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und ihre eigenen Talente, welche da um den Vorzug stritten, und zuweilen etwas laut. Sie bestanden aus zehn oder elf Personen, welche für Köln und für Frau Hummer das waren, was Dorat, d'Alembert, Helvetius, Bernard, Barte, Tomas und Süard für Paris und für Madame Necker oder Madame Geoffrin.

Es wird der Mühe wert sein, diese Männer näher kennen zu lernen. Unter ihnen muss zuerst genannt werden: der Abbé Xaver Aloys Spitzhaupt, Exjesuit: ein langer und hagerer Mann mit feiner Nase und hochrundem Scheitel, sehr solenn und bedächtig im Anstande, dabei immer sanft und liebreich in Worten, ein Mann, der nichts ohne Absicht tat und seine Absichten auszuführen wusste durch die Beförderung des Guten und Schönen, das er immer im mund führte. Er besass einige Kenntnisse; denn er war Professor der Philosophie gewesen und galt unter den ehemaligen Jesuiten für einen Poeten, welches nichts Kleines ist, da die Jesuiten es darauf anlegten, für die ganze katolische Welt sowohl die Poeten als die Astronomen aus ihrem Orden zu stellen. Besonders hatte er sich der deutschen Sprache beflissen und war sehr bemüht, das echtkatolische Deutsch zu verfeinern und es von dem neuen sächsischen Deutsch zu säubern, welches durch Martin Luters Ketzerei nebst so vielem andern Übel über Deutschland gebracht worden und wodurch sogar sein Ordensbruder P. Michael Sailer zu Dillingen verführt ward, sich vermittels des häufigen Lesens von Lavaters Schriften seine echtkatolische Schreibart zu verderben. Wirklich würde Abbé Spitzhaupt die deutsche Sprache im katolischen Deutschlande auf einen ganz neuen Fuss gesetzt haben, wenn man ihm nur hätte folgen wollen; indes war er wenigstens der Sprachlehrer des reinen katolischen Ausdrucks in der Gesellschaft der Frau Hummer. Dabei ging er darauf aus, nach der gewöhnlichen Politik seines Ordens, auf die schulen Einfluss zu haben, und nicht ohne Erfolg; denn viele junge Kölner denken seitdem in der Rhetorik viel feiner, schreiben das verbesserte katolische Deutsch des Abbé Spitzhaupt und halten ihn, wie jeden Jesuiten, für einen grossen Mann.

Dieser Abbé kannte die Menschen und wusste sich ihrer zu bemächtigen; liess auch nicht leicht irgendetwas geschehen, was er abreichen konnte, worin er nicht die Hand gehabt hätte. So hatte er sich auch der Frau Hummer bemächtigt, welche seine Weisheit bewunderte, ihn aufs äusserste verehrte und fast nichts ohne ihn tat. Er war ihr Gewissensrat und ordnete auch ihre weltlichen Angelegenheiten ziemlich nach seinem Gefallen an; einige Herzensangelegenheiten ausgenommen, welche sich Dame Hummer selbst vorbehielt. Er musste herrschen, doch mit Sanftmut, in allen Gesellschaften, wo er war, und über alle Leute, mit denen er umging; konnte er nicht herrschen und seinen Willen ausführen, so bekam er Kopfweh und Magenkrampf und beklagte sich dann in ganz sanftem Tone, dass es so viele hämische Leute gäbe, die ihn verfolgten und ihm das Leben so sauer machten, dass er sich noch werde den Menschen ganz entziehen müssen. Bei allem diesem Missmute mit dem menschlichen Leben, hatte er sich ein paar gute Pfründen zu verschaffen gewusst, die er, ohne viel Aufsehn zu machen, zu geniessen verstand. Er sammelte eine Schar von Leuten um sich, die ganz in ihm lebten und zwischen denen er stand, beinahe wie der Messias unter seinen Jüngern, und von denen er ebenso verehrt werden wollte. Durch Hilfe derselben wusste er seine Pläne anzuspinnen und durchzusetzen, sich Einfluss zu verschaffen und seinen Beutel zu füllen, wozu er auch ziemliche Neigung hatte. Einige von diesen Jüngern erwarb er sich, weil er sich immer das Ansehn gab, er könne jedermann befördern; auch war er in der Tat, weil er sich sehr zu Grossen und Mächtigen in aller philosophischen Demut zudrängte, wirklich zuweilen im stand, jemandem, den er brauchte, wieder Dienste zu leisten. Andere hingen an ihm, bloss aus Guterzigkeit und aus achtung für seine Talente und Verdienste, so wie sie nun waren, welche er im vorzüglichsten Lichte zu zeigen und geltend zu machen noch besser verstand als irgendein anderer seines Ordens.

Unter seinen Anhängern der letzteren Art waren sehr vorzüglich zwei, welche er auch, um sie zu belohnen, in die Gesellschaft der Frau Hummer einführte. Der eine, ein Kanonikus Ofen, Besitzer einer mittelmässigen Pfründe, ein gutmütiger, geschickter und tätiger Mann, der den Abbé Spitzhaupt anbetete, nichts schrieb oder tat, was dieser nicht haben wollte, und sich allenfalls gefallen liess, dass manche seiner guten Ideen für Eigentum des Abbé Spitzhaupt hingingen; daher ihn dieser sehr brauchen konnte und auch beständig brauchte. Kanonikus Ofen war ein mageres, schmächtiges, blasses Männchen, immer bescheiden und fleissig, und lebte nicht für sich, sondern für seinen Meister Abbé Spitzhaupt, der bei ihm nie Unrecht haben konnte.

Der andere Anhänger des Abbé, Herr Wismut, war ein Laie, ein Mann mittlerer Grösse, dessen Gesicht, nebst seinem sanften Auge, den Biedermann verriet. Er war Sekretär eines Prälaten gewesen, hatte aber diese Stelle verlassen, weil er zwar gute, aber nicht ganz geistliche Gesinnungen hegte, und war daher bei dem geistlichen Offizialate eben nicht zum Besten angeschrieben. Ein heller Kopf, offenherzig und bieder. Die gute Seite des Abbé Spitzhaupt hatte ihn angezogen; auch war er ihm Dank schuldig, denn dieser, um sich eines Mannes zu versichern, der ihm nützlich werden konnte, hatte ihm die Stelle eines Rechnungsführers bei der Komturei des Deutschen Ordens zur heiligen Katarina in Köln verschafft. Aber Wismut hatte bei viel Müdigkeit der Sitten auch einiges