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, indem er ihm Anleitung zu grossen Verbesserungen seiner Tuchfärberei gab. Es wurden ganz neue Farben erfunden, andere erhöhet und dauerhafter gemacht. Diese und die von Meister Georg mitgeteilten Vorteile, verbunden mit Meister Antons anhaltendem Fleisse und Eifer, gaben seiner Manufaktur die sichtlichsten Vorzüge. Die Anzahl der Stühle und des Absatzes nahm in wenig Jahren ungemein schnell zu, und Meister Anton ward dadurch binnen kurzer Zeit aus einem armen Aachener Tuchmacher ein reicher Manufakturist in Vaals.

Durch die Dankbarkeit des Doktors war der Wohlstand Meister Antons fest gegründet worden, aber dieser gab jenem an Dankbarkeit nichts nach. Er legte ihm ein beträchtliches Gehalt bei, kaufte ihm ein Haus und gab ihm seine Schwester Leonore zur Ehe.

So reich nun Meister Anton geworden war, so blieb doch die ganz einfache Einrichtung seiner Familie und ihre vorherige Frugalität unverändert. Es ward keine Schüssel mehr auf den Tisch gesetzt als im ersten Jahre der angefangenen Haushaltung; keine Veränderung in der Kleidung war zu merken, kein neumodisches Hausgerät ward eingeführt. Alle Tage der Woche wurden mit ununterbrochener Beschäftigung zugebracht; die Abendstunden und die verträglichen Sonntagsgesellschaften der Brüder und Schwestern wurden nicht zahlreicher als durch den Doktor, wenn er nicht etwa bei seinen Retorten und Schmelztiegeln sass. Der Herr des Hauses setzte etwas darin, auch nunmehr nicht Herr Redlich, sondern nur Meister Anton genannt zu werden, wie man ihn genannt hatte, da er noch selbst auf dem stuhl arbeitete. Durch nichts verriet sich sein Reichtum als durch Unterstützung der Dürftigen. Aber Frau Sabine, die Ausspenderin dieser Wohltaten, wusste sie so vorsichtig zu verbergen, dass fast keine davon bekannt ward, wenigstens keine in die Augen fiel. Das Haus ward jährlich sehr durch Anbau vergrössert, aber wer die zunehmenden vorteilhaften Umstände der Familie nicht sonst kannte, erblickte nichts als die reinliche wohnung eines fleissigen Handwerksmannes zwischen grossen Manufakturgebäuden.

Zweiter Abschnitt

Geburten und Todesfälle

Mit dem Anfange des siebenjährigen Krieges, dieser wegen Glorie und Elend in Deutschland unvergesslichen Periode, fing die schnelle Vergrösserung von Meister Antons Manufaktur und Reichtum an; und eben damals gebar Frau Sabine ihren ersten und einzigen Sohn. Meister Anton nannte ihn Anselm nach dem Doktor, seinem Schwager, gegen den er immer dankbar blieb, obgleich er ihn belohnt hatte.

Anselmino war, von seiner Geburt an, ein frisches, fettes, rundes, kurzes Kind, d'un aimable embonpoint, und ward, wie weiter unten erhellen wird, ein rundes kurzes Kerlchen, fröhlich und munter, schwatzhaft, leichtsinnig und lustig. Wie es nun zuging, dass Anselmino so fett ward, obgleich von magern Eltern entsprossen, so feurig und fröhlich, als jene ernstaft und gesetzt, und so redselig und unbedachtsam, als sie beide das Gegenteil waren: das gehört zu den transzendentalen Dingen, worüber die Philosophen von jeher hundert fragen aufwarfen; z. B. ob das Ding, welches du siehest, dem Dinge an sich selbst gleicht oder nicht? Ob es ausser dem positiven Nichts noch ein negatives Nichts gibt; ob ein positives Unding oder ein Unnichts zweierlei sind; ob das Nichts bewegbar oder unbeweglich sei, und dergleichen gelehrte fragen mehr. Die neueste Philosophie lehrt uns, niemand unter dem mond könne von solchen Dingen etwas wissen oder begreifen; obgleich freilich eben diese Philosophie noch immer einiges Jucken zu haben scheint, das meiste davon zu erklären, indem sie immerfort versichert, es liesse sich gar nichts davon wissen. Wir wollen also versuchen, noch bescheidener zu sein als die so bescheidenen neuesten Philosophen, und über die obige wichtige Frage von fett und mager, lustig und still, gar nichts sagen. Könnt Ihr Euch aber ja bei unserer Bescheidenheit nicht beruhigen, so ergreift das Mittel, Euch an Herrn Doktor Grohmann zu wenden. Dieser weiss ganz genau, wie es hergehet mit der Zeugung der Söhne und der Töchter, dass sie so oder so geraten, und wie es geschieht, dass die Temperamente knochenreich oder koleurisch [Fussnote] werden. Dr. Grohmann wohnt in Wittenberg. Seht aber zu, dass Ihr auf den rechten Doktor treffet; denn trefft Ihr auf einen andern Wittenbergischen Gelehrten, der Euch auslacht, so ist es wenigstens unsere Schuld nicht.

Anselmino war die Freude seiner Eltern und seines Oheims Georg, der den Jungen von Kindesbeinen an liebte, als wäre es sein eigener Sohn. Wenn alle drei nebst Frau Leonoren in den langen Winterabenden des Jahres 1756 nach vollbrachter Arbeit einträchtig beisammen sassen, so ging Anselmino aus Hand in Hand, und alle freuten sich, dass er so gesund und so rund war. Diese Freude nahm zu, als er nach einem Jahr herumzulaufen anfing und so rund als gesund blieb. So wuchs das Kerlchen fort, immer mehr im Umfange als in der Höhe, und blieb so fünf Jahre lang und länger. Da hätte beinahe schon seine künftige Bestimmung unter beiden Eltern und unter Bruder Georg den ersten Zwist veranlasst. Die Eltern besprachen sich oft darüber, ihr einziger Sohn müsse kein gemeiner Mann bleiben wie sie. Beide waren sogleich eins, er solle studieren; und so ward Anselmino schon den Musen geweihet, ehe er noch buchstabieren konnte. Wir sagen buchstabieren; denn weil damals die heilsamen neuern Lesemetoden noch nicht erfunden worden, war das gute Kind unglücklich genug, wirklich erst buchstabieren zu müssen, ehe es lesen lernte. Wer weiss, welche von den widrigen ihm zugestossenen begebenheiten und wie mancher von seinen Irrtümern, welche wir weiter unten erzählen werden, in dieser verkehrten Lehrmetode ihren Ursprung haben mag! Wer weiss, um wie