. Innozentius bald noch viel mehr in ihre Gunst gekommen sein; denn sie fand sich sehr geschmeichelt, dass ein so grundgelehrter Mann sie seiner Zuneigung würdigte.
Er hatte einen gefährlichen Nebenbuhler an dem Herrn Doktor Bonifazius Treter, Beisitzer des hohen Gerichts am Dome, einem schönen mann, kaum sechsunddreissig Jahre alt, wohlgewachsen und redselig, der mit einem Domherrn nach Paris und Rom gereiset war und also vollkommene Weltkenntnis und feine Sitten besass. Auch er wartete der Frau Hummer fleissig auf; und, um den Pater Innozentius in ihrer achtung herabzusetzen, disputierte er oft in der Gesellschaft mit ihm aus dem kanonischen Rechte, worin er ein Meister war, P. Innozentius aber nur mittelmässiger Kenner; auch brachte er ihn oft mit dem P. Alexius über die Lehre von der unbefleckten Empfängnis zusammen, welche der Dominikaner, vermöge seines Ordens, nicht zugeben durfte, und sich doch auch in Acht nehmen musste, bei dem Abbé Spitzhaupt, als Gewissensrate der Frau Hummer, durch allzustarke Gründe wider diese den Jesuiten so nützliche Lehre, sich nicht in Ungunst zu setzen.
Hierin stand ihm der P. Hilarion a S. Aquilino, ein unbeschuhter Karmeliter, treulich bei. Dieser Mönch war kugelrund und glatt, wie einem Karmeliter gehört, ausbündig unwissend, dagegen aber auch ein grosser Schwätzer. Er hatte immer einen lustigen Einfall im mund, den er um so viel eindringender zu machen wusste, da er beständig zuerst darüber lachte. Er war ein gefährlicher Gegner des P. Innozentius, wegen einer Streitigkeit, die das Dominikanerkloster mit dem Karmeliterkloster hatte, daher er ihn beständig aufzuziehen suchte. Dieser Pater genoss des besonderen Beifalls des Ratsherrn Hummer, denn er war der einzige aus der gelehrten Gesellschaft, welchen dieser eigentlich, wegen seines allzeit fertigen Mönchswitzes, für sich brauchen konnte.
Noch gehörten zwei Jünglinge zu den Auserwählten des Bureau d'Esprit der Kölnischen Madame Necker: beide Dichter, aber von sehr ungleichem Charakter. Der eine, Herr Johannes a Deo Selten, ein blassbäckiges, hohläugiges Gesichtchen, sehr zärtlich und empfindsam, war ein verzärteltes Muttersöhnchen. Er war schwach wie ein Schatten, und seine Verse handelten von den vielen Leiden, die er von seiner Jugend an glaubte, ausgestanden zu haben, und immer noch ausstand, worüber er beständig zärtliche Elegieen vorlas, welche bei der Frau Hummer, die selbst etwas schwächlich und zärtlich war, guten Eingang fanden. Der andere, Herr Eulogius Wildner, ein rüstiger Bursch, sah auch blass und eben nicht helläugig aus; denn er hatte geschwind gelebt, hatte bei seines Vaters zeiten schon sehr viel Schulden gemacht und nach dessen tod sein Vermögen bald aufgezehrt. Er half sich nun durch, so gut er konnte, mit guten Freunden, und wenn er keine Gesellschaft fand, die ihn bewirten wollte, machte er verliebte Gedichte. Davon richtete er nicht wenig an die Frau Hummer, aus keiner unerlaubten Absicht; denn er tat ihr bloss die Ehre, ihr zuweilen Geld abzuleihen.
Neunundzwanzigster Abschnitt
Wie eine von den gelehrten Zusammenkünften bei der Frau Hummer ihrem Eheherrn übel und zuletzt wohl bekam
An einem Freitage, welcher Tag, zur Nachahmung der Madame Necker, [Fussnote] auch den gelehrten Versammlungen der Auserwählten gewidmet war, hatten die eben geschilderten Personen das gelehrte Kampfspiel mit vollkommenstem wechselseitigen Beifall geübt. Scholastische Philosophie und katolische Poesie über die Wunder der Heiligen hatten mit schmachtenden Elegieen abgewechselt im feinsten Tone der Seminaristengalanterie. Ratsherr Hummer hatte an diesem von der Kirche vorordneten Fasttage mittags schon das selige Geschäft des Fastens an Nudeln, frikassierten Fröschen und leckern Eierspeisen mit wahrer Auferbauung getrieben. Er verfiel, wie gewöhnlich, während der gelehrten Unterhaltungen in einen sanften Schlaf; und so laut auch die Disputationen des P. Alexius und die lustigen Einfälle des P. Hilarion wurden, so wachte er doch nicht auf, bis alles geendigt war und man ihn abermals zu Tische rief. Die Tafel war reichlich besetzt, denn Frau Hummer belohnte die gefälligkeit ihres Mannes, der ihre gelehrten Zusammenkünfte mit seiner Gegenwart beehrte und ihnen dadurch ein Ansehn gab, immer mit einer erspriesslichen Abendmahlzeit, wogegen auch die sämtlichen gelehrten Mitglieder des Büreau d'Esprit, selbst der leidende Jüngling, nichts einzuwenden hatten. Die Augen des Ratsherrn Hummer glühten, indem er sich zu Tische setzte, als er die grossen Anstalten zum vollständigen Fasten erblickte. Denn er war ein frommer Sohn der Kirche, und aus Gehorsam gegen ihre Gebote unterliess er nie, mit köstlichen Fischen und mit mancherlei Mehlspeisen aus Italien und Bayern reichlich mit Parmesankäse eingefuttert, freitags und sonnabends seinen Leichnam zu kasteien. Er genoss von allem, was da war, nicht mit Appetite – denn das wäre für einen Fasttag sündlich gewesen –, sondern mit Resignation, als ob er es nicht genösse. Besonders zog eine seltene Fischotterpaste seine fromme Aufmerksamkeit auf sich, so dass er einen grossen teil davon in sich stopfte. Der alte Rheingauer Wein und der treffliche Bleichert ward nicht gespart, und ein köstlicher Käse, Stracchino genannt, der eben erst nachmittags aus Italien angekommen war, krönte diesen Fasttag, so dass Ratsherr Hummer wohlgefastet zu Bette ging. Aber bald nach Mitternacht befand sich der teure Mann sehr übel. Alles ward im haus geweckt. Man eilte zum arzt. Dieser kam endlich mit verdriesslicher Miene, denn auch er hatte, als ein katolischer Christ, an einer guten Tafel gefastet, obgleich nicht so reichlich wie der Ratsherr, und wollte eben einschlafen, als er gerufen ward. Der Kranke lag in grosser Beängstigung, konnte keine Luft holen,