besitzen, eine gleichmütige Freundlichkeit und gesellige Unterhaltung, durch die jedem in ihrer Gesellschaft wohl war. Auch unserm Doktor Anselm fing an, in der Gesellschaft der jungen Witwe sehr wohl zu werden. Zwar hatte Elberfeld und Gemarke der schönen Mädchen nicht wenige, Anselm sah auch fleissig danach, aber die meisten hatten, vielleicht durch das fleissige Lesen düsterer asketischer Schriften, ein etwas ängstliches und blasses Ansehn bekommen und zogen daher sein Herz nicht so sehr an sich. Auch weil man in Elberfeld ziemlich eingezogen lebt, fand er da nicht so viel gelegenheit, mit jungen Mädchen zu dahlen, als er sich vorgestellt hatte. Die Witwe hatte eine ungezwungene Freundlichkeit; und unser dicker Mann entdeckte noch, nachdem ihre Gesundheit merklich zugenommen hatte und er merklich bekannter mit ihr geworden war, ein munteres Wesen an ihr, wodurch sie in einem kleinen Zirkel die Gesellschaft sehr angenehm unterhielt. Doktor Anselm nahm sich der wiedererlangten Gesundheit der jungen Witwe zu einer Zeit, da sie und ihr Kind einen Arzt nicht mehr so notwendig zu bedürfen schienen als vorher, immer noch mit verdoppeltem Eifer an. Seine Besuche wurden vervielfältigt und wurden oft länger ausgedehnt. Von den medizinischen fragen und Antworten ging man auf andere gespräche über. Die junge Witwe schien nun auch an Anselms Gesellschaft Gefallen zu finden. Er ward als Hausarzt mehrmal bei ihr zum Mittagessen gebeten. Die Unterhaltung bei Tische war zuweilen ernstaft, zuweilen munter, immer angenehm. Philipp, dessen gesunder Verstand und heller Kopf sich, je mehr er sich den Geschäften widmete, immer mehr entwickelte, nahm zuweilen auch daran Anteil; und obgleich von natur etwas blöde, liess er doch nicht nur Zeichen von durchdringendem geist, sondern auch nach und nach von geselligen Eigenschaften merken. Diese Unterredungen setzten diese kleine Gesellschaft in so frohe Laune, dass sie mehrenteils noch nach Tische ein paar Stunden fortgesetzt wurden. Philipp ward von seiner Prinzipalin allemal freundlich eingeladen, dabei zu bleiben. Aber er entfernte sich fast immer mit ehrerbietiger Bescheidenheit und begab sich bald nach der Mahlzeit auf die Schreibstube. Dann blieb Anselm mit der jungen Witwe allein und unterliess nicht, sein ganzes Talent zur fröhlichen Unterhaltung glänzen zu lassen. Die junge Frau ward auch von seiner frohen Laune aufgemuntert um so mehr, da sie gewöhnlich nach Tische mit ihrem jüngsten kind auf dem Schosse spielte, in welchem nun durch Anselms Rat und Arzeneien neues Leben sichtbar aufblühte. So wurden diese wenigen Stunden zum frohesten unschuldigen Lebensgenusse, den Anselm noch nie in solcher Reinigkeit gekostet hatte; und er war sehr froh, da sie anfingen, fast täglich wiederzukommen, indem die freundschaftlichen Einladungen, wenn er seine Morgenbesuche abstattete, immer mehr vervielfältigt wurden.
Indes schienen diese Unterhaltungen, nachdem sie nur wenige Wochen gedauert hatten, nicht völlig so animiert zu bleiben als sonst. Die Unterredung stockte öfter, die junge Witwe schien verlegen und nachsinnend zu werden, und unvermerkt ward es Anselm auch. Der beständige Umgang mit einer liebenswürdigen Frau musste notwendig auf sein gegen weibliche Schönheit so empfindliches Herz wirken; aber die Annehmlichkeiten ihres Geistes, ihre naive Herzlichkeit, die mütterliche Zärtlichkeit, die in ihren Augen schwamm, wenn sie oft im heitersten Laufe der Unterredung ihr Kind, in dessen Antlitz sich täglich mehr Gesundheit und in dessen Gliedern mehr Kraft zeigte, an ihren Busen drückte, wirkte, da Anselm weiser geworden und über den wahren Wert des Weibes, durch Nachdenken und Erfahrung, sich näher belehrt hatte, bei ihm noch weit mehr zum Vorteile der jungen Frau.
Er merkte nun, dass sich bei ihm anfing, der Flattergeist zu verlieren, vermöge dessen er geglaubt hatte, einzeln, frei und ungebunden glücklich leben zu können; er fing an, es für möglich zu halten, diese liebenswürdige Frau könnte die künftige Gefährtin seines Lebens werden; und dadurch kamen ihre schätzbaren Eigenschaften, so wie ihre Anmut, seinem Herzen noch näher. Zwar wollte er nicht wieder allzuschnell zufahren, sondern fand, dass Verschiedenes dabei zu überlegen sei, worüber er mit sich selbst erst nicht recht einig werden konnte. Daher kam auch die Verlegenheit, in die er selbst geriet, nachdem die ihrige sichtbar ward, und er also als ein Kenner wohl merkte, dass in ihrem Herzen etwas Geheimes vorging.
Anselm fand nämlich bei einigem Nachdenken, eigentlich wäre es für einen so jungen und schönen Mann als er nicht ganz schicklich, nur eine Witwe zu nehmen, und die fast eben so alt war wie er. Das Glück seines ungebundnen und unabhängigen einzelnen Lebens fing er freilich an aufzugeben: denn er merkte, dass er zu haus allein lange Weile hatte; und wenn er, um diese zu vertreiben, in allerlei gemischte Gesellschaften ging, so fand er diese auch in kurzem nicht mehr interessant; er zerstreute sich zwar darin, vergnügte sich aber gar nicht. Auch hatte er eine feine denkart in Ansehung des Eigennutzes; daher ging es ihm schwer zu Sinne, dass er ein reiches Frauenzimmer heiraten solle. Nun betrachtete er aber dagegen ihre Anmut, ihre Freundlichkeit, ihre feinen Empfindungen, ihre mütterliche Zärtlichkeit, woraus sich auf die Zärtlichkeit schliessen liess, mit der sie ihren Mann lieben würde, und dann auch ihre, wie er immer mehr merkte, sichtlich zunehmende Neigung zu ihm, welche nicht zu erwidern, beinahe allzuhart gewesen sein würde. So grausam konnte unser gutmütiger dicker Mann nicht sein, und er beschloss also, dieser Heirat nicht ganz aus dem Wege zu gehen.
Sein eigenes häusliches Glück, das er ganz lebhaft vor sich sah, bewog