Innersten seines Herzens verehrt, der Ihr Gatte zu werden für sein grösstes Glück halten wird, wofern er durch seine Liebe das ihrige zu machen fähig ist« –
Die schöne Witwe schien durch diese feurige Anrede etwas ausser Fassung zu kommen, wie auch wohl begreiflich ist. Sie unterbrach ihn, bat ihn, sich zu setzen, und fuhr mit gedämpfter stimme fort: »Sie vermuten also meine Wahl« –
Er unterbrach sie durch einen Handkuss wider ihren Willen; sie schien die Hand zurückzuziehen, die er festielt. Sie fuhr fort: »Ich gestehe, Dankbarkeit« –
»O, sagen Sie nichts von Dankbarkeit! Welche Sorgfalt verdient nicht eine so treffliche Frau, wie Sie sind!«
Sie drückte sanft seine Hand und zog die ihrige zurück: »Ich will noch mehr sagen; ich will auch meine zärtliche innere Empfindung nicht ganz verbergen! Ich gestehe, ich bin Ihrem Freunde Philipp Dank schuldig. Er hat sich, seitdem er in meinem haus ist, der Geschäfte mit einem Eifer angenommen, der sie schon jetzt in grösseren Flor gebracht hat. Ich freue mich über den Zuwachs unsers Wohlstandes, nicht sowohl meinetwegen, denn ich bedürfte allenfalls wenig, sondern meiner Kinder wegen, deren künftiges Wohl ich dadurch fester gegründet sehe. Ich verhehle meine Dankbarkeit nicht; aber, werter Herr Doktor, ich will Ihnen auch gestehen, eine zärtlichere Neigung gegen Ihren Freund hat bei mir Wurzel gefasst. Seine redlichen Gesinnungen, sein edles Herz, sein bescheidener Fleiss lässt mich nicht nur hoffen, er könne meinem haus eine Stütze und meinen Kindern ein anderer Vater sein, sondern auch, dass ich an seiner Hand glücklich leben könne, wenn er gleiche Gesinnungen gegen mich fühlt, wie ich gegen ihn. Ich bekenne Ihnen, ungeliebt möchte ich nicht lieben, nicht einem mann deswegen meine Hand geben, weil er meinem Hauswesen nützlich ist, wofern mein Herz ihn nicht beglücken könnte. Ich wünschte, er wäre so gegen mich gesinnt, wie Sie vorher sagten; zuweilen aber, ich gesteh es, fürcht ich das Gegenteil. Was ich von Neigung gegen ihn habe merken lassen, scheint er nicht zu erwidern. Er ist beständig still und zurückhaltend. Ich bekenne Ihnen, dass ich deswegen in Verlegenheit war, mich mittags mit ihm allein zu finden; daher bat ich so oft Sie, werter Herr Doktor, mit uns zu essen, weil ich mich in Gesellschaft erleichterter fühlte. Ich wünschte so sehr, er möchte nach Tische an unsern Unterredungen teilnehmen. Die wenigen Male, da er es tat, freute ich mich, ihn zu sehen und zu hören. Aber Sie wissen, meist schlug er es ab. ist es blosse Bescheidenheit, oder ist sein Herz schon versagt? Dies ist es, was ich Sie bitten wollte, von Ihrem Freunde zu erforschen. Ich selbst habe das Herz nicht, ihn darum zu fragen. Sie sehen selbst ein, wenn eine glücklichere Frau schon auf ihn Anspruch hätte – es würde unbillig sein, mich alsdann nicht in mein Schicksal zu finden;,aber ich gestehe – von ihm selbst möchte ichs doch nicht hören. Erforschen Sie ihn also! Ich traue Ihrer feinen Empfindung und Ihrer Freundschaft gegen mich und gegen ihn alle Delikatesse zu, die dieser Auftrag erfordert.« –
Die schöne Witwe hatte vollkommen Zeit gehabt auszureden; denn unser dicker Mann sass da, als war er versteinert. Einige Minuten vergingen, ehe er stammelnd einige Worte finden konnte. Er fasste sich aber; versprach, den Antrag zu übernehmen, und – richtete ihn wirklich, und glücklich, aus. Philipp hatte die vortrefflichen Eigenschaften einer so schönen Frau nicht ohne Empfindung in der Nähe gesehen. Ihre zuvorkommende Freundlichkeit gegen ihn hatte auch sein Herz gewonnen; aber sein bescheidenes Misstrauen in sich selbst machte, dass er sich nicht herausnahm, sein Glück für wirklich zu halten. Die von Anselm erhaltene Nachricht setzte ihn ausser sich, und nun ward er beredt, um seiner Geliebten die lange geheim gehaltenen Gesinnungen seines Herzens zu gestehen. In wenig Wochen ward ihre Verbindung vollzogen.
Anselm gönnte seinem Freunde Philipp sein Glück von Herzen; aber er konnte doch schwer ertragen, selbst zu sehen, dass ein anderer die Frau, die er geliebt hatte, besitzen sollte. Er fasste schnell den Entschluss, seinen Aufentalt zu verändern. Es war vergeblich, dass Philipp und dessen Frau, mit denen er ferner auf die freundschaftlichste Art umging, ihm diesen Entschluss sehr widerrieten. Sie stellten ihm vor, seine Lage in Elberfeld sei günstig, indem sich seine Praxis täglich vermehre; und es werde ihm schwer werden, sich an einem andern Orte sobald auf einen ebenso guten Fuss zu setzen. Sie errieten seine geheimen Ursachen nur halb. Freilich war seine Eitelkeit durch die Wendung, welche die Neigung der schönen Witwe genommen hatte, gekränkt. Aber der Leser wird auch schon ehemals bemerkt haben, dass unser dicker Mann sich selbst und seine Bequemlichkeit liebte, dass er an anhaltender Arbeit keinen Gefallen fand, und dass es ihm bald beschwerlich ward zu arbeiten, wenn er nicht gerade Lust dazu hatte. Es war ihm daher schon längst seine medizinische Praxis, sowie sie sich zu vermehren anfing, allzu ungemächlich geworden. Wenn er an einem Abende bei heiterm geist entweder über die Kategorie der Kausalität und über die wahre natur der analytischen Begriffe nachgedacht über die blauen schmachtenden Augen der schönen Witwe ein Sonett gemacht hatte und eben im angenehmen Genusse seiner obern und untern Kräfte eingeschlafen war: war es