– Mylord oder nicht – bei den damaligen Unruhen in den Vereinigten Niederlanden eigentlich das edle Handwerk eines Spions trieb. Anselm hatte fast täglich ganze Bogen voll Ziffern zu schreiben gehabt, aber aus dem, was hin und wieder en clair stand, so viel geurteilt, dass sein Herr der stattalterischen Partei diene. Jetzt aber fing er an zu merken, dass Mylord zugleich der patriotischen ähnliche Dienste leistete, und eben daher, weil er von beiden Teilen so gut bezahlt ward, auch seine Bedienten reichlich bezahlen konnte. Unserm dicken mann war nicht wohl zu Mute; aber was sollte er machen? Es ging überdem alles so schnell, dass er nicht Zeit hatte, sich zu besinnen.
Der Weg ward nun nach der französischen Grenze genommen, um das Lager bei Givet zu besuchen, aus welchem die Patrioten Hilfe von Frankreich erwarteten. Sie fanden es ganz ordentlich abgesteckt, aber keinen einzigen französischen Soldaten darin. Sie eilten so schleunig als möglich mit dieser wichtigen Nachricht nach dem Haag. Daselbst hatte Mylord gleich in der Nacht, da er ankam, eine lange Konferenz mit ein paar ihm wohlbekannten Untersekretären. Er empfing den folgenden Tag sogleich neue Instruktion, morgen nach Amsterdam zu gehen. Mylord ging aber noch desselben Abends ganz in der Stille einen kleinen Umweg seitwärts zu seinen patriotischen Freunden nach Utrecht und Geldern. Denselben verkaufte er abermals die wichtige Nachricht, dass er selbst als Augenzeuge in Givet und in der ganzen dortigen Gegend nicht einen einzigen französischen Soldaten gesehen habe. Er erweckte dadurch dort viel Betrübnis; denn die eifrigen Patrioten hatten schon eine Armee von 35 000 Franzosen das ganze holländische Flandern einnehmen und bis ans Land von Altena vorrücken lassen. So viel Kummer nun auch die Nachricht, dass die Franzosen nicht marschierten, erwecken musste, so ward sie doch gut bezahlt; denn die Patrioten sahen nun, sie würden sich selbst überlassen sein und verdoppelten ihren Eifer, sich zu rüsten. Mylord, der jetzt inkognito unter dem Namen eines französischen Negotianten reisete, empfing von seinen Utrechtschen Freunden sehr gute Adressen an die vornehmsten Anhänger der patriotischen Partei in Amsterdam. Von denselben hoffte er Nachrichten herauszulocken, welche der Oranischen Partei sehr wichtig sein mussten; doch nahm er sich vor, wie es auch billig war, die patriotische Partei für die guten Dukaten, die sie ihm bezahlte, nicht zu vergessen; denn die geheimen Anhänger der Oranischen Partei in Amsterdam konnten ihm im Vertrauen auch so manches sagen, was die Patrioten gern hätten wissen mögen.
Die Vereinigten Niederlande befanden sich damals in der grössten Gärung. Beide Parteien waren aufs äusserste gegen einander erhitzt. Alles rüstete sich, und der bürgerliche Krieg fing an vielen Orten schon an, sich auszubreiten. Unsere Reisenden mussten also grosse Vorsicht anwenden, zuweilen Umwege nehmen und sich nach der Laune der an jedem Orte herrschenden Partei richten. Wenn aber, wie es oft geschah, an einem Orte beide Parteien auf den Beinen waren, so blieb es sehr schwer, ohne Kopfstösse durchzukommen. Bald steckten sie die Oranienfarbene Kokarde auf, bald mussten sie dieselbe wieder abnehmen. dicht vor dem Haag schrie das Volk Oranje boven und sang Wilhelmus van Nassauwen, und da sangen unsere Reisenden mit. Um Utrecht war das Geschrei: Vader Hooft boven, und alles sang den Utrechtschen Marsch, welches sich ziemlich bis Amsterdam erstreckte. Dahin kamen denn unsere Reisenden wohlbehalten an, doch unter fast stündlich verändertem Schreien und Singen und unter mancher Furcht vor Messern und Knütteln.
In Amsterdam gab es viel zu tun. Der französische Negotiant ging den ganzen Tag in seinen Geschäften aus. Anselm aber hatte zu haus alle hände voll Arbeit, denn es waren täglich bis in den späten Abend Berichte und Briefe in Ziffern zu schreiben. Die Herren waren kaum acht Tage da, als Anselm, da Mylord eines Mittags guter Dinge schien und mit ihm schwatzte, auch sein bisschen Klugheit zeigen wollte; denn er war auf den Gedanken gekommen, es werde ihm bei seinem Herrn Gewicht geben, wenn er merken liesse, er wisse wohl, was dies oder jenes zu bedeuten habe. Mylord lächelte und sagte weiter nichts. Es war nach Tische noch ein starker Posttag. Erst nach ein Uhr nach Mitternacht ward Anselm beurlaubt, und Mylord blieb noch auf; denn er siegelte allemal die Briefe selber, machte die Adressen und gab sie auch selbst ab, wovon Anselm niemals etwas erfuhr. Anselm legte sich sehr ermüdet zu Bette und schlief daher länger als gewöhnlich. Sein Herr liess ihn aber wecken, und er musste unverzüglich in einer Mietskutsche nach einer entfernten Gegend der Stadt fahren, um ein Billett an jemand abzugeben, dessen wohnung genau bezeichnet darauf stand. Dieser Mann war aber in der Gegend nicht auszufinden, und Anselm kam nach drei Stunden mit dem Billette zurück. Er war nicht wenig erstaunt zu vernehmen, Mylord habe im haus alles bezahlt und sei fortgereiset. Da fiel ihm schwer auf, in seiner Klugheit gezeigt zu haben, dass er mehr wisse, als Mylord wollte wissen lassen. Es scheint aber, die in Amsterdam herrschende patriotische Partei hatte von dem Gewerbe des französischen Negotianten Nachricht erhalten oder doch starken Verdacht geschöpft, und Mylord hatte dieses vermutet; denn kaum konnte sich Anselm besinnen, als Papagoy, der Onder-Schout mit seinen Dienern ankam, sich nach dem fremden Negotianten etwas näher zu erkundigen. Da dieser nicht mehr zugegen war, nahm er unsern dicken Mann in Verhaft und bemächtigte sich seiner Papiere. Diese bestanden aber in nichts, als in seinen Gedichten, philosophischen Abhandlungen