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und Übersetzungen und schienen also selber von seiner Unschuld an politischen Angelegenheiten zu zeugen. Das Billett entielt nichts als ein weisses Blatt. Dies schien zu verraten, sein Herr habe ihm selbst nicht getraut, da er ihn sich auf diese Art vom Halse geschafft hatte. Da er nun so klug war, mit einer unkategorischen Notlüge zu sagen, er habe bloss die Privatgeschäfte seines Herren zu verrichten gehabt, und weiter nichts auf ihn zu bringen stand, so ward er nach ein paar Tagen entlassen.

So fand sich denn unser dicker Mann ganz vereinzelt in einer grossen Stadt, wo er niemand kannte und nicht einmal die Landessprache recht verstand. Nach erhaltener Freiheit ging er ganz mechanisch die Gassen auf und nieder, ohne zu wissen, was er anfangen sollte. Er hatte freilich noch ein paar Guineen und Dukaten in der tasche; aber wie lange konnten diese ausreichen, ihn zu unterhalten? Ganz trostlos wanderte er über Kolveniers Burgwall und die hohe Strasse und blieb vor dem rataus aus Neugierde stehen, wo ein grosses Gedränge war und eine Menge volkes durcheinanderschrie. Es kam ein ehrwürdiger alter Mann, schwarz gekleidet, im hangenden Mantel, untersetzter Statur, mit einem gesicht, worauf die Furchen des Alters und des Nachdenkens gegraben waren. Alles schrie: Hoeden af! (Hüte ab!) und schwenkte die Hüte. Unser dicker Mann war nur neugierig zu sehen, was vorging, richtete sich auf die Zehen und dachte nicht an den Hut. Mit einemmale bekam er einen Kopfstoss, dass er den Hut kaum wieder ergreifen konnte, und ein Matrose setzte ihm noch einmal die Faust ins Gesicht und schrie ihn an: »Ihr verdammter Oranien-Klant! wollt ihr wohl vor Vader Hooft den Deckel abnehmenEr entschuldigte sich, so gut er im gebrochnen Holländischen konnte, und hätte sich gern fortgemacht, aber das Gedränge war zu stark, als dass er seine Stelle verlassen konnte. Er währte nicht lange, so drängte sich wieder eine Menge Menschen vom rataus her, und es entstand ein ziemliches Gemurmel unter den Umstehenden. Der Haufen wich nicht voneinander; aber die Justizdiener machten Platz. Ein andrer Mann von untersetzter Statur, gleichfalls in schwarzer Ratsherrntracht, mit rundem glattem gesicht, gebogener Nase und feurigem Blicke, ging vom rataus herab. Anselm stand in der Nähe, so dass er ihn gut sehen konnte, und fragte einen beistehenden: Wer der Herr wäre? Dieser antwortete: »Kennt ihr nicht den Bürgermeister DedelUnser dicker Mann war nun unterrichtet und zog ehrerbietig seinen Hut vor dem Herrn ab. Sogleich schlugen drei oder vier Kerle ganz unbarmherzig auf ihn los und schrien: »Gy Oranje-Blixem, den Hoed op!« (Ihr Blitz-Oranischer den Hut auf!) Sie stiessen allentalben auf ihn los, und er entkam mit blutigem gesicht kaum ihren Klauen.

Anselm konnte wegen seiner empfangenen Wunden einige Tage nicht ausgehen. Nachdem er geheilt war, hatte die Gärung unter dem volk noch mehr zugenommen. Er wollte ihr entfliehen, nur um nach Deutschland an einen ruhigem Ort zu kommen, ob er gleich nicht wusste, wohin er gehen und was er dort eigentlich anfangen sollte. Es war mit Gelde nicht sehr versehen, und da ihn die Not wirtschaftlich machte, hielt er es fürs Beste, seinen Koffer und übrigen Habseligkeiten an das Grenzpostamt zu Emmerich zu senden und zu fuss dahin nachzuwandern, um sie dort abzufordern. Er ging fort. Aber ausserhalb Amsterdam war auf dem platten land und in den kleinen Städten die Volksgährung noch viel ärger. Der bürgerliche Krieg fing an, mit grösster Wut zu rasen. Die Patrioten waren wegen des annahenden Eindringens der Preussen in Alarm, welchen die Hoffnung auf die Franzosen, die immer schwächer ward, nicht dämpfen konnte. Beide Parteien waren dabei aufeinander äusserst erbittert. Wer kann die Faustschläge und Rippenstösse zählen, die unser armer dicker Mann, so vorsichtig er sich auch gern nehmen wollte, auszustehen hatte? Es war ihm unmöglich, der einen Partei nicht zu missfallen, und immer recht zu wissen, von welcher Partei der war, mit welchem er redete. Er wusste fast nicht mehr, von welcher Seite er sich wenden sollte.

Die Annäherung der Preussen setzte in den Provinzen Geldern und Utrecht alles in die grösste Bewegung. Die Patrioten bewaffneten sich, um sie zu vertreiben. Es war eine bunte Masse von ungleichartigen Menschen und Waffen, die sich täglich vermehrte und die herzhaft schwor, alle Preussen zu vertilgen. Unser dicker Mann konnte nicht weiter; er ward in dem Städtchen Wyk de Duurstede gezwungen, sich als patriotischer Soldat anwerben zu lassen. Täglich ward exerziert; und der Mut wuchs täglich. Man malte Bildnisse von preussischen Husaren auf ein Brett, wonach die Rekruten schiessen lernten. Das Feuern währte etwa vierzehn Tage, in welchen Anselm alle Beschwerlichkeiten des Kriegsstandes erduldete. Wenn er den Tag über exerziert hatte, musste er in der Nacht Schildwache stehen. Da hatte er in den heitern Sommernächten Musse genug, seinem Elende nachzudenken. Bald kam ihm eine Portion spekulativer Philosophie ein, bald irgendein chimärischer Plan, sich in einen bessern Zustand zu versetzen. Von beiden schlecht getröstet, wollte er beinahe verzweifeln. Aber was halfen ihm alle Verwünschungen seines Leichtsinns! Da er hier so von aller Welt verlassen stand, fiel ihm seines Vaters Prophezeiung ein: es werde, wenn er glaube, gegen andere keine Pflichten zu haben, eine Zeit kommen, wo sich niemand um ihn bekümmere; und jetzt sah er