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nicht mehr Geld herausgeben wollte. Endlich, weil Herr von Reiteim das Hauptgeheimnis nicht entbehren konnte, ward der Vergleich dergestalt geschlossen, dass der Sieur das Geheimnis, wie im Alter wieder jugendliche Kraft zu erlangen sei, herausgab. Freilich nur in Chiffren und hierographischen Charakteren, denn anders hatte er es nicht; doch war der Schlüssel dabei, der nur den kleinen Fehler hatte, dass er bloss dem Eingeweihten verständlich war. Dabei zeigte sich der Sieur so billig, seine rechtmässige Forderung von fünftausend Gulden bis auf zweitausend schwinden zu lassen, welche er, wie schon oben erzählt worden, erhielt und damit in Frieden abzog.

Herr von Reiteim, welcher der immer wiederholten Geldforderungen des Franzosen längst überdrüssig war, glaubte nun, einen guten Handel gemacht zu haben, da er doch die Hauptsache erhalten hatte. Denn er zweifelte gar nicht, dass zwei so gelehrte Leute wie Anselm und er die Charaktere mit Hilfe des Schlüsseln würden entziffern können. Und wenn nur erst das Laboratorium errichtet wäre: so hatte er sich vorgenommen, die vorgeschriebnen Versuche so oft wiederholen zu lassen, dass dasjenige, was in den Vorschriften etwa noch dunkel sein möchte, durch die geprüfte Erfahrung endlich deutlich werden müsste.

Allerdings recht schlau ausgesonnen. Das Schlimme war nur, dass er in Anselm gar den Mann nicht fand, durch welchen er seine Absichten ausführen konnte. Anselm hatte überhaupt auf der Universität unter allen Kollegien die medizinischen am wenigsten besucht, von der Chemie aber gar nichts gehört und bei seiner völligen Abneigung von allem, was unter praktische Handgriffe gehört, noch viel weniger jemals den Gedanken gehabt, bei einem chemischen Versuche Hand anzulegen. Dabei schien ihm die geheime Philosophie, von deren Existenz er nur erst jetzt einen Begriff zu bekommen anfing, so etwas ganz Ungereimtes, dass er gar nicht absehen konnte, wie Herr von Reiteim daran glauben mochte; und er selbst hatte auch nicht den geringsten Trieb, sich damit zu beschäftigen.

Viele systematische Philosophen werden ganz betroffen, wenn sie etwas von der geheimen Philosophie hören, und bilden sich wohl gar ein, die Leute, welche sich mit einer verborgenen Wissenschaft beschäftigen, durch die das Innerste der natur und alle ihre Kräfte aufgedeckt werden sollen, müssten ganz oder halb verrückt sein. Nun wollen wir zwar die geheime Philosophie hier nicht verteidigen. Die Kräfte der natur, die nur sie allein entdeckt hat, mögen nicht weit her sein, sie möchten denn etwa in der Kraft, reiche und mächtige Menschen zu beherrschen, bestehen, welche aber den Ungeweihten nicht entdeckt wird. Doch jedem sein Recht! Man sieht, dass der Baron von Reiteim sonst ein ganz gescheuter und sogar ein weltkluger Mann war; und so sind gewiss viele anderen Anhänger der geheimen Philosophien. Vielleicht sind diese sogar mancher öffentlichen Philosophie nicht so unähnlich als man glauben möchte. Man kann über geheime Philosophie ganz fein räsonnieren, so gut, wie über irgendeine öffentliche. Der Suchende glaubt in der geheimen Philosophie oft etwas Wahrheitsähnliches gleichsam mit Händen zu ergreifen; aber freilich, er greift nie wirklich. Das Treffendste, aber auch das Schlimmste, was man von solcher geheimen Philosophie sagen kann, ist: sie gründe sich auf willkürlich angenommene Grundsätze, woraus die Folgerungen durch Trugschlüsse geschehen. Das mag nun sein! Aber wäre es mit keiner Art von öffentlicher Philosophie jemals auch so beschaffen gewesen? Wenigstens die Anhänger des einen Systems sagen es immer von dem entgegengesetzten. Auch ist kein geheimer Philosoph zu widerlegen; denn sowohl seine Grundsätze als seine Erfahrungen gehen dicht neben oder über oder unter der Vernunft weg.

Dieses schwere Geschäft wollte unser dicker Mann gleichwohl unternehmen, sobald ihm Herr von Reiteim seine Meinung von den geheimen Kräften der natur und von den geheimen Mitteln, diese Kräfte zu bezwingen, mitgeteilt hatte und ihm zu diesem Behufe die in sehr schönem Französisch geschriebene kräftig dunkle Auseinandersetzung derselben, welche er vom Sieur Raphael-Gabriel erhalten hatte, vorlas und mit gelehrten Anmerkungen begleitete. Anselm war darüber ganz ausser sich. Er hätte seinem Herrn eher noch vergeben, wenn er die Gassendische, Kartesische, Leibnitzische, Darjesische, Federsche oder die revidierte Philosophie angenommen hätte. Aber eine solche geheime französische Philosophie! Anselm wollte den kürzesten Weg gehen und sie mit den Waffen der kritischen Philosophie angreifen. Aber er mochte Herrn von Reiteim immer von der Sinnenwelt und von der Verstandeswelt der Dinge an sich vorreden, mochte noch so deutlich ihm, sogar mit den eigenen Worten der Kritik der Philosophie, sagen: Es fände keine Anwendung irgend einer Kategorie von der einen auf die andere statt und der Verstand könne von allen seinen Begriffen keinen andern als empirischen, niemals aber einen transzendentalen Gebrauch machen; alles half nichts. Zwar glaubte unser dicker Mann hierdurch gesiegt zu haben; aber vergebens. Junker Reiteim hatte eine dritte Welt gefunden, die magische, eben die, in welche Junker Eckartshausen in München, ein Mann von sehr breitem verstand, durch einen Salto mortale hineingesprungen ist. In dieser magischen Welt war Junker Reiteim so gut zuhause wie auf seinem eigenen Gute. Den Satz der Kantischen Philosophie, dass zwischen der Sinnenwelt und der transzendentalen Welt durch die Vernunft keine brücke könne geschlagen werden, wodurch Anselm die geheime Philosophie widerlegen wollte, nahm Junker Reiteim mit beiden Händen für sich und seine geheime Philosophie an; denn er wollte ja, eben wie Junker Eckartshausen, sich durch übervernünftige und widervernünftige, kurz durch unvernünftige Mittel einen Weg in jene magische Welt bahnen: aus welcher Ursache auch seit kurzem den Anhängern der Lavaterschen Teologie die Kantische Philosophie so