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sehr zu gefallen scheint.

Anselm musste mehr als einmal hören: »Es ist viel zwischen Himmel und Erden, wovon unsere Schulphilosophie nichts weiss

Er griff endlich zu verzweifelten Waffen. Er wollte die Gründe wider das System der magischen Philosophie anwenden, die Herr von Reiteim in einer vorigen Unterredung wider alle Systeme angewendet hatte. Aber dieser rief triumphierend und derb aus: »Die geheime Wissenschaft, Geister oder Kräfte zu bewegen, zu versetzen, in einen Raum einzuschliessen, ist kein System; sie ist WahrheitDavon war er nicht abzubringen. Und seine Meinung hatte hier den Vorteil, welchen Reichtum über Armut, vornehmer Stand über geringen, Unabhängigkeit über Abhängigkeit gibt. Ihr erstaunt, deutsche Philosophen, Magister und Unmagister, Professoren oder Unprofessoren, mit oder ohne Ratstitel, dass diese Rücksichten auf philosophische Meinungen einen Einfluss haben? Seht unparteiisch um Euch her auf die Behauptungen, die manche unter Euch seit kurzem über symbolische Bücher, Einschränkung der Aufklärung, Vorzüge des Adels, bürgerliche Freiheit und wer weiss sonst noch worüber, bekannt gemacht haben!

Anselm kam bei dieser Lage der Sachen überhaupt sehr zu kurz. Es ist natürlich, dass er sich durch seine heftige Widerlegung der unergründlichen geheimen Philosophie seinem Herrn nicht empfahl; und da derselbe ihn nicht zum chemischen Laboranten brauchen konnte, so kam die Reue, ihn berufen zu haben, bald nach der Tat. Indes konnte Herr von Reiteimobgleich gegen ihn ziemlich kalt gewordenihn doch nicht verstossen. Er liess ihn also bei sich wohnen und mit sich essen, schwatzte auch wohl zuweilen ein Stündchen mit ihm, wenn er sonst nichts Bessers wusste. Aber in kurzem sank unser guter dicker Mann zu der Klasse von Leuten herunter, die sich bei reichen Leuten so gewöhnlich finden als Milben im Käse und eben wie diese an ihnen nagen. Diese Leute werden von den Engländern mit einem höflichen Ausdruck gefällige Freunde und mit einer derben aber ausdrucksvollen Benennung Krötenesser genannt; denn diese gefälligen Freunde sind hauptsächlich dazu bestimmt, die üble Laune des Patrons zu verschlucken.

Anselm hatte ein zu feines Gefühl, um nicht das Niedere dieser Lage zu empfinden. Er dachte oft mit bitterer Reue nach Vaals und Elberfeld zurück und konnte sich nun nicht verbergen, dass er an allem, was ihm widerfuhr, durch eigenen Leichtsinn und eigene Unbedachtsamkeit Schuld sei. Indes litten doch auf keine Weise seine Umstände, dies Haus freiwillig verlassen zu können. Wo sollte er hin? Er sah also zum erstenmale in seinem Leben die notwendigkeit ein, unvermeidliche Übel ertragen zu müssen und nicht das zu tun, was man am liebsten wollte, sondern das, was nach den Umständen das Beste sein kann. Er überlegte nun, dass doch wirklich Herr von Reiteim ihn zu der Absicht nicht brauchen konnte, weshalb er ihn hatte kommen lassen; daher beschloss er, sich dadurch zu empfehlen, dass er sich nützlich machte.

Seine Klugheit, wovon er sich immer noch eine ziemliche Gabe zutraute, gab ihm ein, er werde sich das Vertrauen seines gewesenen Freundes wieder erwerben, wenn er ihm über dieses und jenes freundschaftlichen Rat erteile. Denn er hatte freilich so wenig Weltkenntnis zu wähnen, von der vorigen Universitätsfreundschaft sei noch etwas übrig geblieben.

Er machte also Herrn von Reiteim aufmerksam auf verschiedene Unordnungen in seinem Hauswesen und zeigte ihm wohlmeinend, wie dem abzuhelfen stehe. Der Leibjäger, welcher sehr viel galt, tat manchen Personen im haus Unrecht und bereicherte sich mit dem Schaden seines Herrn. Die beiden Jüngferchen und der Charadenmacher spotteten über Herrn von Reiteim, wenn er abwesend war. Alles dieses entdeckte ihm Anselm und glaubte gewiss, dadurch sich zu empfehlen; aber seine Klugheit führte ihn unglücklicher Weise abermal irre.

Der Leibjäger war der Favorit des gnädigen Herrn; dieser wollte ihm nun einmal trauen und tat nichts ohne dessen Rat. Die andern drei Personen waren ihm in seiner Indolenz notwendig, Anselm hingegen überflüssig; wie konnte dieser gegen jene Recht haben? Herr von Reiteim hörte seine wohlgemeinten Nachrichten gähnend an, sagte trocken: Diese Bemerkungen wären bloss Einbildungen; erzählte sie aber doch den andern Personen wieder. Die Sache hatte also bloss den Erfolg, dass Herr von Reiteim gegen unsern armen dicken Mann noch kälter ward und ihn selten würdigte, mit ihm ein Wort zu sprechen, und dass die andern seine Feinde wurden und nicht unterliessen, ihm bei allen Gelegenheiten Verdruss zu verursachen.

Anselm brachte den Rest des Winters und einen teil des Frühlings in der traurigsten Lage zu. Wohin er seine Augen richtete, entdeckte er auch nicht die geringste Aussicht zu einer glücklichen Veränderung für ihn. Er war darüber beinahe trostlos, zumal da ihn die Neckerei im haus immer unerträglicher fiel. Eines Tages, als er sich wirklich der Verzweiflung nahe fühlte, liess ihn Herr von Reiteim rufen, welches lange nicht geschehen war. Er sagte ihm ganz kalt: »Herr Sekretär! Sie sehen seit einiger Zeit immer missmutiger aus und scheinen sich in meinem haus nicht zu gefallen. Ich habe doch mit Ihnen immer Geduld gehabt, ungeachtet ich Sie nicht brauchen kann: denn der Briefe sind bei mir eben so viel nicht zu schreiben; und dass ein Doktor der Arzneigelahrteit so unwissend sein sollte, nichts von der Chemie zu verstehen, hätte ich nicht gedacht. Indessen denke ich zu billig, um Sie ganz zu verstossen. Ich suche Ihnen nützlicher zu werden als Sie mir gewesen sind. Ich habe Ihretwegen an meinen Oheim, den Minister am ***schen hof geschrieben. Er verspricht mir in einem Briefe