Glücke zu eröffnen.
Die Kammerjungfer, wie schon bemerkt, eine verständige person, baute auf die vorteilhafte wirkung, welche unsers dicken Mannes Arznei zur Reinigung des Leichnams der Hochwürdigen Frau gehabt hatte, einen Plan, von welchem sie sich sehr viel versprach. Nachdem sie ein paar Wochen lang dem Herrn Sekretär freundlicher als jemals begegnet und mit ihm sogar, so wenig sie sonst eine Freundin von Gedichten war, zuweilen verliebte Lieder aus den Schwickertschen Musenalmanachen gelesen hatte, machte sie ihn mit ihrem Plane bekannt. Er sollte sie heiraten. Zur Mitgabe wollte sie ihm eine Bestallung als Leibarzt bei der Hochwürdigen Frau auswirken. Sie rechnete ihm vor, dass diese nur noch wenige Jahre vor sich habe und dass sie schon sorgen wolle, dass ihnen beiden im Testamente eine lebenswierige Pension vermacht würde, womit sie dann sich ganz bequem als ein Paar Turteltäubchen einrichten könnten.
Dies war ein Vorschlag, welcher unserm dicken mann billig hätte annehmlich sein sollen. Wir kennen ihn als schönen Mädchen sehr ergeben. Nun war die Kammerjungfer weiss und rot, hatte blitzende Augen und, abgerechnet, dass das linke etwas seitwärts sah, als wollte es nach der rechten Schulter blicken, die um ein ganz Kleines wenig höher schien als die linke, liess sich an ihrer person nichts aussetzen. Sie zählte noch nicht völlig neunundzwanzig Jahre, war klug und noch gelehrt dazu. Dennoch fand sie bei unserm dicken mann nicht Beifall. Wir müssen es nur zu seiner Schande gestehen: Er hatte durch die Philosophie noch so wenig der groben Vorurteile bei sich unterdrücken können, dass es ihn schimpflich dünkte, ein Mann wie er solle eine Kammerjungfer heiraten, um sein Glück zu machen, und noch dazu eine mit einer hohen Schulter. Er glaubte wohl, noch ganz andere Aussichten zu haben. Ihm waren die Worte des Ministers unvergessen, dass er in dessen Dienste kommen solle, wenn er erst eine Zeitlang zu der Äbtissin Zufriedenheit gedient hätte. Nun war man mit ihm zufrieden, und er hatte eben bei sich überlegt, wie er den Minister bei gelegenheit des neuen Jahres, das nur wenige Wochen entfernt war, an sein Versprechen erinnern wollte.
Er sagte also der schönen Kammerjungfer mit aller Höflichkeit, er sei noch nicht willens, sich zu verheiraten. Aber so höflich man auch eine solche abschlägige Antwort geben mag, wird sie doch selten wohl aufgenommen. Das schöne Kind geriet darüber in einen Grimm, den man einer solchen Taube nicht hätte zutrauen sollen, und fing von dem Augenblicke an, so sehr seine Feindin zu werden, als sie vorher seine Freundin gewesen war. Nunmehr ward durch den widrigen Einfluss dieser erzürnten Schönen das Betragen der Äbtissin und aller Personen, die um sie waren, ganz anders gegen unsern armen dicken Mann. Die Umstände trafen sich ohnedies ungünstiger gegen ihn, als er selbst einsah. Das zärtliche Stiftsfräulein war von dem Werbeoffizier böslich verlassen worden, der eine reiche Erbin bürgerlichen Standes geheiratet hatte; daher führte sie jetzt gar keine französische Korrespondenz. Zwei der verwirrtesten Prozesse standen, durch einen glücklichen Einfall eines Prokurators in Wetzlar, auf dem Punkte, verglichen zu werden. Und da die gelehrte Kammerjungfer so schlau war, der Äbtissin über Stellen aus dem schönen buch vom menschlichen Elende selbst täglich einige Auslegungen zu machen: so verschwand nun auch das Letzte, wodurch sich unser dicker Mann noch hätte notwendig machen können. Es fiel also der rachsüchtigen Kammerjungfer nicht schwer, es dahin zu bringen, dass ihm, etwa vierzehn Tage nach der unbedachtsamen abschlägigen Antwort, die Frau Äbtissin höchstselbst in ganz gnädigen Ausdrücken bedeutete: Er möchte sich gegen künftige Ostern um ein anderes Unterkommen umtun, weil sie alsdann seine Stelle ihrem Kammerdiener zugedacht habe. Dieser schrieb wirklich eine leidliche Hand, rechnete auch etwas, indem er im siebenjährigen Krieg Frisör bei einem Kriegskommissar gewesen war. Er hatte, um die wichtige Stelle eines Sekretärs zu erhalten, gar keine Schwierigkeit gemacht, sich den Tag vorher mit der Kammerjungfer zu versprechen, welches die Hochwürdige Frau unserm dicken mann beiläufig kundtat.
Vierundzwanzigster Abschnitt
Anselms gelehrte Pläne. Charakter eines grossmütigen Schottländers, dessen Launen und verschiedene Reisen
Anselm hatte nun ein ganzes Vierteljahr Zeit, um zu bedenken, was für ihn ferner zu tun sei. Er war aber jetzt von seinen chimärischen Plänen durch die tägliche Erfahrung zurückgekommen, und seine Gedanken gingen nicht mehr auf weit aussehende Dinge. Sein einziger und sehr billiger Wunsch war nur, sich aus der Niedrigkeit und schimpflichen Abhängigkeit, in welche er geraten war, herauszuziehen. Dies hielt er, wenngleich für schwer, dennoch bei anhaltendem Fleisse und dem Gebrauche seiner Talente gar nicht für unmöglich. Das Natürlichste würde freilich gewesen sein, seinem treuen Freunde Philipp zu schreiben oder selbst zu ihm nach Elberfeld zu reisen. Er wusste wohl, dieser werde ihn nicht hilflos lassen. Teils aber versagte ihm seine Delikatesse die Dreistigkeit, einem Freunde beschwerlich zu fallen, teils hinderte ihn auch ganz insgeheim seine Eitelkeit, eine Frau in der Nähe zu sehen, die einen andern ihm vorgezogen hatte, ob er gleich seinem Freunde Philipp den Besitz seines Glücks gönnte. Er glaubte, feiner zu denken, wenn er bloss sich selbst seine verbesserte Lage zu danken hätte. Aber wie? Die Hoffnung auf den Minister verschwand bald; denn er erhielt auf seine Neujahrsgratulation keine Antwort. Er sann also auf andere Mittel, und das bis Ostern fort, ohne etwas auszusinnen. Er wusste nun keinen andern Rat, als nach Frankfurt am Main zu gehen, in welcher volkreichen Stadt er ein Amt oder