Schritte bis zur Kirche zu gehen. Zu leugnen war es nicht, dass er anjetzt von den grossen Reliquien der Reichsstadt Aachen, dem Rocke der Jungfrau Maria und den Windeln des Christkindes, nicht mehr wie ehedem nur zwanzig Schritte entfernt wohnte. Auch ist ausgemacht, wenn er die Fronleichnamsprozession und in derselben den kolossalischen vermummten Mann, welcher zur Erbauung der rechtgläubigen Bürger und Bürgerinnen Aachens Karl den Grossen als einen Heiligen vorstellt, ferner anzusehen gemeint gewesen wäre, so hätte er eine Stunde Weges darnach gehen müssen. Aber Meister Anton war ein so verstockter Protestant, dass er auf alle diese Dinge eben so wenig zu achten schien, als die Reichsstadt Aachen darauf, dass in ihr eine Familie weniger wohnte und auf vier Stühlen weniger gewebt ward.
Meister Anton hatte einen Bruder, namens Georg, der von Jugend auf Trieb hatte, fremde Länder zu sehen. Dieser arbeitete daher eine Zeitlang als Geselle in Holland, wo er mit den Herrnhutern in Zeist bekannt und ihrer Gemeinde einverleibt wurde. Die Ältesten sendeten ihn mit einer Empfehlung an die Brüder nach London. Daselbst arbeitete er bei verschiedenen ansehnlichen Tuchmachern in Soutwark und lernte manche in seiner Vaterstadt unbekannten Vorteile. Es ging alles gut, bis dass die Ältesten das damals noch geltende Los des Heilands über ihn warfen. Dasselbe wies ihm eine Gattin an, welche, vermutlich nur zufälligerweise, nach dem Sinne der Ältesten, aber gar nicht nach dem Sinne Georgs war. Er bezeigte sich mit dem Los des Heilandes unzufrieden und fiel in die Gemeindezucht. Allein, er hatte so viel eigenen Willen, dass er sich dem Heilande und den durch ihn losenden Ältesten nicht ganz ergeben wollte, verliess daher die Gemeinde und zugleich England. Er kam nach Vaals, kurz nachdem sein Bruder sich daselbst gesetzt hatte. Er wäre sonst wohl nach seiner Vaterstadt Aachen gezogen. Denn das Los in London hatte ihm alle Lust zum Heiraten benommen; daher war er als ein einzelner Mann gar nicht willens, seine Manufaktur über vier Stühle zu treiben. Aber nun blieb er lieber, wo seine Kirche und sein Bruder war, wurde in Vaals Meister; und so hatte Aachen noch einen Einwohner weniger.
Es fügte sich, dass Meister Georgs Zurückkunft seinem Bruder auf mannigfaltige Art nützlich ward. Ausser dem stillen Vergnügen brüderlicher Gesellschaft, welches das häusliche Glück dieser kleinen Familie vermehrte, gereichten Meister Georgs Kenntnisse von der engländischen Art zu weben und von der Verbesserung des feinen Gespinstes, welche er seinem Bruder ohne Vorbehalt mitteilte, der Manufaktur des letzteren zu nicht geringem Vorteile. Meister Georg besass ebenfalls den anhaltenden Fleiss und die Genügsamkeit seines Bruders, nebst der den Herrnhutern gewöhnlichen heitern Frömmigkeit und Gleichmütigkeit, ihre Gemeindezucht abgerechnet, die freilich, so wie alle Kirchendisziplinen, mehr der Gemeinde als den einzelnen Gliedern nutzt. Er besass noch dazu die Weltkenntnis, welche durch Reisen erworben wird, und die Menschenkenntnis, die derjenige nach und nach erlangen muss, welcher jahrelang unter den Herrnhutern gewesen ist und sowohl die Ältesten und die Vorsteher als die Glieder dieser Gemeinde in der Stille beobachtet hat. Dies mögen wohl nicht alle Brüder tun können oder tun wollen. Auch soll ein alter Herrnhuter gesagt haben, wer auf solche Weise beobachte, werde mit der Zeit entweder ein Ältester werden oder die Gemeinde verlassen.
Diese Welt- und Menschenkenntnis Meister Georgs gereichte nach und nach der ganzen Familie zum Nutzen. Meister Anton war fleissiger im arbeiten als im Sprechen. Wenn er daher mit seiner Sabine abends oder sonntags zusammensass, dies oder jenes zu überlegen, so redete sie mehrenteils allein. War aber Meister Georg dabei, so redete er gewöhnlich, und Frau Sabine antwortete zuweilen. Meister Georg war das Orakel der Familie: manchmal redete er auch, wie sonst die Orakel, ganz allein, gewöhnlich aber doch deutlicher und nützlicher als diese.
Meister Antons Manufaktur bekam nach einiger Zeit durch einen Zufall eine grosse Verbesserung und der Wohlstand seines Hauses dadurch noch einen grösseren Zuwachs. Als er in Aachen wohnte, war sein nächster Nachbar ein Doktor der Arzneigelahrteit, der aber nicht praktizierte, sondern, wie es schien, von seinen Einkünften ganz stille lebte. Wir sagen, wie es schien; denn wirklich zehrte er nicht nur seine Einkünfte, sondern auch sein Kapital auf, und seine anscheinende stille Ruhe war eigentlich unordentliche Tätigkeit. Denn Doktor Anselm Ettmann war unablässig bemühet, den gebenedeiten Stein der Weisen zu finden, und suchte in Tiegeln und Kohlen so lange nach Gold, bis er weder Silber noch Kupfer besass, um Tiegel und Kohlen zu kaufen. Doktor Ettmann besass in der Tat soviel chemische Kenntnisse, dass aller dunkler Unsinn alchemistischer Schriften seinen Beobachtungsgeist nicht ganz hatten ersticken können. Dabei war er, seine Torheit ausgenommen, der beste Mann, weshalb auch Meister Anton, der von dieser Torheit kaum etwas wusste, beständig gute Nachbarschaft mit ihm gehalten hatte. Er kam endlich immer mehr herunter. Zum Kummer über seine fehlgeschlagenen Hoffnungen und zum Mangel an allem Nötigen kam noch eine tödliche Krankheit. Meister Anton, der, um Wohltaten zu erzeigen, nicht wartete, bis sie gefordert wurden, unterstützte seinen gewesenen Nachbar, als er bei seiner oftmaligen Anwesenheit in Aachen dessen betrübten Zustand vernahm, sogleich mit Arzneimitteln und Pflege, die sein Leben retteten; und da kurz darauf von den Gläubigern des Doktors dessen wohnung ganz ausgeräumt und die sämtlichen Habe verkauft ward, nahm ihn Meister Anton in sein eigenes Haus zu Vaals auf. Doktor Ettmann war der Tätigkeit gewohnt, er wendete daher seine chemischen Kenntnisse zum Besten seines Wohltäters an