das Gesicht war rot und aufgetrieben, und der Puls, worin, so wie im Pulse des Arztes selbst, der Geist des alten Weines wallte, ging sehr schnell. Der Doktor verordnete einen baldigen Aderlass, sagte, er werde morgen früh bei guter Zeit wiederkommen, zu sehen, wie sich der Kranke befinde, worauf er sodann weiter das Nötige verordnen würde; und damit ging er fort, um seinen eigenen Fasttag auszuschnarchen.
Zum Unglücke war der Hausbarbier, zu dem man schickte, über Land gerufen worden. Alle anderen Wundärzte wohnten sehr entfernt. Den Augenblick, wo man ratschlagte, wohin zu senden sei, nutzte Anselm, der den Ratsherrn mit Verwunderung hatte fasten sehen, auch seinen Rat zu geben. Indem er zugleich das Geheimnis verriet, dass er ein promovierter Doktor sei, sagte er seine Meinung: wenn man jetzt dem Kranken aderliesse, da er eine so gewaltige Indigestion habe, werde ein schleuniger Tod erfolgen. Er riet dagegen, sogleich ein Brechmittel zu geben und noch eine andere Arznei, welche Doktor Kämpf berühmt machte und durch welche Doktor Kämpf selbst berühmt ward. Frau Hummer war in der grössten Angst. Zu Anselms medizinischer Erfahrung konnte sie eigentlich kein Vertrauen haben; aber die Aderlasser waren weit entfernt, der Apoteker hingegen wohnte dicht an im nächsten haus, und der Kranke wollte alle Augenblicke ersticken. Sie wählte also die Arzneien, weil sie geschwind konnten geliefert werden, – und mit dem besten Erfolge; denn der Kranke ward merklich ruhiger und fiel bald in einen gesunden Schlaf, der an vier Stunden dauerte. Da fand er sich nun so sehr erleichtert, dass er noch mehr Arzneien von seinem Kammerdiener verlangte; und Anselm verschrieb beherzt noch ein Wiener Tränkchen.
Um zehn Uhr vormittags erschien der Arzt, nachdem er die Folgen seines gestrigen Fastens ausgeschlafen hatte. Er fand den Kranken in einem Lehnstuhle sitzen und äusserlich ganz wohl. Sogleich rief er triumphierend: da könne man die herrliche wirkung des schleunigen Aderlassens sehen. Aber er ward nicht wenig entrüstet, als er vernahm, dass nicht die Ader gelassen, sondern Arzneien genommen worden, die er nicht verordnet hatte. Sein Zorn ward noch mehr entflammt durch den Barbier, welcher bei seiner Zurückkunft vernommen hatte, dass in der Nacht nach ihm war geschickt worden. Er kam daher jetzt voll Blutbegier, musste aber leider vernehmen, dass dieselbe durch seine Lanzette nicht sollte befriedigt werden.
Beide gingen voll Unmut weg. Der Doktor liess sich in der Apoteke sogleich die von Anselm verschriebnen Rezepte geben als ein Corpus delicti, welches bewies, dass ein Schreiber die edle Medizin hätte praktizieren wollen; und auf diesen Grund stellte er gegen unsern armen dicken Mann eine Kriminalklage an. Der Advokat führte sehr gelehrt aus, welche grosse Gefahr Se. Wohlweisheiten bei dem unverständigen Rate dieses unwissenden Schreibers gelaufen wäre, wenn nicht zum grossen Glücke der ganzen Stadt dessen vortreffliche natur über die Wirkungen der Pferdearzneien des Pfuschers gesiegt hätte. Es sei aber, setzte er hinzu, noch nicht alle Gefahr vorüber, indem sich, als eine Folge jenes unvernünftigen Brechmittels, ein Schleimhusten und öftere Beklemmung zeige, welche schon jetzt in ein habituelles Astma und darauf in Brustwassersucht würden ausgeartet sein und die gute Vaterstadt eines so ansehnlichen Ratsherrn beraubt haben würden, wenn nicht der Doktor, sein Klient, sogleich die wirksamsten Mittel entgegengesetzt hätte.
Die Beisitzer des Gerichts, welche auch Liebhaber von reichlichem Fasten waren, erschraken über Anselms Verwegenheit und drohten schon im voraus die schärfsten Strafen. Umsonst berief er sich darauf, dass er auch Doktor sei. Er konnte sein Diplom nicht vorzeigen, denn er hatte es in Elberfeld bei seinem Freunde Philipp zurückgelassen nebst andern Sachen, die er in der philosophischen Ruhe auf dem Gute seines Freundes Reiteim nicht zu gebrauchen dachte. Der Ratsherr befand sich nach der von Anselm verordneten Arznei zwar wirklich besser, aber sein Doktor sagte ihm so oft, er befinde sich übel, und drohte ihm mit so vielen griechischen Namen von Krankheiten, dass sowohl er als seine Frau an ihrem Kammerdiener irre wurden. Die Sache machte in der Stadt viel Redens, und der Pöbel fing schon an, auf die Verwegenheit eines ketzerischen Schreibers seine Aufmerksamkeit zu richten, welcher durch eine ohne Vorwissen der Fakultät verordnete Arznei die Stadt um einen so gut katolischen Ratsherrn hätte bringen wollen. Anselm war also von jedermann verlassen und ging bereits mit sich zu Rate, ob er zur Vermeidung der unangenehmen Folgen, die unausbleiblich auf ihn warteten, nicht lieber heimlich von Köln weggehen wolle.
Unter diesen Umständen, die ihn äusserst betrübt und verlegen machten, trat ein wohlgekleideter Komtorbedienter ins Haus, sich nach ihm zu erkundigen: ob er aus Vaals gebürtig sei, nebst andern fragen. Er ersuchte ihn darauf, in die Sankt Severingasse in ein bezeichnetes Haus zu kommen, wo ihn jemand sprechen wolle.
Anselm ging hin. Er war nicht wenig bestürzt, hier die Gespielin seiner Jugend, Frau Sophie, zu finden, gegen die er so undankbar gewesen war, die ihn jetzt aber als ihren nächsten Verwandten herzlich umarmte. Ihr Mann hatte schon in Limnich an der Roer, nachdem sein Kapital angewachsen war, einen ansehnlichen Spekulationshandel mit Getreide angefangen. Derselbe war so einträglich geworden, dass er sich demselben ganz widmen wollte und daher seit einem Jahre nach Köln als dem Stapelplatze gezogen war. Jetzt eben war er nach Holland gereiset wegen einer dahin gesandten Ladung Getreide und Wein und um wegen seines in Köln angefangenen Speditionshandels, der täglich beträchtlicher wurde, mit seinen Korrespondenten Abrede zu