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Buchbinder ihr einen Band nach dem andern prächtig gebunden mit vergoldetem Schnitte vorlegte, gab dieser erhabenen Verfasserin eine Munterkeit, die man sonst an ihr nie war gewahr geworden. Unser Anselm hingegen ward alle Tage nachsinnender und trauriger. Entweder mochten ihm die vielen hochtönenden Hexameter der Jungfer Ursula eine Indigestion des Geistes zugezogen haben, oder vielmehr erregte die jetzt immer lebhafter werdende Reue, durch seinen ehemaligen Leichtsinn Sophien verloren zu haben, in ihm sehr schwermütige Gedanken.

Eines Tages, als er sich nichts Arges versah und eben bei der Jungfer Ursula eintreten wollte, um in dem Tagwerke seines Abschreibens fortzufahren, nötigte ihn Meister Derb in seine stube, und nach einem kurzen Eingange trug er ihm seine Schwester, auf Verlangen derselben, zur Ehehälfte an. Unser guter dicker Mann stutzte ein wenig; denn der Vorschlag kam ihm ganz unerwartet. Seine Einbildungskraft war immer angespannt, wenn er nicht unmittelbar in Verlegenheit war. Durch Empfindung des Unglücks oder unangenehmer sinnlicher Eindrücke, die er Unglück nannte, ward sie gleich abgespannt, weil er unmittelbar unangenehme Empfindungen nicht vertragen mochte; in dieser Abspannung konnten einige ruhige Gedanken oder gute Entschlüsse Raum finden, wodurch er sich dann einbildete, in ein philosophisches Gleichgewicht des Geistes gekommen zu sein. Kaum aber waren seine unmittelbar unangenehmen Empfindungen ausgelöscht, so war das Gleichgewicht verloren. Seine angespannten Ideen kamen wieder; er brütete darüber, und fand sich glücklich darin. Er hatte die vergangene Nacht schlaflos zugebracht in Gedanken an Sophiens Schicksal, das er für unglücklich halten musste. Er hatte sich selbst als die Ursache davon verwünscht, und in dieser Selbsterkenntnis eine traurige Zufriedenheit mit sich empfunden. Schnell fiel ihm jetzt ein, sich selbst dafür, dass er ehemals Sophiens Hand verschmäht hatte, zu strafen, indem er die Hand der Jungfer Ursula annähme. Diese Gesinnung schien ihm so edel, dass er sogleich, nach ganz kurzem Bedenken, Ja! sagte und in wenigen Tagen mit der langnasigen Poetin verbunden ward.

Schwer war freilich die Prüfung, die er sich auferlegte. Wäre er nicht ein so ausgemachter Feind aller geheimen Philosophien gewesen, so hätte er aus der Chiromantie des Johann Baptist Porta lernen können, wie gefährlich eine alte Jungfer ist, die in der rechten Hand eine lange Tischlinie hat und mehr als eine Katze hält. Er fand nach wenigen Wochen, dass er sich allzuhart gestraft hatte. Den ganzen Tag sausete sein Kopf von den Reimen seines Schwagers, die wie Schellen in seine Ohren klingelten, und von den reimfreien Versen seiner Frau, die, wie Virgils Pferd mit vierfüssigem Schalle das mürbe Land, seine Ohren mit fünf- und sechsfüssigem Laute mürbe stampften. Dazu hatte er noch seiner hagern Poetin beständige Aussichten in die Ewigkeit zu ertragen, ohne die geringste Aussicht, dass sie selbst dortin übergehen möchte. Schleppende Reime, hinkende Hexameter und springende Katzen waren seine tägliche Gesellschaft. Dabei hörte er immerfort kreischende Deklamation von Hexametern, die ihm wie Zank in die Ohren gellte. Und auch der wirkliche Zank seiner lieben Ehehälfte ward im höchsten Tone der Deklamation herausgewürgt; denn diese erhabene Dichterin verlor niemals ihren feierlichen Anstand, selbst alsdann nicht, wenn sie in die grösste Heftigkeit geriet.

Glücklich war es für unsern armen dicken Mann, dass die person, durch deren Verbindung er sich wegen des Leichtsinns seiner Jugend hatte strafen wollen, eine Bürgerin der preussischen Staaten war. In jedem andern land hätte sie ihn totzanken und totdeklamieren dürfen. Hier aber konnte er durch eine gänzliche Scheidung wenigstens sein Leben erhalten. In Ländern, wo der Tridentinische Kirchenrat gilt und die Unauflöslichkeit der Ehen nach den Begriffen eheloser Priester abgemessen wird, würde man ihn höchstens vom Tische und Bette geschieden haben. Dies hätte ihm wenig geholfen; denn er hatte sich schon selbst davon geschieden, weil es in beiden nicht auszuhalten war. Sogar die Gardinenpredigten seiner Ursula hatten den Ton hoher pindarischer Oden und rollten, wie ein uferüberströmender Fluss, aus tiefem Gaumen mit unaufhaltbarem Sturze daher.

Glücklicher Weise hatte seine freiwillige Trennung der Frau Ursula Missvergnügen aufs höchste gebracht. Als er daher auf die Ehescheidung klagte, willigte sie sogleich ein, und er ward erlöset.

Sechsundzwanzigster Abschnitt

Angenehme Wasserreise. Aussicht zu ländlichem Leben in ruhiger Genügsamkeit

Anselm schöpfte Luft, nachdem ihm das Joch seines zweiten Ehestandes abgenommen war; aber das Joch der Armut lag schwer auf ihm. Der Ehescheidungsprozess kostete beinahe die Hälfte seiner kleinen Barschaft, und die andere Hälfte war verzehrt, ehe er sich entschliessen konnte, was nun anzufangen sei. Nach vielen vergeblichen Betrachtungen ward er endlich mit sich einig, bei seinem Freunde Philipp Hilfe zu suchen. Es kostete seinem Stolze nicht wenig, dies über sich zu gewinnen; das Elend ist aber ein sehr wirksamer Lehrer.

Er sah bei einem Spaziergange am Ufer des Rheins ein Schiff anlegen, mit Waren aus Holland nach Köln befrachtet. Er dung sich sogleich auf dasselbe für ein Weniges ein. Den folgenden Tag fuhr er fröhlich ab. Der Himmel war heiter. Die herrlichen Rheinufer erfüllten seinen Geist mit frohen Bildern. Seine Hoffnung lebte wieder auf.

Die Wasserreise schien ihm eine angenehme Lustfahrt; am Ende derselben sah er die fruchtbaren Gegenden des Wippertals schon in Gedanken vor sich, wo er in die arme seines treuen Freundes Philipp eilen wollte; und nun lebten die jovialischen Hoffnungen auf die Zukunft wieder in seiner Seele auf.

Es gewannen jedoch die Sachen schon den folgenden Tag ein anderes Ansehen und die folgenden noch mehr. Das Schiff war klein und voll. Einen Platz im Roef konnte er nicht bezahlen. Unter dem