ihn dazu fast nicht so sehr, als ein grossmütiger Gedanke, der sich, nachdem er ihn einmal gedacht hatte, seiner Seele ganz bemächtigte. Wenn er Mann dieser reichen jungen Witwe und Eigentümer der grossen Manufaktur ward, sah er sich in den Stand gesetzt, seinen guten treuen Philipp nach Verdienste zu belohnen. Er rechnete schon aus, wie er ihm das reichlichste Auskommen geben und ihn über alle Sorgen wegen seines Alters wegsetzen wollte. Er hoffte gewiss, seine künftige Frau würde aus zärtlicher Liebe zu ihm billigen, was er zu Philipps Bestem tun wollte, der doch auch um ihr Haus Verdienste hatte. Dieser Gedanke bewegte sein gutes Herz dergestalt und die vortrefflichen Eigenschaften der jungen Witwe wirkten auch in ihrer Art auf ihn so mächtig, dass er sich entschloss, ihre Hand anzunehmen. Dieser Entschluss machte natürlich, dass er ihren Umgang noch eifriger suchte und von demselben immer mehr bezaubert ward. Die Unterredungen nach Tische wurden immer häufiger, länger und angenehmer, obgleich zuweilen durch die, sonderlich von Seiten der jungen Frau, zunehmende Verlegenheit unterbrochen, welches niemand wundern wird, der die Lage einer sittsamen jungen Witwe bedenkt, wenn sie bei sich selbst merkt, es beginne eine für sie höchst wichtige Veränderung sich zur endlichen Entscheidung zu neigen.
Einst war unser schöner dicker Mann bereits den Tag vorher wieder bei ihr zu Mittage gebeten. Er nahm sich nun vor, die gelegenheit zu ergreifen, ihr seine Empfindungen und Wünsche zu gestehen; und seine Art, sich zu kleiden, richtete sich nach seinem geheimen Vorsatze. Er hatte seinen besten Frack angezogen, sein feinstes Hemd angelegt und über seine Frisur, die vor Tische erneuert werden musste, gab er dem Frisör mehrmal Unterricht, ehe sie nach seinem Sinne war. Die junge Witwe war gekleidet wie gewöhnlich, empfing ihn aber fast mit einer lebhaftem Freundlichkeit und sagte, als er kam, mit einem herzlichen Händedruck, sie freue sich, ihn zu sehen.
Ungeachtet dieser auffallenden Freundlichkeit, und obgleich Anselm diesen Augenblick mit Ungeduld erwartet hatte, war er doch über die Art, sein Geständnis einzuleiten, in einiger Verlegenheit. Sie schien auch, etwas auf dem Herzen zu haben. Die Mahlzeit ward beiden sichtlich zur Last; und obgleich manche Blicke gewechselt wurden, stockte doch die Unterredung unwillkürlicher Weise bei jedem Bissen. Nach dem Ende der Mahlzeit ward Philipp nicht, wie sonst gewöhnlich geschah, genötigt zu bleiben. Er zog sich bescheiden nach der Schreibstube zurück und liess zwei Leuten, welche grosse Lust hatten, sich etwas zu entdecken, freien Raum. Gleichwohl schwiegen beide über eine Viertelstunde, und wann sie redeten, waren es abgebrochene Worte oder ganz kurze gespräche über gleichgültige Gegenstände. Anselm, welcher vor Tische die Rede, womit er seine Empfindungen entdecken wollte, so fein überdacht hatte, war jetzt verlegen, den Anfang zu finden, welcher auch, wie Verliebte aus Erfahrung versichern, bei solchen Gelegenheiten sehr oft das Schwerste sein soll. Endlich schien die schöne Witwe selbst einen Anfang machen zu wollen, der so viel versprach, dass Anselm, da ohnedies sein Herz gedrängt voll von Empfindungen war, desto eher glaubte, schweigen und sie den ersten Schritt tun lassen zu können.
Sie fing an: »Ich habe gegen Sie von Anfang an die grösste Hochachtung gehabt, Herr Doktor, und diese Hochachtung hat bei näherer Bekanntschaft mit Rechte zugenommen. Ich wage es daher, Ihnen über eine Sache mein Herz zu öffnen, die mir äusserst wichtig ist.«
Anselm seufzte tief und küsste ihr die Hand.
Sie fuhr fort: »Ich sage, die Sache ist mir äusserst wichtig; denn es könnte das ganze Glück meines Lebens davon abhängen. Ich kenne Sie als einen sehr wackern Mann, als einen Mann von guter Gesinnung. Ich darf es sagen, von den feinen Empfindungen, die ich glaube bei Ihnen bemerkt zu haben, erwarte ich die Entscheidung, ob ich wohl zu viel wage und ob mein Wunsch« – sie errötete und schlug die Augen nieder – »erfüllt werden kann.«
Diese Anrede der schönen Witwe nahm einen zu guten gang, als dass Anselm ihn hätte unterbrechen sollen, zumal da nun mehr sein gerührtes Herz noch enger gepresst war. Ein vierfacher Kuss, den er auf ihre schöne Hand drückte, machte ihm doch soviel Luft, dass er stammelnd die Versicherung herausbringen konnte: Er schätze sie über alles in der Welt und wolle das Äusserste tun, um ihr zu gefallen.
Sie fuhr fort: »Sie wissen, dass ich meinen seligen Mann verloren habe – Aber ach! Sie wissen nicht, was ich in ihm verlor; denn Sie kannten ihn nicht« – Tränen tröpfelten über ihre schönen Wangen – »Sie haben ein zu gutes Herz, dass Sie nicht mit mir fühlen sollten, was ich meinen drei Kindern schuldig bin – zu ihrer Versorgung, zu ihrer Erziehung.« – Sie schlug die Augen nieder – »Ich tue einen Schritt, den sonst eine Frau nicht zu tun pflegt; ich hoffe aber, Sie denken zu edel, um mich misszuverstehen.«
»Nein«, rief Anselm, indem er zu ihren Füssen stürzte und ihre hände mit Küssen überdeckte – »Nein! teure, edle Frau, das kann ich nicht, das werde ich nicht! – Es ist Edelmut und verehrungswerte Liebe, die aus Ihnen spricht! Ich verehre Sie! Sie bedürfen für Ihre unerzogenen Kinder einen neuen Vater. Sie haben ihn gefunden! Es ist ein Mann, der Sie im