oben bemerkt haben, mit einem jungen Herrn von Reiteim, welcher der Sohn eines Ministers war, vertraute Bekanntschaft geknüpft. Da Anselm noch mehr aufgehen liess als dieser Edelmann, so hatten sie alle Kotterien und Lustbarkeiten gemein, denen Herr von Reiteim gar nicht abgeneigt war. Sie hatten manche Flasche Champagner ausgestochen, von demjenigen, der, gleich den weltberühmten Würsten, in Göttingen ein einheimisches Produkt ist. Aber die Verbindung beider Universitätsfreunde gründete sich nicht bloss auf sinnliche Dinge, sondern sie waren auch unzertrennlich verbunden durch die Liebe zur spekulativen Philosophie; daher sie fast täglich, wenn sie nicht etwa auszureiten hatten, ein paar Stunden über Substanzen und Accidenzen, über Gott, Welt und das Universum disputierten, wobei weder Wein noch Würste gespart wurden, deren empirische Konsumtion der Liebe zu transzendentalen Ideen, wie bekannt, gar nicht hinderlich ist.
Die Liebe des Herrn von Reiteim zu den spekulativen Wissenschaften entspann sich auf eine ganz sonderbare Art. Er mochte gern viel reden und mochte gern Recht haben, wie denn das letzte einem reichen Junker, der der Sohn seiner Mutter ist, so gebühret. So war es zuhause gehalten worden. Aber die Studenten waren nicht so billig als die Mama. So zog denn des Herrn von Reiteim Rechtaberei ihm einige Duelle zu; und er fand bald, dass Göttingischer Champagner, so schlecht er auch sein mochte, dennoch besser sei als Göttingische Duelle. Aller Streit, woraus diese erwachsen waren, gehörte zur Sinnenwelt; und so hielt er für geraten, um seine Haut zu schonen, sich mit seinem Disputieren in die hyperphysischen Regionen zu ziehen. Da fand er nun seinen Mann an unserm Anselm, der ebenso gern schnackte und ebenso gern disputierte. Ihr Disputieren war auch unerschöpflich; denn sie waren nicht einmal in Prinzipien einig. Herr von Reiteim, als ein vornehmer Junker, war von einem französischen Hofmeister erzogen worden, der ihn gelehrt hatte, es sei am besten, gar nichts zu glauben. Dieser französische Unglauben, mit den Anfangsgründen deutscher Philosophie amalgamiert, hatte bei ihm bald einen so kompletten Skeptizismus erzeugt, dass er nichts für unwidersprechlich hielt, als dass er der Herr von Reiteim sei, der einmal, nach seines Vaters und seines Oheims tod, jährlich über 30 000 Gulden würde zu verzehren haben. Unser Anselm hingegen war, wie sich der Leser erinnern wird, damals der matematischen oder demonstrativischen Metode ergeben, mit welcher er ganz ohne Mühe die Gewissheit aller Dinge noch gewisser machen konnte. Er liess denn wider seinen Gegner eine lange Reihe von undurchdringlichen Syllogismen und Soriten aufziehen, die aber durch des Herrn von Reiteim schnell erregte Zweifel auseinander gesprengt wurden, wie etwa eine Folardsche dichtgeschlossene Kolonne durch eine unvermutet spielende Kartätschenbatterie; so dass unser guter dicker Mann gemeiniglich genug zu tun hatte, seine auseinander geworfenen Heischesätze und Folgesätze wieder in einige Ordnung zu bringen. Vielleicht war es noch ein anderer, ganz geringfügig scheinender Umstand, welcher zu der grossen Sympatie zwischen den beiden Universitätsfreunden beitrug. Anselm war klein und rund; und Herr von Reiteim gleichfalls. Dicke Leute, die gross sind, finden allentalben Ansehn, denn sie können der Länge und Breite nach Fronte machen und sich Platz schaffen; aber kleine runde Leute leben gemeiniglich in ecclesia pressa und halten daher näher aneinander.
Indessen ist es wahr, dass ausser dem Masse ihrer Klugheit und Runde, noch mancher auffallende Unterschied zwischen beiden war. Beide hatten stattliche Bäuche. Anselms Bäuchlein war zierlich rund; aber Herr von Reiteim hatte schon in der Jugend eine Anlage zum Hängebauch. Anselm hatte eine feine weisse und rote Gesichtsfarbe und eine zierliche Nase, beinahe eine von den Klugheitsnasen, welche der Seelenarzt Lavater den Fürsten vorschreibt, zu Ministern zu wählen; dabei rote niedliche Kusslippen, zwischen denen nur die Mittellinie der Weisheit etwas zu merklich war. Herr von Reiteim hingegen war im gesicht etwas braun von seiner ländlichen Erziehung, etwas rot um die Augenknochen vom frühen Trinken, seine Nase war nicht so gut begabt, denn sie war breit, abgestutzt und knorplicht, eine von den Nashornnasen, wovon schon ein alter Dichter sagt: Et pueri nasum rhinocerontis habent! und dabei hatte er etwas aufgeworfene weisslichrote Lippen. Ein genauer Physiognomist würde an beiden noch mehrere Unterschiede, besonders an den Waden und Knöcheln der hände, bemerkt und darin unfehlbar des einen Neigung zum Bezweifeln und des andern zum Demonstrieren, vereint mit beider Neigung zum Schwatzen, deutlich erkannt haben.
Mit diesem alten Universitätsfreunde hatte Anselm von Zeit zu Zeit noch einige Korrespondenz unterhalten. Er hatte nicht unterlassen, dem Herrn von Reiteim seine Bekehrung zur kritischen Philosophie zu melden und beizufügen, dass er durch dieselbe den Skeptizismus nun viel sicherer als ehemals durch die matematische Metode besiegen könne. Er hatte auch von dem Herrn von Reiteim wenigstens einigen Dank erhalten, dass er ihn die kritische Philosophie habe kennen lehren, welche noch nicht bis ins dortige Ritterkanton gedrungen war, wozu er das Versprechen fügte, die Kantischen Schriften zu studieren. Da Anselm nun nicht zweifelte, Herr von Reiteim wäre durch dieselben völlig überzeugt worden und ihm deswegen Dank schuldig: so glaubte er, von demselben für einen so wichtigen Dienst auch wohl eine Gegengefälligkeit verlangen zu können. Er wusste, dass Herr von Reiteim an mehrern Höfen sich aufgehalten hatte und mit den angesehensten Familien im Reiche verwandt war; er schrieb deshalb an denselben, setzte ihm einigermassen seine Lage auseinander und bat ihn um seine Empfehlung an einen Minister. Philipp widerriet zwar diesen Schritt und war der Meinung, ein vornehmer und reicher Mann denke nicht