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dies in Erfüllung gehen.

Doch ward er bald erlöset. Die Preussen kamen näher. An einem Morgen vor Sonnenaufgange standen sie vor den Toren. Anselm hatte kaum Zeit, Gewehr und Patronentasche wegzuwerfen, so waren sie schon eingedrungen. Aber da unser dicker Mann, so wie die meisten patriotischen Soldaten, nicht in Uniform ging; so war er gleich in seinen Zivilstand restituiert. Man bemerkte ihn nicht, und als ein Deutscher war er noch weniger verdächtig. Er ging, um dem Getümmel zu entkommen, zum Tore hinaus; aber bald geriet er in neue Gefahr. Ein kleiner Trupp Patrioten, der in einem benachbarten Gehölze versteckt gelegen hatte, fiel nach Nachtrab der Preussen an. Unser guter dicker Mann wäre beinahe mitten ins Scharmützel gekommen und konnte sich kaum hinter einer geschnittenen Hecke verbergen. Als gegen Mittag alles ruhig ward, kroch er hervor und ging weiter. Er fand am Wege einen in der Schulter verwundeten preussischen Soldaten liegen, der sich ziemlich verblutet hatte und in der Hitze schmachtete. Unser gutmütiger dicker Mann brauchte sein bisschen chirurgische Wissenschaft; er wusch die Wunden mit Branntwein, den der Soldat bei sich hatte, verband sie, so gut er konnte, und fand endlich Mittel, ihn nach dem nächsten dorf tragen zu helfen, wo noch ein paar Soldaten lagen, denen er gleiche Hilfe leistete. Endlich kam ein Regimentschirurgus hinzu, der seinen menschenfreundlichen Eifer lobte; und da eben einige Wagen nach Kranenberg zurückgeschickt wurden, um Bedürfnisse für die Armee nachzuholen, so veranstaltete der Chirurgus, dass unser dicker Mann mit diesem Transporte bis dahin fahren konnte.

Fünfundzwanzigster Abschnitt

Fröhliches Unglück und trauriges Glück

Anselm ging nun zu fuss nach Emmerich. Durch das Postgeld für seinen Koffer aus Amsterdam war seine Barschaft ziemlich erschöpft. Er suchte eine wohlfeile Schlafstelle und fand sie endlich in einem abgelegenen Gässchen. Hier sann er über seinen trostlosen Zustand nach. Er hätte jetzt gern die Praxis der Arzneiwissenschaft auch bei den geringsten Leuten angefangen, aber das in den preussischen Landen geltende Gesetz, dass ein Arzt in der Hauptstadt erst einen anatomischen Kursus machen musste, legte ihm unüberwindliche Schwierigkeiten in den Weg. Er konnte gar keine andere Aussicht finden, sein letzter Stüber war aufgezehrt. Er hatte hier nicht zu leben und auch kein Geld zur Reise. Er ward täglich tiefsinniger und geriet beinahe in völlige Schwermut.

In diesem traurigen Zustande liess ihn aber sein Wirt nicht lange. Dies war ein Musikant, der alle Sonntage, und wann Hochzeiten oder Kirchweihen vorfielen auch an Wochentagen, die Beine der umliegenden Dorfschaften in Bewegung brachte; ein lustiger Kerl, der wöchentlich ungefähr verzehrte, was er verdiente, nicht eben für die Zukunft sorgte und immer zufrieden war. Dieser predigte seinem trostlosen Hausgenossen den Satz: Man müsse nie verzagen, aber auch jederzeit sich in seine Lage schicken. Anselm, mit einem Seufzer über seinen vorigen glücklichen Zustand, versprach, sich gern in alles zu schicken, aber, setzte er hinzu, er müsse wohl verzagen, weil er gar keine Aussicht habe. Indem entdeckte der Hauswirt im gespräche, dass unser dicker Mann ein wenig auf der Violine spielen konnte, und sogleich tat er ihm den Vorschlag, sich zu der Musikantenbande zu gesellen. Anselm stutzte; aber es war nicht auszuschlagen. Er fand, das geringste praktische Talent könne zuweilen nützlich sein. Sein bisschen Musik diente ihm doch zu etwas, da ihn sogar seine so gründliche teoretische Philosophie verliess.

Es ward unserm dicken mann, wie es dem jüngsten Musikanten gehört, eine Bassgeige an einem ledernen Bande über die Schulter gehangen; und so wanderten sie von dorf zu dorf. Sein voriger Zustand fiel ihm oft bitter in die Gedanken. Aber sein Hauswirt wiederholte ihm so oft, man müsse sich in das schicken, was nicht zu ändern ist, dass diese Lehre endlich Frucht zu bringen begann. Der heitere Anblick des gesegneten Landes, die rohe Fröhlichkeit, die er mit erregen half, und die sorgenlose Zufriedenheit seiner Kameraden wirkten nach und nach auf ihn. In diesem niedrigen Zustande vermochte er es zum erstenmale über sich, genügsam zu sein und ein unvermeidliches Schicksal geruhig zu ertragen; und so verlebte er, durch Zufriedenheit bei sehr geringem Auskommen, frohere Stunden, als er selbst je für möglich gehalten hätte.

Mit dem Frohsinne unsers dicken Mannes erwachte aber auch wieder seine lebhafte Einbildungskraft; und diese, die ihm schon so manche schlimmen Streiche gespielt hatte, unterbrach den Frohsinn, durch den sie selbst war erweckt worden. Anselm konnte nichts ruhig betrachten. Er sah täglich die muntern klevischen Bauerndirnen um sich hertanzen, eben nicht schön, aber gesund, froh und anstellig. Dies brachte ihm wieder die Bilder aller hübschen Mädchen vor, die er gesehen hatte. Hierauf stellte sich ihm das Bild Sophiens, der ersten Gespielin seiner Jugend, lebhaft dar. Er rief die Jahre jugendlicher schuldloser Zuneigung in Gedanken zurück. Jetzt sah er ein, wie glücklich er durch sie hätte werden können, wenn er damals nicht törichter Weise vergängliche äussere Schönheit wahrem inneren Werte vorgezogen hätte. Seine Reue ward um desto bitterer, wenn er bedachte, dass er auch sie vermutlich unglücklich gemacht habe; denn ihm war wohl bewusst, dass ihr Mann, ein trockner ungebildeter Kaufmann, nur für Geld und dessen Erwerbung Sinn hatte. Dies fasste ihn schrecklich. Er verwünschte seine Undankbarkeit und fing an, sich als einen verworfenen Menschen zu betrachten, der Ursache geworden, das Leben der edelsten Seele zu verbittern. Dieser Gedanke vergällte ihm selbst die kleinen Freuden seines