, er habe das Herz des Fürsten in Händen, und an den er von seinem Neffen so stark empfohlen war, in eine Lage versetzt zu werden, wo er einen ausgedehnten Wirkungskreis, für Viele Gutes zu tun, erhalten werde: eine idee, die immer noch seine Einbildungskraft mit Macht anfeuerte. Er sah freilich wohl ein, es könne ihm von missgünstigen Leuten manches in den Weg gelegt werden; dagegen aber fühlte er wieder, in dem haus des Herrn von Reiteim, so klein auch der Zirkel gewesen war, dennoch grosse Fortschritte in der Menschenkenntnis gemacht zu haben.
Bei dieser gelegenheit fing unser dicker Mann zuerst an, ganz unphilosophischer Weise einige Zweifel zu fassen, ob wohl die teoretische Philosophie, auf die er bisher einen so grossen Wert gesetzt hatte, auch im Laufe der Welt anwendbar sei? Er hatte hierin Unrecht: denn die kritische Philosophie hat ja deutlich bewiesen: die Teorie, wenn nur ganz vollständig, sei allemal auch praktisch anwendbar. Wir möchten uns zwar beinahe unterwinden, von dieser an sich unumstösslichen Regel das Heiraten und das Bierbrauen auszunehmen, wobei man mit der Teorie nicht ganz auslangen dürfte. Sonst ist es freilich gewiss, dass bei den wichtigsten Gegenständen im Handlungs- und Finanzwesen, in der Politik und der Regierung der Staaten, besonders aber in der Arzneikunde (obgleich derselben Teorie nicht auf den Pflichtsbegriff gegründet zu sein scheint, so wie jene) nur allein durch eine vollständige Teorie die glücklichste Praxis an die Hand gegeben wird. Ein Beispiel ist der berühmte Mirabeau, welcher in dem einzigen Jahre, da er sein unsterbliches Werk über die Preussische Monarchie schrieb, derselben ein viel grösseres Glück aus blosser vollständiger physiokratischer Teorie zugewendet hat, als Friedrich der Grosse derselben in sechsundvierzig Jahren einer bloss praktischen Regierung hat verschaffen können. Ebenso sieht der berühmte Herr Etatsrat von Schirach immer sehr genau voraus, was in der politischen Welt vorgehen wird, nicht etwa, wie einige Verleumder aussprengen, durch Zauberei und Verständnis mit dem Fürsten der Finsternis, sondern aus einer vollständigen Teorie, in welcher auch die allerkleinste Friktion der politischen Maschine teoretisch berechnet ist. Ein noch auffallenderer Beweis der Richtigkeit des obigen philosophischen Satzes ist der berühmte Herr Doktor und Geheime-Hofrat Girtanner. Derselbe hat eine gewisse leidige Seuche, auf eine ganz neue Art, aus dem grund kurieren gelehrt, und zwar durch blosse Teorie, indem seine wichtigen Bemühungen um die neueste europäische Politik ihm noch nicht erlaubt haben, sich eigentlich der medizinischen Praxis zu widmen.
Die Zweifel unsers dicken Mannes an Ansehung der teoretischen Philosophie kamen daher, weil er vermutete, er werde jetzt mit Staatssachen, die ihm noch neu wären, sich beschäftigen sollen. Er sah ein, dass er dabei hin und wieder mit gewandten Weltleuten werde zu tun haben, welche gewöhnlich die philosophische Kritik nicht anzuwenden wissen; und daher meinte er, etwas zu furchtsam, es könne doch vielleicht die Teorie, durch welche er bisher hatte alles im Voraus durch Schlüsse erforschen und sich danach richten wollen, unter diesen Umständen nicht ganz hinlänglich sein. Er nahm sich also vor, mit Bedacht zu Werke zu gehen, die Erfahrung zu Rate zu ziehen und kein schickliches Mittel ungebraucht zu lassen, um die wohltätigen Zwecke zum Besten des Landes, wozu er gebraucht zu werden hoffte, zur Wirklichkeit zu bringen. Die Erfahrung, für die er jetzt anfing einige Hochachtung zu hegen, hatte ihn gelehrt, dass man nicht allemal geradezu wirken könne, sondern oft durch indirekte Wege zum Ziele gelangen müsse. Jetzt schien ihm selbst, er habe den Charakter des Herrn von Reiteim vorher ganz unrichtig beurteilt; und er erinnerte sich, dass der Leibjäger, den er so gering geschätzt hatte, ihm am Ende allein zu einer für ihn wichtigen Forderung helfen konnte. Er nahm sich also vor, niemand gering zu schätzen, weil er nicht wisse, wo er ihn möchte nötig haben, besonders aber den Charakter des Ministers zu studieren, um nach dessen Beschaffenheit seine Massregeln zu nehmen.
Aber hier fiel ihm plötzlich ein, es wäre doch möglich, dass der Minister auch seine schwache Seite habe und sich so wie sein Neffe von irgend einem Jäger oder Kammerdiener regieren lasse. Da warf nun unser dicker Mann die teoretische Gewissensfrage auf: ob es sich für einen Mann, wie er jetzt eben werden sollte, schicken würde, mit solchen Leute eine Art von Freundschaft zu halten und sich ihrer zur Erlangung seiner Zwecke zu bedienen? Er war anfänglich etwas unschlüssig, zumal da die neueste Moralphilosophie nichts von Kollisionsfällen und von dem, was man sonst Notrecht nannte, wissen will, sondern bloss auf unbedingte Pflichten dringt; indes half ihm doch sein kritisch-moralisches Prinzip, vereinigt mit seiner geprüften Erfahrung, glücklich aus dem Handel. Er fand, es sei einigermassen für einen Mann wie ihn erniedrigend, doch aber auch notwendig, mit Klugheit in der Welt zu Werke zu gehen und niemand, der zu brauchen stehe, gering zu achten. Er setzte also bei sich fest: dass, da man die Menschen nehmen müsse, wie man sie haben könne, man auch dergleichen geringe Personen brauchen dürfe, um durch sie bei höhern gute Zwecke zu betreiben. Doch da er fest entschlossen war, die Maximen aller seiner künftigen Handlungen sollten allgemeine gesetz werden können, nahm er sich fest vor, wenn dergleichen Leute schlecht handelten, ihre schlechte Seite nicht zu guten Zwecken anwenden zu wollen und also auf alle Weise in der vermutlichen wichtigen Laufbahn, die sich jetzt für ihn eröffnete, jederzeit die