Klugheit einer Schlange mit der Falschlosigkeit einer Taube zu verbinden.
Indem er diesen trefflichen moralischen Entschluss fasste, rückte er sich in seinem engländischen Reisewagen recht zusammen; und in dem Augenblicke stiess das linke Hinterrad gegen einen grossen Stein. Die eiserne Achse zersprang, und der Wagen lag mitten im feld. Es war nicht gar weit bis zu einem dorf, wohin der Wagen, nachdem der Fuhrmann endlich die Achse mühsam zusammengebunden hatte, geschleppt wurde; Anselm und der Fuhrmann gingen zu fuss nebenher. Aber der Schmied im dorf erklärte es für unmöglich, die Achse unter sechs bis acht Stunden herzustellen. So lange konnte unser dicker Mann nicht warten; denn er hatte keine Zeit zu verlieren, um nicht zu spät bei der Tafel des Ministers zu erscheinen. Es blieb also nichts übrig, als einen Bauerwagen zu mieten, auf den alles Gepäck vom Reisewagen gelegt ward, wo sich dann Anselm obendrauf setzte. Etwas kostete es freilich seiner Eitelkeit, auf diesem Fuhrwerke in das Schloss des Ministers einzuziehen, der bei seiner Ankunft leicht am Fenster stehen konnte. Auch ward seine Frisur vom Winde ein wenig zerstört, indem das Dorf beinahe noch zwei Meilen entlegen war. Indes tröstete er sich damit, dass solche kleinen Unfälle jedem Reisenden leicht begegnen können und dass sein schöner Wagen, wenn er den andern Morgen nachkäme, schon in die Augen fallen und die Vermutung erregen werde, er sei kein gemeiner Sekretär.
Der Aufentalt und das Umpacken hatte doch einige Zeit weggenommen, so dass er eben um zwölf Uhr ankam. Er sagte gleich, wer er sei, und verlangte Se. Exzellenz zu sprechen. Der Schweizer wies ihn nach dem Zimmer des ersten Kammerdieners, der ihn sehr höflich empfing. Anselm hatte aber kaum Zeit, seine Unfälle mit dem Wagen kurz zu erzählen, den Brief, welchen Herr von Reiteim ihm mitgegeben hatte, vorzuzeigen und das Verlangen zu wiederholen, Sr. Exzellenz Dero Befehle gemäss gleich aufzuwarten, als der Kammerdiener schon erwiderte: Se. Exzellenz und die übrigen Herrschaften sässen jetzt beim Spiele und würden nachher gleich zur Tafel gehen; daher könne er jetzt nicht vorkommen. Nach Tische aber würden die Herrschaften im Garten spazieren gehen, da wollten dann Se. Exzellenz ihm Audienz geben. Indes sei Befehl da, dass er am Kammertische mitspeisen solle.
Der premier homme de chambre bot ihm zugleich verbindlich die Hand, um ihn hinzuführen; denn die Kammerjungfern und Kammerdiener der gnädigen herrschaft und der gnädigen Gäste waren eben im Begriffe, sich zu Tische zu setzen, um hernach bei der Tafel und beim Kaffee ihre Aufwartung wahrzunehmen. Diese Einladung stach sehr ab gegen die Vorstellung, die sich Anselm von seinem Empfange beim Minister versprochen hatte. Er war in der ersten Aufwallung seines Unwillens im Begriffe, alles im Stiche zu lassen und ungegessen wegzugehen. Teils sah er aber wohl ein, er würde dadurch die ganze Aussicht zu einer, ansehnlichen Beförderung verlieren, teils war er wirklich hungrig; und hätte er dennoch zurückreisen wollen, so konnte er nicht, weil seine Pferde in der Schenke in den Stall gezogen waren, um gefüttert zu werden. Er ging also geduldig hin, um sich gleich seinen Pferden füttern zu lassen. Aber er war wie betäubt; denn er befand sich in einer ganz neuen Welt. Die mit zierlicher Höflichkeit gemischte gemeine Vertraulichkeit seiner Tischgenossen musste einem mann unerträglich fallen, der so viel in guter Gesellschaft gelebt hatte; und er verwünschte bei jedem Bissen den Leichtsinn und die Verschwendung seiner Jugend, wodurch er nach und nach bis in diese Lage war gebracht worden. Nach Tische hatte er über eine Stunde lang die Höflichkeit der Kammerjungfern auszuhalten, welche seine Frisur, trotz der vom Winde darin gemachten Verwüstungen, nebst seinen weissen seidenen Strümpfen mit ihrem Beifalle beehrten.
Nachdem die Herrschaften die Tafel verlassen hatten, ward er im Garten in einen gang gestellt, wo sie vorbeigehen sollten. Er sah da eine ganze Prozession von Herren mit Knotenperücken und von ernstaften alten Damen in steifen Andriennen, die ihn kaum bemerkten. Endlich erschien der Minister, redete ihn zuerst an, zwar etwas zurückhaltend, aber doch überaus höflich und mit einer zuvorkommenden Gnade, die bald unsers armen dicken Mannes Herz gewann. Er ward von Sr. Exzellenz über verschiedene Gegenstände examiniert und hatte das Glück, hohen Beifall zu erhalten. Dies machte ihm Herz zu sagen: Er hoffe in jeden Wirkungskreis, welchen Se. Exzellenz ihm anzuweisen geruhen würden, sich zu schicken und zu jedem Geschäfte, das ihm, es sei auch in welchen Landessachen es sei, von Sr. Exzellenz aufgetragen werden möchte, durch Fleiss und Tätigkeit sich hineinzuarbeiten.
Er war ein wenig betroffen, als Se. Exzellenz erwiderten: »Ich verlange Sie nicht für mich, sondern für meine Schwester, die Äbtissin des freien weltlichen Fräuleinstifts zu ..., welche einen Sekretär und Geschäftsführer bedarf. Das Stift ist mit mancherlei Prozessen beladen. Besser würde es daher freilich sein, wenn Sie ein Jurist wären. Indes, da Sie guten Willen haben, sich in die Geschäfte hineinzuarbeiten und Sie nur hauptsächlich mit den Advokaten und Prokuratoren zu korrespondieren und die Akten in Ordnung zu halten haben, so werden Sie sich wohl darein finden.« Anselm erwiderte stammelnd: Er hätte gehofft, in Sr. Exzellenz eigene Dienste zu treten und wolle auch jetzt noch untertänigst darum ansuchen.
Der Minister aber erwiderte: Dies könne vielleicht einmal geschehen, wenn er sich einige Jahre lang bei der Äbtissin werde gut aufgeführt haben. Jetzt aber wäre keine Vakanz