werde, sondern stürmt es sogleich und reisst es ein. Aber alle Bemühungen der eifrigen P. P. Jesuiten und Kapuziner haben doch nicht hindern können, dass nicht in den Gemütern einzelner kölnischer katolischer Christen der ziemlich nach Ketzerei riechende Gedanke aufzusteigen anfängt, es könne wohl ein Protestant zu mancherlei weltlichen Geschäften brauchbar, ja zuweilen sogar noch brauchbarer sein als ein rechtgläubiger Katolik.
Nun war eben im haus des kölnischen Ratsherrn ein kleines Ämtchen vakant. Man brauchte einen Schreiber, welcher bei gelegenheit, wenn das Haus sich in einigem Glänze zeigen sollte, zugleich den Kammerdiener vorstellte. Der Ratsherr glaubte diese Stelle ohne Gewissensbisse einem Protestanten anvertrauen zu können, wozu freilich das Zureden seiner reformiert gewesenen Frau viel beitrug. Anselm war nicht in den Umständen, diese Versorgung, so gering und niedrig sie auch war, auszuschlagen. Er dankte dem edlen Paare, das ihn so gastfrei aufgenommen und für sein weiteres Fortkommen gesorgt hatte, sowie auch dem redlichen Schulmeister, setzte sich auf ein vorübergehendes Schiff und kam glücklich zu Köln am Rheine im haus des Ratsherrn Hummer an.
Siebenundzwanzigster Abschnitt
Schilderung eines zufriedenen Ehepaares und dessen Beschäftigung
Es ist ein sehr ungegründetes Vorurteil, dass sich im Ehestande nur Gleich und Gleich zusammenschicke, wodurch wohl manche Ehen unterbleiben mögen, die glücklich sein würden. Die Meinung derjenigen scheint daher vielen Vorzug zu verdienen, welche behaupten, der Ehestand gleiche einem Salate, welcher nicht schmeckt, wenn nicht Öl und Essig in gehörigem Masse dazugemischt sind. Blosses Öl ist allzu fett oder allzu fade; blosser Essig allzu mager oder allzu sauer. Ein Beweis dieser Meinung war der Ehestand des Ratsherrn Hummer. Es wäre kaum möglich gewesen, zwei am geist und am Körper ungleichartigere Personen zu finden, als er und seine Frau waren; und dennoch lebten sie in einem sehr vergnügten Ehestande. Der Ratsherr Hummer war ein sehr fetter und etwas phlegmatischer Mann. Ich sage nicht ohne Ursache ein fetter Mann; denn um den Inhalt dieser wahren geschichte nicht zu missverstehen, ist es höchst nötig, auf den sehr wesentlichen Unterschied zwischen einem fetten und einem dicken mann zu merken. Der ganze Körper des Ratsherrn war so beschaffen, dass, wenn du ihn ansahst, von seinen Gebeinen, seinen Knorpeln, Sehnen und Adern gar nichts hervorragte, sondern alles mit Fleisch und Fett überzogen war. Um das Fleischige durch das Geistige, das Unbekannte durch das Bekannte zu erläutern, können wir diesen Körper mit nichts besser vergleichen, als mit den Schriften des weltberühmten Herrn Superintendenten Ewald in Detmold. Da ist alles, was er nur schreibt, seine Predigten, seine Moral, seine Naturkenntnis, seine Ratschläge an den Adel, seine Kantische Philosophie und seine himmlische Liebesgöttin, so fett mit einem Gallerte von Worten und Gemeinsprüchen überzogen, dass Ihr meinen möchtet, es sei kein Körnchen Verstand darin, und doch ist er vorhanden, macht aber freilich an diesen Schriften ungefähr einen so geringen teil aus, als die Knochen und Sehnen am Körper des Ratsherrn Hummer.
Dieser Ratsherr stand dem gemeinen Wesen treulich vor; nicht minder aber seinem eigenen besonderen Wesen. Er pflegte sich, deckte sich, wärmte sich, und besonders nährte er sich aufs beste; welches alles auf seine Feistigkeit und auf seine runden Wangen den gesegnetesten Einfluss hatte.
Seine Frau, die Frau Ratsherrin Hummer, war in allem das Gegenteil von ihrem mann. Sie war etwas mager, etwas blass, zuweilen kränklich, ass wenig, bekümmerte sich gar nicht um das gemeine Wesen, vielleicht gar nicht einmal um ihr Hauswesen, wozu sie Hausjungfern und Ausgeberinnen genug hatte.
Gleichwohl lebte dieses sich äusserlich so ungleiche Paar in der vergnügtesten Ehe. Dies ward bloss dadurch bewirkt, dass keiner von beiden Eheleuten dem andern in seiner Meinung hinderlich fiel, sondern dass jeder wechselseitig des andern Meinung mit der seinigen in Übereinstimmung zu bringen trachtete, welches wohl das Universalmittel sein mag, Ehen glücklich zu machen. Frau Hummer pflegte nur bloss ihren Geist, so wie ihr Eheherr nur bloss seinen Körper. Zwar war ihr Geist nicht so schwammicht und feist wie ihres Eheherrn Leichnam und brauchte daher leichtere Nahrung. Diese erhielt er durch den Umgang mit gelehrten Leuten und witzigen Köpfen; denn Frau Hummer war für Köln, was ehemals Madame Necker für Paris. Auch wählte sie diese Dame zu ihrer Heldin; sie ahmte derselben berühmte Freitagsversammlungen nach und hielt in Köln am Rhein, so wie Madame Necker in Paris, ein vollständiges Büreau d'Esprit.
Wider diese gelehrten Versammlungen, welche wöchentlich ein paarmal gehalten wurden, hatte der Ratsherr Hummer schon deswegen nichts einzuwenden, weil sie dem Willen seiner lieben Ehehälfte gemäss waren, welchem er sich immer recht gern fügte. Aber sie waren auch ihm selbst ungemein heilsam. Nicht der Gelehrsamkeit wegen. Ratsherr Hummer glich dem Trimalchio des Petron zwar gar nicht an Lebhaftigkeit oder an plattem Witze; denn er machte auf keine Art von Witz Anspruch. Aber darin war er dem Trimalchio zu vergleichen, dass er, zwar nicht so wie jener drei Millionen, aber doch gute dreimalhunderttausend Gulden besass, ob er gleich, wie jener, nie einen Philosophen gehört hatte. Das Büreau d'Esprit seiner Kölnischen Madame Necker leistete ihm ganz anderen Nutzen. Wenn er vormittags auf dem rataus im Dienste des gemeinen Wesens sich allzu sehr ermüdet und mittags bei Tische sich allzu viel erquickt hatte, so verschafften ihm diese Nachmittagsversammlungen die erwünschteste gelegenheit zum Schlafen. Er erwachte gewöhnlich nicht eher, als bis das Abendessen angesagt ward, oder wenn einmal, welches sehr selten geschah, die