Familien immer allgemeiner zu werden anfängt. Es wäre also der berühmte Herr Campe zu ersuchen, dafür ein neues Wort zu ersinnen, das sich neben dem Stelldichein und dem Siehdichum könne sehen lassen. Genug, die Leser kennen nun die Sachen, wofür Anselm garzu gern Geld ausgab, sobald er sie erblickte; denn sie machten ihn garzu glücklich, wenigstens einen oder zwei Tage, nachdem er sie gekauft hatte. Nimmt man noch hinzu, dass er allentalben bei den reichen Kaufleuten in Elberfeld Möbel von Mahagonyholz, Fussdecken von Savonneriearbeit und mehr Dinge der Art bemerkte und sich dergleichen bei seiner ersten Einrichtung, wobei er viel Geschmack zeigte, auch anzuschaffen für gut fand, so wird man sich nicht wundern, wie das mitgebrachte Geld und mehr in ein paar Monaten ausgegeben ward. Es dünkte unsern dicken Mann, es gehöre ja zur Würde eines neuangehenden Doktors, sein Haus bemittelten Leuten gleich einzurichten. Die reichen Kaufleute behielten ja doch immer noch einen grossen Vorsprung in der Ausgabe vor ihrem neuen Doktor durch ihre rühmliche Wohltätigkeit gegen die Armen, worin er ihnen wirklich nicht so folgen konnte, wie er wohl gern gewollt hätte, indem er bald fand, dass ihm die Nippes und Mahagonymöbel sogar schon in Schulden setzten.
Alle diese Sachen musste er jetzt freilich ungefähr für den dritten teil des Wertes verkaufen. Indes kam doch eine mittelmässige Summe heraus; und sie wäre noch grösser gewesen, hätte sich unser weiser dicker Mann nicht einen eleganten Reisewagen anschaffen wollen, um sich doch bei seinem neuen Freunde nicht Schande zu machen. Das Übergebliebene war jedoch zur Reise mehr als hinlänglich. Er nahm von seinen Freunden in Elberfeld Abschied und verliess froh einen Ort, wo ihm einer seiner liebsten Wünsche misslungen war. Er dachte immer mit einer gewissen Bitterkeit daran, indem er nicht begreifen konnte, warum bei seiner Klugheit gerade ihm ein solcher Streich hatte begegnen müssen. Da indes nun einmal ihn das Schicksal traf, seinen unschuldigen Wunsch, im häuslichen Leben sein Glück zu finden, nicht erreichen zu können, so fuhr er jetzt der angenehmen Aussicht entgegen, in philosophischer Ruhe die Kräfte seines Geistes in Gesellschaft eines Freundes zu entwickeln, der von gleicher lobenswürdiger Neigung durchdrungen war. Dabei unterliess er nicht, seinem philosophischen Gleichmute ein Kompliment zu machen, dass er, eine schöne Frau und Reichtum vergessend, mit dieser eines weisen Mannes würdigen Aussicht zufrieden sein wollte.
Einundzwanzigster Abschnitt
Anselms Reise zu seinem philosophischen Universitätsfreunde. Einrichtung des Hauswesen eines Philosophen, Gespräch über Philosophie nebst einigen andern Dingen
Anselm reisete sehr angenehm in den schönsten Tagen des Herbstes, und sein Herz öffnete sich, je näher ihn sein Weg den herrlichen Gegenden des Rheingaues brachte. Er kam auf dem Gute, wo Herr von Reiteim damals sich aufhielt, nachmittags um fünf Uhr an. Er fuhr in den grossen Vorhof des ansehnlichen Schlosses ein und, nachdem er war gemeldet worden, erschienen ein paar reichgekleidete Bediente, die ihn in den Speisesaal führten; denn es war eine grosse Gesellschaft benachbarter Edelleute da, welche noch an der Mittagstafel sassen. Herr von Reiteim stand auf, schüttelte unserm dicken mann treuherzig die Hand und stellte ihn den Gästen als seinen gewesenen Universitätsfreund und künftigen Sekretär vor. Die Edelleute beehrten den Universitätsfreund mit einem Kopfnicken und standen vor dem Sekretär nicht auf. Dem dicken mann, der beide Eigenschaften in sich vereinigte, ward am untern Teile der Tafel ein Gedeck und ein Stuhl angewiesen; und so konnte er ungestört essen und trinken, was vor ihm stand: ungestört, weil niemand mit ihm sprach. Die Herren hatten viel zu reden von Pferden, von Jagdzeug, von Hühnerhunden, von Fuchsprellen, von Wilddieben und von hübschen Mädchen, wobei die Flasche weidlich herumging und die alten Rheinweine, wovon verschiedene Jahrgänge nacheinander herbeikamen, nicht geschont wurden. Anselm dachte bei sich: »Ich bin zu einer unphilosophischen Stunde gekommen. Was mag Herr von Reiteim nicht leiden, dass er ehrenhalber in solcher Gesellschaft sein muss! Er kann mich nicht abreichen, sonst würde er gewiss gern mit mir von der kritischen Philosophie gesprochen haben!« Indem er so dachte, reichte ihn Herr von Reiteim doch ab und rief ihm zu: »Herr Bruder Sekretär, stimme doch an:
Gaudeamus igitur
Juvenes dum sumus!«
Zugleich richtete die ganze Gesellschaft, die Gläser in der Hand, die Augen auf ihn. Er ward rot; aber auf nochmalige Aufforderung musste er anstimmen. Er fand es zwar seltsam, dass er, anstatt zu philosophieren, seinen Dienst mit Singen anfangen sollte. Indes, da doch alle die Herren so kräftig lateinisch mitsangen, so meinte er, es möchten etwa Gelehrte darunter sein, die er sich vornahm gelegentlich zu prüfen, wie weit sie wohl in der Lehre von den direkt-syntetischen Sätzen gekommen wären.
Gegen sieben Uhr ward die Tafel aufgehoben; niemand bekümmerte sich um den Herrn Sekretär, und die Gäste gingen in ein anderes Zimmer. Als er nachfolgen wollte, trat ein Bedienter zu ihm und berichtete, er habe Befehl, ihn in sein Zimmer zu führen, wohin seine Sachen schon gebracht wären. Er ging dahin, und nachdem er allein war, dachte er bei sich während des Auspackens über das nach, was er seit ein paar Stunden gesehen hatte, und ward bald mit dem Schlusse fertig, es müsse heute ein ausserordentlicher Tag sein. Er machte noch bei sich die Bemerkung, dass man auf dem land seine Nachbarn nicht wählen könne und schon zuweilen mit ihnen nach ihrer Weise leben müsse. Gegen zehn Uhr