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niedrigen Standes. Unglücklicher Weise hatte er auf der Hochzeit eines ungleichen Paares mit aufzuwarten. Die Niedergeschlagenheit der Braut stellte ihm Sophiens Zustand lebhaft vor. Er geriet darüber abermals in Traurigkeit, vergass seinen guten Spruch: dass man sich in seine Lage schicken müsse, schwor, nie eine Hochzeit wieder zu sehen, und trennte sich ohne weitere Überlegung von seiner musikalischen Gesellschaft, ob er gleich gar keine andere Aussicht hatte.

Sein Hauswirt, der solche feinen Empfindungen nicht fassen konnte, schalt ihn einen Narren. Weil er aber meinte, man müsse auch allenfalls einem Narren fortelfen, so verliess er ihn nicht ganz. Anselm hatte in seiner Jugend eine gute Hand schreiben lernen. Durch diese von ihm sonst verachtete Geschicklichkeit hatte er schon hin und wieder als Abschreiber etwas verdient. Sein Wirt verschaffte ihm in den Häusern einiger Bürger Stunden zum Unterrichte im Schreiben und Rechnen. Er bekam sogar in einer der dortigen kleinen Manufakturen von leichten Zeugen, die Bücher zu führen. Hierdurch nährte er sich, freilich sehr dürftig; doch hatte er gelegenheit die wichtige Lehre, sich in seine Lage zu schicken, recht praktisch zu üben. Er tat es und entsagte noch einmal den Bildern seiner Einbildungskraft und seinen Plänen. Nur das Andenken an seine Sophie war zu lebhaft geworden, als dass es ausgetilgt werden konnte, und es gewährte ihm oft in einsamen Stunden ein obgleich mit Wehmut vermischtes Vergnügen.

Es lebte damals in der Nachbarschaft, und lebt vielleicht noch, eine Originalfamilie von zwei einzelnen Leuten: Bruder und Schwester, nebst sechs Katzen, die ganz notwendig zur Familie gehörten. Der Bruder, Meister Ulrich Derb, war ein Lohgerber, ein gesunder und reicher Mann, und was noch mehr ist, ein Dichter, der alle gereimten Dichtungsarten, vom Alexandriner bis zur vierzeiligen Strophe, versucht hatte. Seine Schwester, Jungfer Ursula Derb, damals in ihrem einundvierzigsten Jahre, war ziemlich hager und langnasig, hatte etwas dürre Wangen und hände und liebte ausser ihrem Bruder, dem sie durch öfteres zänkisches Zurechtweisen ihre Liebe bezeugte, nichts als sich selbst, ihre Katzen und ihre Verse; denn auch sie war eine Dichterin. Aber sie machte bloss Hexameter, indem sie, selbst sehr feierlich, nur fürs Feierliche Sinn hatte. Ihre Gedichte handelten hauptsächlich vom tod, von der Unsterblichkeit der Seele und von der künftigen Welt. Von der jetzigen Welt hielt sie nicht viel, welches ihr die jetzige Welt auch reichlich erwiderte. Sie war sehr ernstaft und keusch, daher kamen verliebte Gedanken nie in ihren Sinn. Auch von Geselligkeit hielt sie wenig; denn sie fand in Emmerich niemand ihrer Gesellschaft wert, lebte also bloss sich selbst, ihren hohen Gedanken und ihren Katzen. Nur alsdann ward sie etwas human, wenn jemand sich ihre Verse wollte vorlesen lassen, welches Vergnügen sie aber selten geniessen konnte. Da sie nun, ein wenig Schnarren ausgenommen, wegen des hohlen Tons ihrer stimme ein grosses Talent zur Deklamation besass, so brachte sie täglich ein paar Stunden zu, ihre Verse und ihres Bruders Reime ihren Katzen vorzudeklamieren.

Diese poetische Familie hatte eine Tugend, die nicht allen Dichtern eigen ist: sie liess ihre Gedichte nicht drucken, sondern widmete dieselben nur sich selbst und ein paar auserlesenen Seelen. Indes wollte Jungfer Ursula doch für die Nachwelt sorgen. Sie hatte ihre eigenen Gedichte in einer gewissen Ordnung gesammelt und wünschte, sie nun ins Reine geschrieben zu sehen. Zu diesem Behufe warf sie ihre Augen auf unsern Anselm, von dem seine schöne Handschrift, und dass er eine Art von Gelehrten sei, endlich in der Stadt ziemlich war bekannt geworden. Jedoch wollte sie, da ihr Naturell sie zu einigem Misstrauen stimmte, ihn erst probieren. Sie las ihm einige Gedichte vor. Er war schon genugsam gedemütigt, um mit Klugheit zu schweigen. Sie liess ihn auch ihr ein paar Gedichte vorlesen und war mit seinem Vortrage zufrieden, weil er sie, wie sie sagte verstände. Nun ging er an das grosse Werk, die Gedichte abzuschreiben, auf dem schönsten grossen Papiere, welches die erhabene Ursula eigenhändig mit rosenroter Seide zusammenheftete. Seine deutliche Handschrift fand den Beifall der Dichterin, zumal da er den Gedichten noch unvermerkt die zufällige Zierde einer richtigen Ortographie gab. Er arbeitete an dieser Abschrift täglich einige Stunden in dem haus und unter der unmittelbaren Aufsicht der Jungfer Ursula, welche ihre Gedichte unter keiner Bedingung fremden Händen würde anvertraut haben. Je mehr die Abschrift fortrückte, je mehr ward die Dichterin entzückt, die Kinder ihres Geistes in so schöner Gestalt zu erblicken. Sie hatte eine Vorsicht gebraucht, an welche nicht alle Dichter denken, nämlich ihre schönsten Sachen in die letzten Bände zu sparen, damit jeder Band am Werte zunähme. Als daher unser dicker Mann anfing, unter ihren Augen das siebente Riess Papier zu beschreiben, gefielen ihr selbst die Gedichte so ausserordentlich wohl, dass sie ihm oft das Papier aus der Hand nahm, um ihm ihre Gedichte mit lauter stimme vorzulesen. Er war klug genug, nicht nur zu schweigen, sondern auch zuweilen ihr Beifall zuzulächeln, zuweilen sie mit Worten zu loben. Dies gefiel ihr sehr wohl; denn sie hatte seit langer Zeit nicht so angenehme Stunden genossen. Sie fing nun an, unserm dicken mann viel freundlicher als sonst zu begegnen; und da er auch vor ihren Katzen Gnade fand, welche während ihres Deklamierens auf seinen Schoss sprangen und sich von ihm streicheln liessen, so ward ihr Herz erweicht; und die Freude über die schön geschriebene Sammlung ihrer Gedichte, wovon der