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prophezeite, der Knabe werde ein grosser Gelehrter werden, welches Frau Sabine im Stillen vor sich selbst auslegte, ein trefflicher Prediger.

Anselmino hatte zwei in die Augen fallende Eigenschaften, von welchen der Schreiber dieses nicht gewiss weiss, ob sie, an einem Knaben bemerkt, voraussagen müssen, er werde ein Licht der Kirche werden. Anselmino liebte von Jugend an jedes hübsche Mädchen; und Anselmino meinte, sehr klug zu sein. Was die letzte Eigenschaft betrifft, so war sie freilich selten in seinen Handlungen zu erkennen; denn ob er gleich sehr klug zu sprechen pflegte, so handelte er doch sehr oft unklug. Dies ging indes damals noch auf Rechnung seiner Knabenjahre; und auf eben diese Rechnung ging denn, mit gleicher Nachsicht, sein Gaffen nach jedem hübschen Mädchen. Wer wird auch einem muntern Knaben darum gram sein, wenn ihm die schönen Mädchen gefallen, und wenn er ihnen gefallen will? Die Mädchen nicht, die Mütter nicht; und ich denke, auch der liebe Gott nicht, der auf die Zuneigung beider Geschlechter zueinander, recht angewendet, die Erhaltung des menschlichen Geschlechts und, was eben so viel wert ist, dessen häusliches Glück gegründet hat!

Die junge Sophie war von schlankem Wuchse und von griechischer Gesichtsbildung; ihre kastanienbraunen Locken kräuselten sich neben den Grübchen ihrer blühenden Wangen und fielen von ihren Schultern herab; ihre sittsamen hellblauen Augen lockten die Herzen an sich. Sie war freundlich, gefällig, munter, hatte eine Silberstimme und sang schon als ein Kind gern fröhliche Lieder. Ursachen genug, dass Anselmino an Sophien wie an einer beständigen Gespielin seiner Jugend hing. Er zog sie allen Mädchen vor, die er in Vaals und in Aachen gesehen hatte, so wie sie auch ihn allen andern Knaben. Die Alten im haus, die sich selbst gegenseitig liebten, freuten sich der so merklichen herzlichen Zuneigung der Kinder, welche von allen Verwandten und Nachbarn die kleine Braut und der kleine Bräutigam genannt wurden.

Einst hatten sich beide beim Spielen im dorf an einem schönen Sommertage an das äusserste Ende desselben verlaufen. Da fanden sie auf dem grünen Rasen einen Knaben sitzen, der totenblass und ganz abgezehrt war. Auf vieles fragen erfuhren sie endlich von ihm, er sei von langer Krankheit abgemattet, habe seine Eltern verloren und keinen Menschen in der Welt, der sich seiner annähme. Das Mitleid der guten Kinder ward erregt. Sophiechen teilte mit dem Kranken ihr Vesperbrot und bat ihren Gespielen, bei seiner Mutter, deren Liebling er, wie sie wusste, war, um mehr Beihilfe für den armen Knaben anzuhalten. Anselmino stand nachdenkend, fühlte seine Selbständigkeit zum ersten Male, und seine Klugheit, auf die er sich jetzt wieder etwas zugute tat, blies ihm ein, was er selbst verrichten könne, darum dürfe er nicht bitten. Er teilte Sophiechen folgenden Plan mit: In den weitläufigen Gebäuden, aus welchen seiner Eltern Gehöfte bestand, war eine entlegene kammer, die nicht gebraucht ward und zu der man unbemerkt kommen konnte. Er schlug vor, den kranken Knaben ganz insgeheim dahin zu führen. Da wollte er dann ihm etwas von seinen Betten bringen, und sie beide wollten ihr Frühstück und Mittagessen unbemerkt mit dem Kranken teilen, um demselben wieder Kräfte zu verschaffen. Seine kleine Freundin hatte hiewider manches einzuwenden, aber seine Beredsamkeit siegte. Sie führten den ermatteten Knaben fort und brachten ihn unbemerkt an Ort und Stelle. Anselmino schleppte ihm noch spät gegen Abend einen teil seiner Betten und den grössten teil seines Abendessens zu und war froh, dass er ihn ein paar Tage lang mit allem, was aufzufinden war, reichlich speisen und tränken konnte.

Freilich machte diese so klug ausgesonnene Wohltätigkeit einige Unordnung in der Haushaltung. Niemand konnte begreifen, wo die Betten geblieben waren, und die Dienstboten kamen darüber in unverdienten Verdacht. Backwerk und Semmeln verschwanden, Teller, worauf Überbleibsel der Mahlzeiten dem Kranken waren gebracht waren, wurden vermisst, und Unschuldige wurden deshalb beschuldigt. Anselmino geriet darüber in einige Verlegenheit; allein der Triumph, sich über den Erfolg seines glücklichen wohlausgesonnenen Planes zu freuen, schien ihm doch so schön, dass er den Bitten der ängstlichen Sophie, welche die Sache entdeckt wissen wollte, nicht nachgab. Die häusliche Verwirrung hätte noch einige Zeit währen können, wenn nicht Philipp, der kranke Knabe, welcher merkte, dass, was mit ihm vorging, nicht in der Ordnung sei, sie geendigt hätte, indem er aus der kammer hervorkroch und sich selbst zeigte. Er ward von den Hausgenossen, die ihn, seinem elenden Ansehen und schlechten Kleidung zufolge, gleich für schuldig erklärten, vor den Richterstuhl der Frau Sabine gebracht. Der arme Schelm fand hier eine sehr barmherzige Richterin. Ihr Sohn bekam zwar von den Eltern einen gelinden Verweis, aber seine Guterzigkeit ward bestätigt und Philipp nun unter Autorität ins Haus aufgenommen, von dem Rest seiner Krankheit geheilt, gespeiset und bekleidet.

Anselmino tat sich insgeheim nicht wenig auf seinen klugen Plan zugute, zumal da dadurch die Liebe seiner Eltern gegen ihn nicht vermindert, Sophiechens Liebe hingegen, seiner Guterzigkeit wegen, noch vermehrt ward. Sollte der geneigte Leser etwa meinen, Anselmino habe, wenngleich guterzig, doch nicht so klug gehandelt, als er sich dünkte, und sollte daraus etwawie es denn geneigte Leser gibt, welche in Geschichten dieser Art gern weit voraussehen mögenauf die künftige Beschaffenheit des Charakters unsere Helden etwas schliessen wollen: so wird gebeten zu bedenken, dass Anselmino nur ein Knabe war und dass wir noch nicht