zu machen, sollte ihn weiter führen als alle seine Gelehrsamkeit; oder vielleicht wollte gar der selige Franz Labré an seinem Übersetzer ein Wunder tun. Ein durchreisender schottischer Lord suchte einen Menschen, der Französisch verstände und mit der Feder Bescheid wüsste. Der fromme Buchhändler hatte vor einigen Monaten zum Heile seiner Seele eine Wallfahrt nach Köln getan, um bei den wundertätigen Leibern der heil. drei Könige im dortigen Dome seine Andacht zu verrichten. Damals lernte er diesen Schottländer durch einige vom Hausgesinde des päpstlichen Nuntius Monsignor Pacca kennen, bei welchem der schottische Herr zuweilen aus- und einging. Daher konnte der Buchhändler unsern dicken Mann zu dieser vorteilhaften Stelle empfehlen. Dieser glückliche Vorfall setzte ihn mit einemmale aus seiner Verlegenheit. Er rief aus: »O seliger Franz Labre! Alles, was ich Kluges hätte schreiben können, würde mir nicht so weit geholfen haben als deine Lumpen und deine Läuse! Ich sehe, wenn man durch die Welt kommen will, muss man sich nicht allein die Leibjäger und Kammerjungfern, sondern auch die Bettler zu Freunden machen!«
Herr Mac-Allester – oder Mylord Mac-Allester, da jeder Engländer, der in einer Kutsche fährt, am Rheine und an der Mosel Mylord heisst – war, wie unser Anselm, ein kleiner runder Mann mit umherfahrenden feurigen Augen, dabei launig und kurz angebunden, wie solche reichen und freien Leute wohl zu sein pflegen. Er liess unsern Anselm eine Seite französisch schreiben, um die Deutlichkeit und Flüchtigkeit seiner Handschrift zu ersehen, weil er zu diktieren pflegte; und war mit beiden zufrieden. Er liess ihn auch etwas übersetzen; denn Mylord verstand ein wenig Deutsch und war wohl zufrieden, dass Anselm einige Worte Engländisch stammelte. Anselm war ganz entzückt von diesem grossmütigen Nordbriten, der ihm gleich ein Gehalt von monatlich acht Guineen anbot, welches seine Erwartungen übertraf. Sie waren des Handels beinahe eins, als Mylord, der wohl seine Launen haben mochte, unserm dicken mann plötzlich die Frage vorlegte: ob er auch frisieren und rasieren könne?
Anselm, höchlich verwundert, sagte mit Unwillen: Dazu könne er sich nicht geben. Er habe nicht als Domestik, sondern als Sekretär mit ihm zu reisen versprochen.
Mylord fuhr auf: »Sekretär! Sekretär! Dass Ihr Deutsche doch immer auf die Titel seht! Nun, mein anderer Domestik kann allenfalls auch frisieren und rasieren, und Ihr sollt dann also Sekretär oder Sekretarius heissen, wenn Euch das besser klingt. Aber Ihr müsst auf dem Bocke fahren; denn anderer Platz ist nicht da, und in meinem Wagen lasse ich niemand neben mir sitzen.«
Anselm erschrak nicht wenig über diesen Vorschlag. Indes, was war zu tun? Sollte er die vorteilhafte Stelle um einer solchen Kleinigkeit willen ausschlagen? war es denn besser, wenn er auf dem Postwagen hätte sitzen müssen oder auf einem Bauerwagen, wie er schon neulich getan hatte?
Er überlegte, es würde in seiner jetzigen Lage Eigensinn sein, auf einer Nebensache zu bestehen, die doch den Umständen nach nicht anders sein konnte. Ihn reizte nicht allein das ansehnliche Gehalt, sondern auch das Ansehen eines so vornehmen Herrn; denn der Buchhändler hatte aus dem mund des andern Bedienten viel Werks von des Lords grossen Gütern im Hochlande gemacht und erzählt, dass er einer der angesehensten schottischen Pairs sei. Nun, dachte Anselm, könnte ihn dieser Herr vielleicht in Schottland zum grossen mann machen, weshalb er beschloss, sich nach diesem grossmütigen, obgleich auch launischen schottischen Pair zu richten.
Unser dicker Mann bestieg also den Bock, weils nicht zu ändern stand, und sie reiseten ab. Mylord hatte seine sonderbaren Launen. Er reisete nicht auf der geraden Landstrasse, sondern zuweilen unvermutet einen Nebenweg, und unterhielt sich zuweilen stundenlang mit Leuten, die wie Bauern oder sonst wie geringe Leute aussahen. Anselm erschrak nicht wenig, als der Weg ins Jülische bog und fing an zu befürchten, es möchte gar nach Aachen oder Elberfeld gehen. Er wäre vor Scham gestorben, wenn er sich in seiner jetzigen Lage da hätte müssen blicken lassen. Aber es ging ungefähr eine Meile bei beiden Orten vorbei durch Gegenden, welche unserm dicken mann nur allzuwohl bekannt waren: Gegenden, die er oft in eigenem Wagen und auf eigenem Pferde durchstrichen hatte und die er nun auf dem Bock sitzend durchzog. Er erinnerte sich lebhaft der Reise von Vaals nach Elberfeld und welche sanguinischen Hoffnungen seine Einbildungskraft damals noch entworfen hatte, nachdem schon sein ganzes väterliches Erbgut von ihm verschwendet war. Damals dünkte ihn, es läge die Welt vor ihm offen, um sein Glück darin zu machen. Sie lag noch offen vor ihm; aber wie? Seine Empfindung war sehr bitter, da er nichts als seinen eigenen Leichtsinn anklagen konnte. Nebst Scham und Reue gingen eine Menge guter Entschlüsse durch seinen Kopf, wie sie ihm ehemals schon oft durch den Kopf gegangen waren. Hätte er sie nur jemals mit Ernste ausgeführt, so hätte er sein eigener Herr mit Ehren bleiben können und hätte nicht jetzt in einer ziemlich zweideutigen Lage nach Schottland reisen dürfen, auf Hoffnungen, die doch wenigstens nicht völlig gewiss waren.
Jetzt schien aber nicht einmal die Reise nach Schottland zu gehen. Mylord wendete seinen Weg durch Lüttich und Brabant nach der holländischen Grenze und hielt sich einige Wochen in Berg-op-Zoom auf. Hier sah unser dicker Mann, zu seinem nicht geringen Erstaunen, ganz deutlich, was er schon seit einiger Zeit zu vermuten angefangen hatte, nämlich, dass sein Patron