, und es wäre ihm ohnedies nur auf besondere Empfehlung des Herrn von Reiteim diese Stelle konferiert worden, ob er gleich kein Jurist wäre.
Wahr ist es, der Herr von Reiteim hatte ihn auf eine Art empfohlen, welche die Beförderung sehr erleichterte; denn er hatte in dem letzten Schreiben gemeldet, Anselm sei jetzt in solcher Lage, dass er auch mit dem geringsten Gehalte werde zufrieden sein müssen.
Der Minister führte ihn nun ungesäumt zu seiner Schwester, der Äbtissin. Dies war eine Dame zwischen siebzig und achtzig Jahren, etwas untersetzt und von breiten Kinnbacken. Sie hielt den Oberteil ihres Körpers ungefähr in einem Winkel, dessen Grade, gegen die Fläche des Erdbodens gemessen, der Anzahl ihrer Lebensjahre gleich kam, und war etwas taub. Daher konnte sie nicht wohl verstehen, was man sagte; hingegen waren auch ihre Antworten eben nicht leicht zu vernehmen, indem ihr Hochwürden und Gnaden aus Mangel der Zähne die Worte ziemlich mummelten. So viel war indes aus ihrer Anrede an unsern ganz erstaunten dicken Mann herauszubringen: dass er ein ganz guter Mensch zu sein schiene, dass sie ihn ermahne, sich gut aufzuführen, und ihn ihrer Gnade versichere.
Die Figur der Frau Äbtissin mochte eben nichts beitragen, unsern dicken Mann von dem Missvergnügen über seine ganz verfehlte Aussicht zu heilen, da er anstatt in die Dienste eines vielgeltenden Ministers in die Dienste einer alten Frau treten sollte. Er hatte ein paarmal auf der Zunge, sich für ihre Gnade zu bedanken und dieselbe zu verbitten. Aber so sehr er ausser Fassung war, bedachte er doch noch, dass ihm jetzt keine andere Wahl freistehe, zumal da er, ausser sehr wenigen Gulden in der tasche, nichts im Vermögen hatte als einen schönen engländischen Reisewagen mit zerbrochener Hinterachse, der zwei Meilen entfernt lag.
Er musste sich also schon seiner Äbtissin auf Gnade und Ungnade ergeben. Nach einem Aufentalte von etwa acht Tagen auf diesem Gute, welchen die Kammerjungfern unserm dicken Mann möglichst angenehm zu machen sich bemühten, war der Besuch der Hochwürdigen in Gott andächtigen Frau bei ihrem Herrn Bruder geendigt; und nun ging ihre Rückreise in Gesellschaft ihres neuen Sekretärs wieder die Ufer des Rheins hinab und weiter nach dem ein paar Tagereisen davon entlegenen Stifte. Der Herr Sekretär verkaufte vorher seinen eleganten Reisewagen, das letzte Überbleibsel des grossen Vermögens, das er von seinem Vater geerbt, und des kleinen, das er mit seiner Praxis erworben hatte; das letzte Überbleibsel von allen schönen Möbeln und Nippes, die ihm in Vaals und in Elberfeld so manches Vergnügen gemacht hatten.
Ausserdem, dass er die kleine Summe, die ihm dieser Wagen einbrachte, jetzt zu mancherlei notwendigen Bedürfnissen nicht wohl entbehren konnte, hatte er nun auch keinen Reisewagen nötig, indem er die Gnade genoss, einen Rücksitz in dem Wagen der Frau Äbtissin einzunehmen. Er war da recht wohl verwahrt, ob ihn gleich, bei der damals etwas starken Hitze im Julius, zuweilen einige Ängstlichkeit anwandelte, weil wegen verschiedener Flüsse und Gichtknoten der Hochwürdigen Frau die hölzernen Fenster nie geöffnet werden durften. Dieses und seine Gedanken, welchen er nachzuhängen alle Musse hatte, machte seine Reise nach dem Stifte nicht so angenehm als seine Reise nach dem Gute des Ministers. Seine Einbildungskraft stellte sich lebhaft vor, was er gewesen und was er jetzt war. Er verwünschte abermals in Gedanken seinen Leichtsinn, seinen Müssiggang, seine Verschwendung und seine eingebildete Klugheit, welche ihn aus dem besten Wohlstande in die jetzige unangenehme Lage, aus der glücklichsten Unabhängigkeit in eine beklemmende Abhängigkeit gebracht hatte. Er dachte mehrmal: »O Philipp! war ich gewesen wie du! Ohne eingebildete Pläne auf die Zukunft, arbeitsam, wirtlich, bescheiden und zufrieden mit meinem stand!«
Wenigstens hatte er den guten Entschluss, sich seinen Freund Philipp zum Muster zu nehmen und sich geduldig in seine Lage zu schicken. Auch fehlte es ihm nicht an gelegenheit, die Tugenden der Arbeitsamkeit und der Geduld auszuüben. Er fand sich unter einer Menge verwirrter Akten und verwirrter Korrespondenzen. Er musste sich, so sauer es ihm ankam, einen Begriff davon machen und die Prozesse in Ordnung und in Bewegung bringen. Es blieb ihm, um hiermit zu stand zu kommen, anfänglich den ganzen Tag durch nicht eine Stunde zur Erholung übrig. Zudem waren alle Gegenstände, mit welchen er umgeben war, eben nicht unterhaltend. Die im Stifte befindlichen fräulein waren zwar sehr neugierig, den fremden Ankömmling kennenzulernen; aber sie wollten unserm dicken mann nicht behagen. Sie waren teils etwas ältlich, teils ziemlich verwachsen, teils ein wenig kränklich; alle aber zufälliger Weise, welches sich in Fräuleinstiftern sonst gar nicht finden soll, etwas zänkisch über Kleinigkeiten. Wenn sie daher des Abends in Prozession kamen, um vor dem Schlafengehen der Frau Äbtissin nach Stiftsgebrauche knieend die Hand zu küssen: so wurden gewöhnlich auch Klagen vorgebracht oder es entstanden sonst etwas laute Wortwechsel, wobei der Herr Sekretär zuweilen auf Befehl der Frau Äbtissin etwas zu schlichten hatte. Denn er speisete hier nicht am Kammertische, sondern hatte gewöhnlich die Gnade, zur Tafel der Frau Äbtissin gezogen zu werden. An der Unterhaltung gewann er hierbei eben nichts; denn die gnädigen Befehle, die etwas unvernehmlich herausgemummelt wurden, waren ziemlich schwer zu verstehen, und die Ehrfurcht erlaubte nicht, ein Gespräch selbst anzufangen, wozu sich auch eben nicht viel gelegenheit zeigte.
Indes war man mit unserm dicken mann zufrieden. Die Not machte ihn tätig. Er lernte sich endlich in seine Geschäfte schicken, und, wie es brauchbaren Leuten