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kam ein Bedienter, ihm zu sagen: es werde heute nicht supiert, weil der gnädige Herr heute früh zu Bette gehe; wolle er aber etwas Kaltes haben, so stehe es zu Diensten. »O«, dachte er bei sich: »Da erkenn ich den Philosophen! Die Wildfänge sind weg, nun will er ruhig sein, um morgen der Philosophie zu leben!« – Er wollte nicht weniger philosophische Entaltsamkeit zeigen als Herr von Reiteim, verbat alles und legte sich zu Bette, wo er noch bis nach Mitternacht wachte, wegen mancher philosophischer Ideen, die ihm durch den Kopf gingen. Er war noch nicht lange eingeschlafen, als er früh um vier Uhr durch den lauten Schall der Rüdenhörner aufgeweckt ward. Er erschrak nicht wenig und wusste nicht, was das bedeuten sollte. Allein, er blieb nicht lange in Ungewissheit; denn Herr von Reiteim liess ihm sagen, er möchte doch mit zur Parforcejagd kommen. Dies war nun nicht nach seinem Geschmacke, und er liess sich mit seiner Müdigkeit entschuldigen. Aber nach einer Viertelstunde kam eine neue Botschaft: er möchte doch gleich kommen, es sei schon ein Pferd für ihn gesattelt, und man warte auf ihn. Er musste also auf Befehl erscheinen zumal, da er wegen des Getümmels doch nicht hätte schlafen können. Es war schon die ganze gestrige Gesellschaft beisammen und noch einige Domherren aus einem benachbarten hohen Stifte; die Hunde, die Piqueurs und nun auch der Herr Sekretär waren da. Der letztere ritt mitten im Gewühle so geschwind, als ihn sein Pferd trug, wenigstens vier bis fünf Meilen durch Dick und Dünne. Er konnte fast nicht mehr fort; denn es ging ihm beinahe noch schlimmer als auf dem Ritte mit Jungfer Mariane, und jetzt war er nicht verliebt. Aber er musste fort; denn hätte er auch gewusst, wohin er reiten sollte, um ruhig zu sein, so wäre es doch unmöglich gewesen, sein jagdgewohntes Pferd von der Meute abzulenken. Er war also herzlich froh, als der Hirsch endlich abgefangen war und die Jagd abgeblasen wurde. Da ritt man nach dem schloss eines der Edelleute, die gestern beim Herrn von Reiteim gewesen waren, und kam gegen vier Uhr endlich zur Tafel. Das lachen über unsern dicken Mann fing schon an, sich in der Gesellschaft zu verbreiten; denn der Leibjäger des Herrn von Reiteim hatte bemerkt, dass er sich musste vom Pferde heben lassen, und hatte die Ursache verraten. Die löbliche Gesellschaft nahm ihn nun bei der Tafel als einen Neuling in Betrachtung und zäumte ihn auf, ohne sehen zu lassen, wo die Zäume hingen. Man fing einen gelehrten Diskurs an, den er unschuldiger Weise sehr gelehrt beantwortete, zur grossen Belustigung der Gesellschaft. Er musste singen; und man setzte ihm mit dem guten Weine so zu, dass ihm die gewöhnliche Ehre angetan ward und er frühzeitig ohne Empfindung zu Bette gebracht werden musste. Es waren noch die ruhigsten Stunden, die er seit seiner Ankunft gehabt hatte. Man liess ihn ausschlafen; aber den folgenden Tag musste er, aller Vorstellungen ungeachtet, mit auf ein Treibjagen. Dabei war er den Neckereien der Jäger ausgesetzt, und bei der Mittagstafel den Neckereien der Gesellschaft. Er machte zwar, gute Miene zum bösen Spiele und suchte seinen ehemaligen Universitätswitz hervor, um in den Ton der Gesellschaft einzustimmen. Dies brachte ihm auch einigen Beifall zuwege, und es tröstete ihn innerlich, dass Herr von Reiteim dabei ganz still schwieg, welches er als Missbilligung auslegte. Das kann es vielleicht gewesen sein; sonst aber hatte der gute Herr eigentlich andere Dinge im Sinne, und er fuhr daher den folgenden Morgen nach seinem schloss zurück, welches unserm dicken mann sehr lieb war. Weil aber Herr von Reiteim einen andern Herrn in seinen Wagen nahm, so konnte der Sekretär darin nicht Platz finden, sondern musste auf dem Jagdklepper reiten, welches ihm aus gewissen Ursachen wieder nicht sehr lieb war, aber sich doch nicht ändern liess.

Man kam gegen Abend im schloss an. Diesen Abend und den andern Vormittag liess ihn Herr von Reiteim nicht zu sich fordern. Er ging aber hinunter, um das Haus und den Garten und die Einrichtung der Haushaltung kennenzulernen. Es war alles auf grossen Fuss eingerichtet. Da war ein Laufer, acht Bediente in Livree, ausser dem Leibjäger noch ein paar andre Jäger, Stalleute die Menge, zwei Kammerdiener, Anselm als Sekretär und noch ein Herr, der keinen besonderen Charakter hatte, aber immer viel um den gnädigen Herrn war, wenn es ihm an Gesellschaft mangelte. Anselm ging gedankenvoll im Garten spazieren und wunderte sich, dass ein Philosoph so vieler Leute bedürfe. Als aber zur Tafel geblasen ward, sah er da noch drei Personen, die zur Haushaltung gehörten. Es waren zwei junge muntere Mädchen, die eine blond, die andere brünett, unter der Aufsicht einer Tante, welche Personen nicht mitspeiseten, wenn Gesellschaft da war. Auch fand sich noch an der Tafel ein ältlicher Herr, der nichts als französisch sprach und der, wie Anselm hörte, einige Monate dort gewesen war. Ferner der obengedachte Herr, dessen Bedienung keine besondere Benennung hatte. Es zeigte sich bald, dass dieser in Sold genommen war, um bei der Tafel Logogryphen und Charaden aufzugeben, Leberreime zu machen und Märchen zu erzählen, damit der gnädige Herr und die beiden Schätzchen belustigt würden. Bei diesen beiden schlug es auch an, und es ward Lache über Lache aufgeschlagen. Aber Herr von Reiteim