viel unsere glücklichere philosophisch zum Lesen angeführte Jugend künftig konsequenter denken und folglich moralischer handeln wird, als wir weniger glücklichen Väter und unsere ältesten Söhne!
So sehr nun aber beide Eltern darin übereinstimmten, dass ihr Sohn studieren sollte, so sehr uneins waren sie über den gelehrten Stand, welchen sie für ihn zu wählen hätten. Die Mutter wollte ihn, wie leicht zu erraten, der Gottesgelahrteit gewidmet wissen; denn welche grössere Freude kann eine Mutter wohl haben, als ihren Sohn predigen zu hören! Der Vater war aber nicht so sehr aufs Geistliche gesteuert. Er stellte sich dieses Leben, wo es ihm so wohl ging, viel lebhafter vor als das künftige, über welches ihm noch so manches dunkel blieb. Er hielt daher einen Arzt für einen nicht zu verachtenden Mann. Dabei wusste er, so frugal er auch selbst lebte, sehr wohl, was in der Welt mit Geld auszurichten ist. Dass die Arzneikunde Geld bringe, sah er an einigen Ärzten in Aachen, welche in der Stadt viel gebraucht und oft auch nach benachbarten Landgütern und fürstlichen Höfen geholt wurden, ob es ihm gleich schien, dieselben wären im Heilen schwerer Krankheiten nicht ganz so glücklich, als er im Färben echter Tücher. Er beschloss also, sein Sohn sollte ein Arzt werden, und sah schon in Gedanken, wie derselbe in eigener Kutsche auf den Strassen von Aachen herumrollte und im fürstlichen zug von Sachsen über Land geholt wurde.
Ganz andrer Meinung war Oheim Georg. Derselbe hatte vermutlich bei den Herrnhutern, wo bekanntlich gar kein Unterschied der Stände gilt, die Begriffe von Gleichheit aller Menschen eingesogen, welche machten, dass er, beinahe wie jetzt die unhosigen und langhosigen Franzosen, jeden höhern Stand als etwas Unnatürliches ansah. Er meinte, die Familie sollte ja aus ihrem Kreise sich nicht emporheben, und der Junge dürfe daher nichts als ein Tuchmacher werden wie sein Oheim und sein Vater. Er stellte letzterm vor, was sich auch hören liess, es werde natürlicher sein, diesen Sohn so zu erziehen, dass die schöne Manufaktur durch ihn im Flore erhalten bleibe, wodurch auch der künftige Wohlstand des jungen Menschen sicherer werde gegründet werden als durch ungewisse Hoffnungen und Aussichten. Aber diese Vorstellungen halfen wenig bei den Eltern, denen eben jene weitaussehenden Hoffnungen sehr viel Vergnügen machten. Es hätte dieser Zwist leicht zum Nachteile des häuslichen und brüderlichen Friedens ausschlagen können. Denn, so ein schlichter und verträglicher Mann auch Meister Anton war, so hatte er doch seinen kitzlichen ambitiösen Fleck und Frau Sabine ebenfalls. Dazu kam, dass, wie oben bemerkt worden, Oheim Georg gewohnt war, in der Familie am lautesten zu reden, und es fiel ihm auf, dass jetzt zum ersten Male das Gegenteil geschah.
Die übeln Folgen wurden indes durch ein Wort von Frau Leonoren glücklich gehindert. Sie bemerkte in der grössten Hitze des Streits: Es sei unnötig, über das Schicksal des Knaben jetzt zu streiten, man könne ja lieber geduldig abwarten, wie es etwa mit ihm und seinen Fähigkeiten werden möchte. Dabei küsste sie den dicken Jungen und gab ihn auch dem Vater in die arme. Die beiden Männer wunderten sich, wie ihnen ein so natürlicher Gedanke nicht selbst eingefallen wäre, und gaben einander treuherzig die hände, obgleich jeder insgeheim wünschte, dass sein Plan zum vermeinten Glücke des Knaben ausgeführt werden möchte.
Die gute Frau Leonore hatte im Ehestande wenig gelegenheit gehabt, Erfahrungen von Glücke zu machen, aber desto mehr gelegenheit zur Prüfung ihrer Geduld. Kaum sah sich ihr Mann, der Doktor, wieder in guten Umständen, so fing er aufs neue an, alle Zeit, welche er nicht zu den Versuchen für die Färberei der Manufaktur brauchte, aufs Laborieren zu wenden. Er kam bald wieder in Schulden und sein ganzes Hauswesen in Unordnung. Unter diesen Umständen war Frau Leonore zum ersten Male guter Hoffnung. Sie gebar einige Monate darauf eine Tochter. Der Doktor liess das Mädchen Sophia taufen, seine Ehrerbietung gegen die geheime himmlische Weisheit anzuzeigen, welche von seinem Schwager, seiner Meinung nach, verkannt ward. Er starb aber kurz darauf als ein Märtyrer dieser geheimen Weisheit. Soeben glaubte er, endlich die jungfräuliche Erde gefunden zu haben, in welcher er den Merkur figieren wollte. Plötzlich aber sprang das philosophische Gefäss, und er ward in Rauch und Flammen erstickt. Seine Frau, schon durch so manche Leiden geschwächt, fiel über den Schreck in eine heftige Krankheit und starb bald nach ihm.
Meister Anton sah wohl ein, dass die Begierde, Gold zu machen, eine unheilbare Krankheit ist. Er beweinte seine Schwester, bezahlte seines Schwagers Schulden und nahm die kleine Tochter in sein Haus, wo er sie als sein eigenes Kind erzog.
Dritter Abschnitt
Sophiens und Anselms Kinderjahre
Anselmino Redlich wuchs indes heran und war, da er elf Jahre alt geworden, ein kleines, rundes, frisches Kerlchen, über das sich alle Nachbarn freuten. Er hatte einen offenen Kopf, war immer fröhlich und guter Dinge und lernte in der Schule Sprüche und Vokabeln mit gleicher Leichtigkeit auswendig. Denn es hatte sich in Vaals ein ältlicher Kandidat der Teologie eingefunden, welcher nach manchen Wanderungen sich daselbst als Schulmeister setzte, um den deutsch-holländischen Kindern zu ihrem Fortkommen in dieser Welt die lateinische Sprache, und zu ihrem Wohle in der künftigen Welt den ganzen Inhalt von Braunii Doctrina Foederum s. Systema Teologiae didacticae beizubringen. Dieser Lehrer gewann unsern Anselm wegen seiner Fähigkeit, Worte auswendig zu behalten, so lieb, dass er mehr als einmal