miniatur. Über alle massen durch dies Geschenk erfreut, netzte er ihre Hand mit Tränen und klagte laut, dass er dessen nicht würdig sei. Er sann einen Augenblick nach und fand nichts bei sich, was er ihr zum Andenken wieder geben könnte. Er sagte es, und ein Strom von Tränen stürzte aus seinen Augen. Weibliche Zuneigung ist scharfsichtig! Frau Sophie schnitt eine von seinen wallenden Locken ab und verbarg sie weinend in ihrem Busen. Sie gab ihm einen keuschen Kuss und riss sich in dem Augenblicke aus seinen Armen. Mit schwankendem Tritte verliess sie das Zimmer, er das Haus; sie sahen sich nicht wieder.
Zweiunddreissigster Abschnitt
Anselms Reise nach Elberfeld. Neuer Glückswechsel
Anselm fand seinen Freund Philipp in der glücklichsten Lage: im ungestörten Genüsse seiner geistigen und körperlichen Kräfte, wohlhabend, zufrieden, Gatte einer angenehmen und klugen Frau, Vater von zwei gesunden Kindern. Alle seine Wünsche erfüllt, ohne Überdruss, denn seine Wünsche erneuerten sich täglich: sie bestanden darin, Glück und Zufriedenheit um sich her auszubreiten und dadurch selbst zufrieden und glücklich zu leben. Jeder tat in diesem haus froh seine Pflicht; die Arbeit ward nie Last, sondern war Vergnügen, und nie ward ein Vergnügen so unmässig gebraucht, dass es eine Last geworden wäre.
Anselm machte in den ersten acht Tagen, da er sich hier aufhielt, Vergleichungen mit sich selbst, welche nicht zum Vorteile seiner Klugheit ausfielen, auf die er sich doch von Jugend auf so viel eingebildet hatte. O! seine schönen Pläne von Lebensgenusse, deren mannigfaltige Gestalten immer seine Lieblingsbeschäftigung gewesen waren! Hier sah er sie abermal realisiert; er selbst aber hatte sie nie ausführen können, weil er immer unrechte Mittel brauchte. Er bedauerte abermal die verflossenen Jahre; er verwünschte seinen Leichtsinn, durch welchen er sein eigenes Wohl untergraben und sich, wie er nun überzeugt zu sein glaubte, alle Aussichten zu einer künftigen bessern Lage verschlossen hätte. Es war immer der Charakter unsers dicken Mannes gewesen, im Glücke leicht sorglos zu werden und im Unglücke leicht zu verzagen. Jetzt aber wirkte die unglückliche Lage, in welcher er Frau Sophien gefunden hatte, noch mächtiger, um sein Gemüt ganz niederzuschlagen. Er sah sich als die Ursache davon an, und so, wie ihr nicht zu helfen