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befand sich nicht wohl oder war sonst nicht bei guter Laune. Er sprach fast nicht ein Wort; und da auch der Franzose gegen die Gewohnheit seiner Nation nicht sehr gesprächig war, so wäre ohne den Charadenmacher, der immer sorgte, dass Rede da wäre, alles im Speisesaale still wie im Rempter eines Kartäuserklosters gewesen; denn auch Anselm sprach fast nicht ein Wort, weil er vor Erstaunen nicht zu sich kommen konnte, dass die Philosophie sich mit dem allen vertrüge. Dass die spekulative Philosophie sich mit Widersprüchen im Charakter und Leben vertrage, hätte er freilich an sich selbst erkennen können. Aber sogar die Philosophen sehen nicht immer zuerst ihre eigenen Fehler.

Herr von Reiteim war bis gegen Abend in enger Konferenz mit dem französischen Herrn, und die Bedienten hörten sie oft laut reden. Anselm bekam spät abends ein grosses versiegeltes Billett seines Herrn, worin ihm aufgegeben ward, die anliegenden Schriften gegen morgen früh ins Reine abzuschreiben. Es waren einige Bogen in Chiffern und Charakteren. Das Verständlichste war eine vom Herrn von Reiteim eigenhändig entworfene Quittung in französischer Sprache: »comme quoi der Sieur Raphael Gabriel de Mont-lune ausser den von dem haut et puissant Seigneur Eric Roderic Hatto Baron de Reiteim, Baron du St. Empire etc. etc. Seigneur hereditaire des terres + + , et autres lieux etc. etc. schon empfangenen Summen, jetzt die Summe von zweitausend Gulden Reichswährung erhalten habe, und damit wegen aller seiner Forderungen an den gedachten haut et puissant Seigneur völlig vergnügt worden, worüber er quittiere, so wie er auch bekenne, alle demselben mitgeteilten Schriften, nach genommener Abschrift, zurückbekommen und in alle Wege an gedachten Herrn Baron und haut et puissant Seigneur weiter keine Forderung zu haben, wie diese auch Namen haben mögeDieser Anfang des Sekretariats unsers dicken Mannes schien ihm nun sehr niedrig mechanisch, und er warf erst die Papiere mit Unwillen auf den Tisch. Er hielt sich äusserst herabgewürdigt, dass ihm zugemutet ward, Bogen voll Zahlen und unverständlicher Charaktere nachzumalen und die hochtrabende Quittung eines Mannes ins Reine zu schreiben, mit dem er sonst so viel über Philosophie disputiert und ihn widerlegt hatte; dass ihm dieses zugemutet ward, ihm, der auf seiner Schreibstube in Vaals selbst wohl drei Leute gehabt hatte, seine Aufsätze und noch vor kurzem sogar seine Gedichte abzuschreiben, ihm, der als Doktor sogar über Leben und Tod durch seine Rezepte hatte gebieten können, nein, das war zu arg! Sollte er es wirklich tun? Sollte er wollen, es solle allen denkenden Wesen ein Prinzip der Gesetzgebung werden, sich so herabwürdigen zu lassen? – Er warf sich eine Viertelstunde auf sein Bette; denn ein Sofa hatte er nicht, das sonst seine Spekulationen so oft begünstigt hatte. Aber, siehe da! Die Macht eines richtigen moralischen Prinzipium drang in ihn ein. Er bedachte, jetzt sei es seine Pflicht zu gehorchen; und so sprang er auf und wendete einen teil der Nacht an, die Abschriften zu machen, so sauer es ihm auch ward, siegelte sie noch ein und schrieb den vollständigen Titel des Herrn Baron mit dem haut et puissant Seigneur und den Terres + +, et autres lieux auf die Adresse. »Er mag es merken, dass ich unwillig bin über die Begegnung und über ihn spottesagte er bei sich selbst. »Er wird gewiss heute bei Tische so flämisch aussehen wie gestern. Mag er doch! Ich habe noch sechzig Taler in der tasche und kann Weiterreisen. Ich will lieber am kleinsten Orte praktizieren, als in solcher schimpflichen Abhängigkeit stehenGut war es, dass Philipp dieses nicht hören konnte; der würde gesagt haben: warum bliebst du nicht in Elberfeld? – Anselm war indes mit sich zufrieden über seinen mannhaften Entschluss und schlief endlich ein.

Der Schlaf kühlt das Blut ab; und unser dicker Mann nahm sich vor, wenn er gefordert würde, zwar ernstaft, aber nicht verdriesslich auszusehen und ganz unbefangen zu sein, wenn sein Herr, wie seiner Meinung nach nicht fehlen konnte, wegen der Adresse irgend etwas sagen möchte. Aber er ward nicht gefordert. Der Herr Baron stand etwas früh auf und hatte eine halbstündige Konferenz mit dem Franzosen, der alsdann alle seine Sachen aufpacken liess und gänzlich abreisete zur-grossen Freude aller Bedienten, die ihn als einen undeutschen Kerl hassten. Fast sollt es scheinen, Herr von Reiteim wäre über die Abreise auch froh gewesen; denn heute war er bei der Mittagstafel sehr aufgeräumt, lachte über alle Einfälle des Charadenmachers und schäkerte viel mit den beiden Mädchen. Mit Anselm sprach er wenig, aus Beschämung, wie dieser glaubte und sich heimlich darüber kitzelte. Nach der Tafel hielt der Herr Baron, wie er oft pflegte, einen kleinen Mittagsschlaf. Anselm aber brachte seine Zeit in einiger Unruhe zu, ob es täglich so gehen sollte, und wie es werden würde. Um sechs Uhr liess der gnädige Herr dem Herrn Sekretär sagen, er möchte zu ihm kommen, mit ihm eine Tasse Tee zu trinken. Über diesen freundlichen Antrag ging unserm dicken mann, seines gestrigen Zorns ungeachtet, das Herz wieder auf. Er fand den Herrn von Reiteim in seinem Kabinette auf dem Sofa liegen mit einer ruhigen Pfeife in der Hand. Er liess seinen Sekretär neben sich sitzen, schenkte ihm Tee ein, redete ihn mit dem ehemaligen freundschaftlichen Du an, welches er schon einigemale gebraucht hatte, wenn sie einen Augenblick allein waren. Der Herr Sekretär brauchte das ehrerbietige Sie