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so lange an Universitätsfreundschaft, er werde sich weiter um ihn nicht bekümmern, da er ihn nicht brauchen könne, und werde ihn höchstens mit einem höflichen Briefe abspeisen. Anselm aber glaubte, seinen Freund besser zu kennen, und rechnete dabei auch insgeheim auf den ihm wegen der kritischen Philosophie erzeigten Dienst.

Zwanzigster Abschnitt

Irrtum Philipps. probe von Universitätsfreundschaft. Biegsamkeit moralischer Maximen und mancherlei Anstalten

Diesmal hatte Philipp völlig Unrecht, denn Herr von Reiteim beantwortete Anselms Brief mit umgehender Post äusserst freundschaftlich. Er meldete ihm beinahe eben das, was Philipp über die Abhängigkeit von einem vornehmen Herrn sagte, und schlug ihm vor, wenn er ja seine Lage verändern wolle, lieber ihn, seinen Freund, mit seiner Gegenwart zu beglücken. Er habe, schrieb er ihm, einen Sekretär nötig, und in diese Stelle könne er gesetzt werden; doch sollte er eigentlich mehr als Freund bei ihm sein und mit ihm auf dem Gute leben, welches in einer sehr angenehmen Gegend liege. Er solle daselbst alles frei und ebenso gut haben als der Besitzer selbst. Noch setzte er verbindlicher Weise hinzu, er verspreche sich grosses Vergnügen von seiner Gesellschaft, und gab zu verstehen, es möchten vielleicht gewisse Umstände eintreten, wo er auf eine vorzügliche Art für sein Glück sorgen könne. Anselm triumphierte, dass sein Entwurf, ob er gleich eine ganz andere Wendung nahm, doch so wohl gelang. Er sah die reizendste Aussicht, sich bei einem Liebhaber der Weltweisheit als Freund aufzuhalten und ruhig auf dem land im Schosse der natur zu philosophieren. Er fand, dass eine solche Art zu leben viel erfreulicher und also seinen Wünschen angemessener sein werde als ein Amt. Es war übrigens recht gut, dass er bei seinem ersten Entschlüsse von dem aus der kritischen Philosophie gezogenen grund, ein Amt anzunehmen, von der Pflicht, so zu handeln, dass die Maxime der Handlung allgemeines Gesetz werde, und also in dem gegebenen Falle für das Wohl Tausender lieber als für sein eigenes zu sorgen, seinem Freunde Philipp nichts eröffnet hatte. Dieser würde ihm vermutlich nach seiner Einfalt etwas über die Unsicherheit gesagt haben, ein moralisches Prinzip richtig anzuwenden, das auf Maximen beruht, welche aus Handlungen können gezogen werden. Es scheint beinahe, man könne aus jeder Handlung mancherlei Maximen ziehen, bei dutzenden; und ein Maximenzieher sei wie ein Pfropfzieher, der auf eine oder die andere Art alle Pfröpfe herausbringt, wenn er auch einige zerbricht oder in die Flasche stösst. Anselm würde aber doch gewiss auf alle Einwürfe gegen die Moralität sowohl seines ersten als auch seines jetzt gefassten Entschlusses etwas zu antworten gehabt haben. Er hätte den letzten gewiss auch aus einer Maxime herzuleiten gewusst, der alle denkenden Wesen folgen müssten; und das ist ja bekanntlich genug, indem wider einen kategorischen Imperativ weiter kein Grund gilt. Indes wollen wir nicht dafür stehen, dass, ausser der von ihm erkannten Pflicht, seinem Freunde Reiteim das Leben zu versüssen, nicht auch, ihm selbst wohlbewusst, seine eigene Gemächlichkeit auf die Veränderung seines Entschlusses einen Einfluss gehabt habe. Es muss wohl überhaupt mit der Anwendung des so vortrefflichen neuen reinen Prinzips der Sittlichkeit eine eigene Bewandtnis haben. Denn die betrübten Beispiele sind da, dass selbst junge Dozenten, bei denen doch gewöhnlich die kritische Philosophie am brünstigsten ist, sehr geneigt sein würden, wider dies sittliche Prinzip zu handeln. Jeder von ihnen würde gern eine kleine Universität, wo er vegitiert, und den kleinen Hörsaal, wo er kaum sechs Zuhörern die Kategorien einkäuen kann, mit grossen Universitäten wie Leipzig, Halle, Jena oder Göttingen vertauschen, bloss aus der ganz unmoralischen Ursache, weil ihm da tausend Taler Gehalt und grosser Beifall versprochen würde. Ja es ist zu befürchten, selbst einem altern kritischen Philosophen könne ein Hofratstitel wohl zur Bestimmung seines Willens bei einer solchen Ortsveränderung dienen; ob man gleich vermuten sollte, ein Philosoph würde den Besitz eines solchen Titels weder für Glückseligkeit, noch die Maxime, ihn besitzen zu wollen, für ein allgemeines Gesetz aller denkenden Wesen erkennen. Um so mehr mag denn unser dicker Mann entschuldigt sein, wenn er, gleich grösseren Philosophen, unbeschadet des reinen Prinzips der Sittlichkeit und des unwiderleglichen kategorischen Imperativs zu seiner Bequemlichkeit inkonsequent handelte. Er sah die Ungemächlichkeit der medizinischen Praxis täglich allzu deutlich vor Augen: er stellte sich die philosophische Ruhe, in der er nun leben würde, sehr reizend vor; und so blieb der kategorische Imperativ, wo er gemeiniglich bleibt, in der Studierstube und auf dem Kateder.

Anselm machte nun alle nötigen Anstalten zur gänzlichen Veränderung seines Aufentalts und seiner Reise. Es waren dabei noch allerlei Geschäfte zu verrichten, die ihm anfänglich nicht beifielen. Dahin gehörte die Einkassierung verschiedener Schulden, die er aus seiner medizinischen Praxis noch zu fordern hatte, ohne welche es schwer gewesen sein würde, die etwas weite Reise zu bestreiten. Der ökonomische Leser möchte vielleicht fragen, wo denn die zweitausend Taler geblieben wären, welche unser dicker Mann aus seinem Schiffbruche in Vaals noch gerettet hatte? Hierauf dient zur Antwort, dass unser dicker Mann ein grosser Liebhaber von den Dingen war, welche das Modejournal mit dem eleganten Worte Nippes bezeichnet, und wovon es seinen Lesern und Leserinnen in den kleinen Städten (denn in den grossen Städten kennt man die Nippes, ehe das Modejournal davon redet) monatlich so freundschaftliche Anweisung erteilt, überflüssiges Geld dafür auszugeben. Wir haben kein neudeutsches Wort für diese französische Benennung, welches doch sehr nötig scheint, da die Sache zum grösseren Glanze vieler sonst ganz altväterischen deutschen