1794_Nicolai_128_58.txt

geht, denen man, je mehr man sie kennenlernt, mehr aufträgt, so fingen auch seine Geschäfte an, unvermerkt mannigfaltiger zu werden.

Die Frau Äbtissin bekümmerte sich sehr wenig um alle ihre Stiftsfräulein, die sie bloss ihre Oberherrschaft, sehr selten aber etwas von ihrer Gnade fühlen liess, ein einziges Stiftsfräulein ausgenommen, welches mit der ersten Kammerjungfer die Gunst der Hochwürdigen Frau teilte. Diese beiden Günstlinge machten wieder den Herrn Sekretär zu ihrem Günstlinge. Das fräulein war ungefähr dreiunddreissig Jahre alt, grau von Augen, lang und hager, auch etwas gespannt um die Gegend der Lippen, die, wenn sie lachte, ihre schönen Zähne sehen liessen, wovon nur ein paar zur Seite das Ansehen abgeschossener Bollwerke hatten. Nicht in die Zähne, sondern in das Herz dieses schönen Fräuleins hatte ein in einer benachbarten Stadt auf Werbung stehender Offizier geschossen, mit welchem sie in einem verliebten Briefwechsel stand. Weil nun Leute vom stand, selbst in Angelegenheiten des Herzens, nicht anders als französisch korrespondieren können, das fräulein aber ihre seelenschmelzenden Empfindungen in dieser Sprache nicht innig genug auszudrücken wusste, so ersuchte sie den Herrn Sekretär, als einen gelehrten Mann, ihre französischen Liebesbriefe in Form zu bringen. Dies vollführte er, obzwar ungern, doch so zu ihrem Wohlgefallen, dass es ungewiss ist, wenn der Offizier nicht ein Offizier, dabei fünf Fuss neun Zoll hoch gewesen und zweiunddreissig Ahnen gehabt hätte, ob nicht etwa unser kleiner dicker Mann ihm ein gefährlicher Rival hätte werden können.

Das Kammerjüngferlein hingegen war freundlich und einnehmend, aber doch eigentlich nicht verliebt. Nichts weniger. Sie war eine Gönnerin der Gelehrsamkeit, besonders der ernstaften, als dahin gehören moralische Betrachtungen, worin eingeschärft wird, was jedermann ohnedies tut, gelehrte Beweise solcher Dinge, an denen niemand zweifelt, oder solcher, die bei allen strengen Beweisen niemand glauben will, z.B. dass die ägyptischen Pyramiden aus Basalt von selbst hervorgewachsen wären oder dass die Schöpfung der Erde den 18ten September Anno Null vor sich gegangen sei und ähnliche gelehrte Untersuchungen. Dieses schöne Kind unterhielt unsern dicken Mann mit Gelehrsamkeit; denn sie hatte sich in die Lesegesellschaft eines benachbarten Städtchens eingekauft, woher sie nicht etwa Romane und andere solche eitlen Scharteken, sondern gründliche Schriften erhielt. Da nun die Gelehrten hin und wieder Stellen in lateinischer oder andern Sprache anzuführen pflegen: so bat sie öfter den Herrn Sekretär, ihr diese Stellen zu verdeutschen, und beschäftigte damit mehr von seinen wenigen Nebenstunden als ihm lieb war, doch durfte er es nicht abschlagen, weil ihm der Leibjäger des Herrn von Reiteim einfiel, den er zuletzt nicht hatte entbehren können.

Auf diese Weise stand unser dicker Mann bei beiden Favoritinnen der Frau Äbtissin in Gunst und kam folglich durch doppelte Empfehlung auch bei ihr selbst immer mehr in Gnaden. Sie liess wöchentlich dreimal des Abends Betstunde halten, welcher ihr ganzes Haus und so auch der Sekretär beiwohnen musste. Als nun einmal der Kapellan krank war, musste Anselm auf ihren Befehl versuchen, aus Goezens Predigten vom jüngsten Gerichte, die eben damals in der Betstunde im Gange waren, eine Predigt vorzulesen. Seine vernehmliche stimme, die gleich der letzten Posaune in ihre tauben Ohren tönte, gereichte ihr so sehr zum gnädigen Wohlgefallen, dass sie ihm nun das Amt eines geistlichen Vorlesers ganz auftrug. Er erschrak darüber und glaubte, selbst vor dem jüngsten Gerichte zu stehen, wenn er die welken und breiten Gesichter vor sich sah. Die Sünden seiner Jugend fielen ihm allemal schwer aufs Herz, wenn er das Buch in die Hand nahm; aber die ihm dadurch erzeigte Gnade war nicht auszuschlagen. Der Beifall seiner Patronin belohnte ihn auch; denn sie fasste noch ein grösseres Vertrauen zu ihm. Da es anfing zu verlauten, er sei ein Arzt, und sie im Herbste, wie gewöhnlich, ein Vorbauungsmittel zu nehmen hatte, liess sie sich dazu von ihm ein Rezept verschreiben. Die ganz treffliche wirkung desselben setzte ihn noch viel fester in ihrer Gnade, die ihm zwar von manchem im Stifte beneidet ward, aber dennoch nicht machte, dass sein Herz sich im Übermute erhob, so bescheiden war er geworden!

Er war nun der Hochwürdigen Frau in den drei obern Fakultäten, der teologischen, juristischen und medizinischen bedient. Nun wollte sein günstiges Schicksal, dass er auch in der vierten, in der philosophischen, ihr Dienste leisten sollte. Sie hatte eben damals eine Lieblingslektur an dem berühmten Werke: Karl von Karlsberg oder über das menschliche Elend. Aus diesem buch las sie, nachdem die Abende anfingen, lang zu werden, mit der Brille auf der Nase täglich eine Stunde lang, mit innigem Vergnügen; denn sie fand darin ausführliche Nachrichten, wie elend es in der Welt geworden sei, seitdem sie jung war. Sie teilte dieses Vergnügen nicht nur mit ihrer Favoritin, der Stiftsdame, sondern auch mit ihrem Sekretär. Da in diesem gelehrten Werke hin und wieder wissenschaftliche Ausdrücke und Anspielungen vorkommen: so musste er ihr dieselben erklären. Vermöge seiner redseligen natur wurden daraus nach und nach kleine Vorlesungen über das scharfsinnige Werk, welche der doppelt alten Frau und der halb jungen Stiftsdame mit den schönen Zähnen unbeschreibliches Vergnügen machten. Ihm selbst freilich nicht soviel; doch gereichten ihm diese philosophischen Erläuterungen unter seinen übrigen Beschäftigungen noch zum mindesten Missvergnügen, weil er darin wenigstens doch seine eignen Ideen ausspinnen konnte.

Indem dies geschah, schien ihm unter allen vier Fakultäten, die er jetzt so rühmlich bearbeitete, seine Hauptfakultät, die medizinische, eine ganz unvermutete Aussicht zu seinem künftigen