Verdecke war bei dem engen raum und der Anzahl von Menschen kaum auszuhalten. Er brachte also die Nächte, welche schon sehr kalt waren, auf dem Verdecke unter freiem Himmel zu. Am Tage musste er sich unter dem rohen Schiffsvolke herumtreiben. Bei Stürmen und widrigen Winden, welche anfingen, sich zu zeigen, mutete man ihm zu, mit Hand anzulegen, zur Regierung des Schiffes. Fast täglich ward bei den vielen Zollstätten Zeit versäumt. Die Reise zog sich in die Länge; und Anselm fing an, derselben und beinahe seines Lebens überdrüssig zu werden, weil jeder unangenehme sinnliche Eindruck, dergleich er nie hatte wollen ertragen lernen, sofort alle seine Hoffnungen austilgte. Die Schiffer haben immer allerhand Ursachen, unterwegs anzuhalten, welche sich auf das edle Geschäft der Konterbande beziehen. Durch die hohen Rheinzölle ist dies Geschäft einträglich geworden und sehr empor gebracht; denn nun ist es der Mühe wert, etwas zu verheimlichen. Dieses Geschäfts wegen machte auch der Schiffer auf zwölf Stunden Rasttag an einem Orte im Herzogtume Berg zwischen Düsseldorf und Köln, wo das mit Sträuchern bewachsene hohe Ufer seinen Absichten bequem war, weshalb er seine Abnehmer dahin bestellt hatte.
Anselm, des schiffes herzlich müde, wollte an dem heitern Tage der schönen Luft geniessen und ging voll schwermütigen Nachsinnens etwas ins Land hinein. Er kam bis in ein Dorf. Eben begegnete er einem Leichenzuge; man trug ein junges Mädchen zu grab. Dies stimmte zu seinen eignen melancholischen Gedanken. Er folgte dem zug bis auf den Kirchhof. Hier hörte er den dumpfen Ton der auf den Sarg fallenden Erde und wünschte in dem Augenblicke, er würde auch versenkt. Er blieb gedankenvoll am grab stehen, da der Leichenzug schon auseinander gegangen war. Endlich bot ihm der Küster die Hand und redete ihn an. Beide wussten nicht, ob sie ihren Augen trauen sollten.
Der Küster war eben der verwundete preussische Soldat, dessen Wunden Anselm unweit Wyk de Duurstede verbunden hatte. Dieser Soldat war aus Rekahn gebürtig und nach der dortigen vortrefflichen Metode unterwiesen worden, welche den Verstand der Bauernkinder aufklärt, ihr Herz bessert und sie zugleich noch tüchtiger macht, das zu werden, wozu sie geboren sind, gute Bauern und gute Soldaten. Nach Heilung seiner Wunden war er wegen seines steif gewordenen linken Armes für invalide erklärt und nach Wesel transportiert worden. Eben damals hielt sich der Prediger dieses Dorfes wegen des Rechtshandels eines seiner armen Kirchkinder einige Wochen in Wesel auf und lernte zufälliger Weise den Invaliden kennen. Der Prediger war einer von den edlen Männern, die im Stillen Gutes tun. Besonders hatte er, vom Anfange seines Amtes an, sich der Verbesserung der Schule angenommen; nur fehlte es ihm bis dahin an einem brauchbaren Schulmeister. Er freute sich also sehr, da eben diese Stelle vakant war, einen Zögling aus einer so berühmten Schule aufzufinden, zumal da er an ihm nach einiger Unterhaltung eine vorzügliche Gabe entdeckte, seine Kenntnisse der Jugend mitzuteilen. Er bewog ihn daher, die Stelle eines Schulmeisters und Küsters auf seinem dorf anzunehmen.
Der Schulmeister empfahl seinem Pastor unsern dicken Mann als seinen Retter, der mit edler Gastfreiheit aufgenommen ward. Die wenigen Sachen holte man vom Schiffe, und Anselm ging mit nach des Pastors Amtswohnung.
Es war eine kleine verfallene Hütte, entblösst auch von den gemeinsten Bequemlichkeiten, welche Anselm bisher zum Genusse des Lebens für durchaus notwendig gehalten hatte. Niedrige Türen, Fenster, welche kaum das Tageslicht einliessen, nackte, hin und wieder beschädigte Wände, baufällige Treppe und Fussböden, Mobilien von gemeiner Art, bloss zum Gebrauche, ohne alle Zierlichkeit oder gesuchte Gemächlichkeit. Anselm, ins Haus tretend, erstaunte nicht wenig über diesen armseligen Anblick; aber noch mehr erstaunte er, als er, ins Wohnzimmer tretend, die Gattin des Predigers erblickte, eine Frau, ganz simpel und ländlich gekleidet, aber in der höchsten Blüte der Schönheit und Gesundheit. Dem Schönheitsspäher Anselm fiel diese edle Frau um so mehr auf, da er seine geschiedene Ursula nebst ihren Katzen noch immer lebhaft in der Einbildungskraft vor sich sah. Aber noch mehr nahm sein Erstaunen zu, als er diese schöne Frau näher kennenlernte und fand, dass ihre körperlichen Eigenschaften von ihren geistigen übertroffen wurden, so glänzend auch jene waren. Sie besass Verstand und Anmut, war sittsam und guterzig, hatte eine feine Erziehung genossen und sowohl Kenntnisse als Eigenschaften erlangt, mit denen sie in der besten Gesellschaft in der Stadt hätte glänzen können. Sie tat aber auf alle Ansprüche Verzicht, um ihren Mann glücklich zu machen, und war glücklich durch ihn. Unter diesem verfallenen Strohdache wohnte Zufriedenheit und wahrer Lebensgenuss. Das weise Paar hatte allen überflüssigen Bedürfnissen freiwillig entsagt. Erst, nachdem diese Entäusserung zur Fertigkeit geworden und dadurch nicht mehr beschwerlich war, ging ihr edelster Genuss an. Sie verlangten nur das, was den Körper unterhalten und stärken und den Geist aufheitern kann. Aber was diese wünschenswürdigen Bedürfnisse befriedigen konnte, mangelte nie und ward auch mit froher Unbefangenheit ihrem gast Anselm mitgeteilt. Reinlichkeit und Ordnung herrschten im ganzen Hauswesen. Anselm fühlte, dass beide den simpelsten Gegenständen eine Annehmlichkeit gaben, welche der unordentlichen Wirtschaft des Herrn von Reiteim durch Prunk und Aufputz nicht hatte gegeben werden können. Das ganze Leben dieses glücklichen Paars war ununterbrochener Genuss; denn Wohlwollen und Vernunft regierten denselben, und weise Entaltsamkeit machte, dass er nie in Überdruss ausarten konnte. Ihre frugalen Mahlzeiten wurden durch verständige und heitere Unterhaltungen schmackhaft gemacht; dabei konnten sie leicht Indiens teure Gewürze entbehren. Anselm, der