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Disputationen der Gelehrten auf einige Minuten aufhörten.

Man möchte sich vielleicht wundern, wie in der heiligen Stadt Köln, welche das Haupt der heiligen Ursula, die Leiber der heil. drei Könige, die Reliquien von den elftausend Jungfrauen und wenigstens elfhundert Mönche entält und wo sogar die Leichname der sieben heiligen Makkabäer verehret werden, ob sie gleich nur Juden sind, jemand darauf habe denken können, ein Büreau d'Esprit zu erachten. Wir haben aber schon erinnert, dass Frau Hummer ihre erste Erziehung nicht in Köln, sondern auf einer Kostschule in Solingen erhalten hatte. nachher war sie zu einer Verwandtin nach Mannheim gekommen. Daselbst hatte sie die lautere Milch der dortigen Deutschen Gesellschaft einsaugen können, war auch dort in den Schoss der alleinseligmachenden Kirche aufgenommen und dadurch würdig gemacht, die Gemahlin eines reichen Ratsherrn zu Köln am Rhein zu werden. Es könnte möglich sein, dass die vornehmste Zierde besagter Deutschen Gesellschaft, der unberühmte Herr von Kleinein Mann, der Preise austeilen, obgleich nicht selbst verdienen kann –, an der Erziehung und Bekehrung der Frau Hummer selbst Anteil gehabt hätte, da er zu einem Orden gehört, dem Erziehen und Bekehren gleich stark am Herzen liegt und der sogar oft durch Erziehen zu bekehren sucht. Jedoch wollen wir über diese wichtige Frage nichts entscheiden.

In dem haus dieses so ungleichen und doch so glücklichen Ehepaares kam Anselm abermal in eine ganz andere Welt. Er ward dem stand noch geringerer Hausbedienten einverleibt, als diejenigen waren, mit denen es ihm noch vor Jahresfrist so schwer anging, auf dem Gute des Ministers nur wenige Mittage zu essen. Er empfand seine Erniedrigung tief; aber er fühlte auch nur allzuwohl, dass er sich durch eigenen Leichtsinn in diese Erniedrigung gebracht habe. Selbsterkenntnis und Reue fingen bei ihm nunmehr an, sich zu zeigen. Reue kommt bei unbedachtsamen Leuten gemeiniglich zu spät; sie ist aber auch gewöhnlicher als Selbsterkenntnis, welche nie zu spät kommt.

Sonst befand sich unser dicker Mann in diesem haus besser, als er selbst anfänglich erwartet hatte. Er ward sogleich reinlich und sogar etwas elegant gekleidet und mit guter Wäsche versehen. Die Frau Hummer nahm hierin auf das Empfehlungsschreiben ihrer Freundin Rücksicht, aber eben so sehr auf ihre eigene kleine Eitelkeit; denn sie tat sich etwas darauf zu gute, dass ein so wohl gebildetes rundes Kerlchen in ihrem Vorzimmer stand. Ihr lieber Mann war, wie schon bemerkt worden, mehr als rund; auch war seine Küche so eingerichtet, dass seine Leute nicht wohl mager bleiben konnten. Als daher unser dicker Mann vierzehn Tage lang sich gut genährt und dabei den Kummer über seine letzte fehlgeschlagene Hoffnung ziemlich vergessen hatte, kam das Rot seiner Wangen wieder und sein Gesicht machte seinen neuen schönen Kleidern Ehre. Wir müssen auch zur Steuer der Wahrheit gestehen, dass seiner kummervollen Gedanken weniger wurden, sowie er anfing, das Wohlleben dieses Hauses recht zu schmecken. Immer gewohnt, den nächsten Eindrücken zu folgen, sagte er sich selbst nicht mehr so oft wie anfänglich: dass er von Jugend auf als ein Tor gehandelt habe; ja er glaubte zuweilen sogar, seine Klugheit werde ihn bald wieder aus seiner jetzigen niedrigen Lage emporheben.

Achtundzwanzigster Abschnitt

Beschreibung der gelehrten Zusammenkünfte bei der Frau Hummer und der vornehmsten Mitglieder derselben

Der Bel-Esprit überhaupt, besonders aber die Errichtung eines förmlichen Büreau d'Esprit, dient einem Frauenzimmer wie Frau Hummer eben dazu, wozu andern es dient, Rot aufzulegen: es macht ein hübsches Ansehen. Sollte jemand es unwahrscheinlich finden, dass in der Reichsstadt Köln am Rhein ein solches gelehrtes Schwitzbad hätte zustande kommen können, so ist dies sehr vorschnell geurteilt. Hat nicht jede kleine Stadt ihren Stadtpoeten und ihren eigenen witzigen Kopf; haben nicht sogar die Mönche ihren ihnen eigentümlichen Mönchswitz? Warum sollte denn die grosse Reichsstadt Köln am Rhein, bloss weil sie die heilige heisst und krumme und traurige Strassen hat, nicht auch ihre Anzahl schöner Geister besitzen? Überdem ist es mit gelehrten Leuten überhaupt, besonders aber mit den schönen Geistern wie mit dem Pfeffer. Ist der Pfeffer frisch und von vorzüglicher Güte, so würzet er stark; aber selbst der schlechtere würzet doch mehr als Kohlblätter und Mohnhäupter. Sollte nun auch etwa das Büreau d'Esprit bei der Frau Hummer nicht so vorzüglich gewesen sein, als die in Wien, in Berlin, in Weimar, in Leipzig oder in Hamburg sein mögen; so entielt es doch die Quintessenz und die Blume des Witzes und der Gelehrsamkeit der Reichsstadt Köln am Rhein. Wer mag dawider etwas einwenden? Gilt etwa der Ton der Gelehrten des ehemaligen und des jetzigen Paris in London? Warum sollte denn notwendig der Ton der Gelehrten in Weimar oder in Hamburg auch in Köln am Rhein gelten müssen? Köln ist gross genug, und der Rhein ist wohl die Elbe und die Ilm wert. Also darf auch Köln seinen eigenen gelehrten Ton haben; und dieser Ton ward damals von Frau Hummer und ihrer gelehrten Gesellschaft angegeben.

Die Mysterien der Alten waren in grosse und kleine eingeteilt. So versammelte auch Madame Necker vordem in Paris sonntags ihre grosse Gesellschaft und freitags ihren engeren Zirkel der Auserwählten bei sich; und Frau Hummer, die treue Nachahmerin derselben, hatte daher gleichfalls ihre grossen und kleinen Versammlungen an den benannten Tagen. Zu den ersten ward eingeladen alles, was in Köln glänzend und vornehm war und das Schöne und Feine liebte. Diese Herren genossen dann die ausgesuchten und höhern gelehrten Einsichten der Auserwählten. Diese letzteren hingegen genossen in den kleinem Zusammenkünften sich selbst