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hoch spielte und nur wenig baute. Er gehörte zu genügsamen Philosophen, welche das Geld, das dem Weisen so verächtliche Ding, geringschätzen, so lange sie nur soviel davon haben, als sie mit aller Macht verzehren können. Hingegen hatte der französische Herr einige andere geheime Wissenschaften zu verleihen, welche die Aufmerksamkeit unsers deutschen baron aufs äusserste erregten. Darunter war besonders die Art, aus gewissen Steinen und Kräutern ein Elixier zu ziehen, wodurch die Gesundheit bis ins späteste Alter erhalten und sodann dem Alter wieder jugendliche Kräfte gegeben werden sollten. Diese Kunst wünschte der Baron sehr zu besitzen, und nicht ohne Ursache. Jener Römer, welcher einige siebzig Jahre alt ward, liess auf sein Grab setzen: Er habe sieben Jahre gelebt; denn er rechnete nur diejenigen Jahre, die er der Freude und der Weisheit hatte widmen können. Unsre jungen Leute, die bloss für das Vergnügen dasein wollen, leben geschwinder. So war auch Herr von Reiteim in den andertalb Jahren, wo er durch seine grossen Einkünfte sein Leben hatte geniessen können, um gute zwanzig Jahre älter geworden. Daher sah er wohl ein, wenn er noch länger so fort geniessen wollteund er wollte nichts andersmüsse er bald übernatürlicher Hilfe nötig haben.

Es lehret die veraltete Wolfische Philosophie, dass nichts in der Welt ohne zureichenden Grund geschieht; und eine unveraltete Welterfahrung will bemerkt haben, dass die vornehmen und reichen Leute, was sie tun, mehrenteils nur um ihrer selbst willen tun. Daher war auch hier der wahre Grund, warum der Herr Baron von Reiteim den Doktor Anselm so freundschaftlich zu sich berief, nichts anders, als allein der Vorteil des gedachten baron. Derselbe hatte (wie gesagt) angefangen, sich in die geheime Philosophie zu versenken, durch welche die tiefsten Tiefen der natur ergründet werden und sogar das Unmögliche möglich gemacht werden kann. Es scheint aber fast, als wolle die natur die grossen Geister foppen, welche so tief in sie einzudringen streben; denn sie lässt durch ihre geheimen Ergründer das Minimum zur einzigen Quelle des Maximum machen. Die geheimen Philosophen, ob sie gleich alle auf Vernunft gegründete Wissenschaften verachten und besonders von der Chemie, die mit Tiegel und Kohlen umgeht, mit grosser Geringschätzung reden, müssen doch diese gemeine Chemie lernen und brauchen, weil sie ohne dieselbe nicht fertig werden können. Diese notwendigkeit erkannte auch der Sieur Raphael Gabriel de Mont-lune und wollte daher in dem schloss des Herrn von Reiteim ein Laboratorium errichten. Dazu schlug er aber vor, einen Laboranten aus Frankreich kommen zu lassen, der ebenso wie er, nebst dem ganzen Vorrate von Gerätschaften, welche auch von Paris aus der rue de la Sourdière verschrieben werden sollten, dem Herrn von Reiteim sehr hoch würde zu stehen gekommen sein. Dieser hatte hingegen keine Lust zu einer so grossen Ausgabe. Denn der Sieur de Mont-lüne hatte schon von Herrn von Reiteim verschiedene artige Sümmchen bekommen für Einweihung in verschiedene Zeremonien und Mitteilung verschiedener Schriften, geschrieben teils in Chiffren und hierographischen Charakteren, die niemand lesen, teils in Worten, die niemand verstehen konnte. Ob nun gleich Herr von Reiteim immer noch nach dem Sinne der Schriften suchte, so lag ihm doch auch dabei die starke Bezahlung am Herzen; und er setzte sich also wegen des anzulegenden Laboratoriums mit dem Sieur Raphael-Gabriel dahin in Traktaten, ob es nicht, zur Ersparung der Kosten, in Deutschland selbst könne angelegt werden, wozu sich aber der Sieur gar nicht hatte verstehen wollen. Eben zu dieser Zeit ging Anselms Brief ein. Herr von Reiteim glaubte, an ihm seinen Mann gefunden zu haben; denn er zweifelte nicht, ein Doktor der Arzneigelahrteit werde die Chemie verstehen, und glaubte, ein Ansehnliches zu ersparen, wenn er ihn beim Laboratorium brauchte. Daher erfolgte die freundschaftliche Einladung, zu ihm zu kommen, welche Anselm, gutwillig genug, teils der Freundschaft, teils der Liebe zur spekulativen Philosophie zugeschrieben hatte.

Welch einen Meisterstreich auch Herr von Reiteim dadurch glaubte gemacht zu haben, dass er den Doktor Anselm zwischen sich und dem Sieur de Mont-lüne setzte: so gelang er doch nicht. Gedachter Sieur weigerte sich schlechterdings, einen Dritten in die Geheimnisse einzuweihen. Er drohte, Herrn von Reiteim zu verlassen, an welchen er aber noch wegen ihrer geführten Geschäfte grosse Forderungen machte; wogegen der Baron glaubte, für sein Geld viel zu wenig empfangen zu haben. Darüber entstand unter ihnen ein grosser Streit. Der Baron sagte endlich dem Sieur geradezu: er werde ihn nicht von der Stelle lassen, bis er von ihm die versprochnen Geheimnisse erhalten habe, und wenn er Miene mache, heimlich wegzugehen: so werde er ohne weitere Umstände ins Loch geworfen werden. Er hatte, da er die Parforcejagd nicht abschlagen konnte, wirklich den Franzosen unterdessen der Aufsicht von ein paar Bedienten übergeben, die ihn nicht einen Augenblick aus den Augen liessen. Allein der Sieur Raphael-Gabriel war auch weit entfernt, heimlich davon zu gehen; denn er war nicht nur ein Mann von Ehre und in Frankreich mit Herren aus den ersten Häusern, besonders mit dem Düc d'Orleans und dem Düc de Pequigny in genauer Verbindung, sondern er hatte ja vom Herrn von Reiteim noch eine grosse Summe zu fordern, welche er gar nicht willens war, im Stiche zu lassen. Herr von Reiteim eilte um dieser Sache willen von der Jagd zurück; und da entstand der grosse Streit unter ihnen, indem der eine nicht mehr Geheimnisse, der andere aber