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durch diese törichten Träume endlich sein ganzes Glück war umgestürzt worden. Um sich selbst nicht zu sehr zu betrüben, wo Betrübnis weiter nichts mehr helfen konnte, betrachtete er diese Torheiten von der komischen Seite und besonders Anselms beide letzten Heiratsversuche. Er wog bei sich ab, was wohl schlimmer wäre: seine Braut verlieren und dafür Schmerzen unter dem heiligen Beine bekommen, oder seine Braut erhalten, aber einen Hausfreund dazu?

Die Überlegung aller jugendlichen Torheiten Anselms bestätigte den bescheidenen Philipp in dem schon längst gefassten Entschlüsse: Er wolle keine Aussichten zu seinem künftigen Fortkommen durch seine Einbildungskraft gehen lassen, wolle weder Ansprüche machen, noch Pläne ersinnen. Er beschloss, wie bisher in seinem stand mit Fleiss und Treue und Bescheidenheit seine Pflicht zu tun und von der Vorsehung den Anteil vor häuslichem und bürgerlichem Glück ruhig zu erwarten, den sie keinem ganz versagt, als dem, welcher sich desselben durch Müssiggang, Unordnung und Verschwendung unwürdig macht.

So dachte jeder vor sich; so erheiterte sich jeder, seinem Charakter gemäss: der eine durch Träume der Einbildungskraft, der andere durch vernünftige Betrachtungen. Auf diese Art kamen sie unvermerkt in das schöne Wippertal und fuhren ganz vergnügt in Elberfeld ein.

Neunzehnter Abschnitt

Neuer Plan Doktor Anselms und dessen Folgen

Anselm setzte sich nun in Elberfeld; und da eben der vorzüglichste Arzt daselbst, ein alter Mann, starb, so war gleich im ersten halben Jahre seine Praxis so stark, als er es beim Anfange nur verlangen konnte. Dieser Ort, der vor fünfzig oder sechzig Jahren kaum auf der Landkarte zu finden war, und wo nur einige wenige Landbauern auf den Wiesen an der Wipper Herden von Ochsen fett machten, entält jetzt über 16 000 Menschen; und nachdem das Rindvieh der Industrie der Menschen hat Platz machen müssen, werden die Wiesen zu meilenlangen Garnbleichen gebraucht. Elberfeld war damals schon in vollem Wohlstande. Die Fabrikunternehmer, ihre Komtoroffizianten und die vornehmsten Arbeiter assen und tranken viel besser als ehemals und waren also medizinischer Hilfe täglich mehr benötigt. Dazu kam, dass die Allgemeine Deutsche Bibliotek und mit ihr viele Schriften voll beklagungswürdiger Neuerungen bis dahin gedrungen waren. Seitdem nahmen die geistlichen Blähungen, welche in und um Elberfeld aus dem beständigen Lesen der Erbauungsbücher des Herrn Paulus Kind, Herrn Christian von Bogatzky und ähnlicher Schriftsteller vielfältig entstanden waren und die besonders bei Garnwebern, Schnurmachern und Spitzenwirkern so häufig in gesicht und Prophezeihungen ausschlugen, öfter einen andern Weg. Man hatte angefangen, sie mit Schwefelblumen und Spiessglasschwefel zu behandeln. Nicht ohne Erfolg, indem der geistlichen Beängstigungen im ganzen Barmertale viel weniger wurden. Alles dieses gab die besten Aussichten für einen neuen Arzt, der ausserdem durch sein rundes wohlbehaltenes Ansehen schon die idee eigner Gesundheit erregte und die Kranken mit Hoffnung erfreute.

Das Handlungshaus, für welches Philipp verschrieben war, gehörte, wie schon gesagt, einer jungen Witwe. Er fand die Manufaktur in der besten Ordnung, nur dass durch die Krankheit des Besitzers, die über Jahr und Tag gedauert hatte, hin und wieder manches war vernachlässigt worden. Philipp brachte nicht nur alles in kurzem wieder völlig in Ordnung, sondern, nachdem er sich mit der tätigsten Sorgfalt von der Garnmanufaktur und deren Verschiedenheit von der Wollenweberei gründlich unterrichtet hatte: so setzte er Verschiedenes noch in bessern Stand. Besonders gab er sich die grösste Mühe, von den sinnreichen Maschinen und Mühlen zum Behufe des Garns, der Spitzen und Bänder, welche in der damaligen Zeit in der dortigen Gegend anfingen bekannt zu werden, Kenntnisse zu erlangen und legte einige derselben in der Manufaktur seiner Prinzipalin an, wodurch dieselbe binnen kurzem in den grössten Flor kam. Jedermann, der ihn kannte, ehrte ihn wegen seines unermüdeten Fleisses; und seine Prinzipalin, eine sehr gutmütige und redliche Frau, erkannte die Dienste, die er ihrem haus leistete, und vermehrte nicht nur sein Gehalt, sondern liess ihm auch alle nur möglichen Gewogenheiten und Unterscheidungen widerfahren. Philipp aber, immer so bescheiden als fleissig, war zufrieden, seine Pflicht getan zu haben, und glaubte nicht einmal, dass die Erfüllung derselben etwas Ausserordentliches wäre.

Die junge Frau, deren Hauswesen emporzubringen Philipp mit so gutem Erfolg arbeitete, war in mancher Absicht zu beklagen. Sie war wenige Monate vor dem tod ihres Mannes mit einem sehr schwächlichen kind niedergekommen, und sie selbst hatte durch die lange Krankheit ihres Gatten, durch ihre Nachtwachen bei ihm und durch seinen nachherigen Tod so viel gelitten, dass sie anfänglich sehr hinfällig aussah und man fast eine Abzehrung befürchtete. Doktor Anselm setzte seine Freundschaft mit Philipp gleich vom Anfange an ununterbrochen fort. So sah ihn die junge Witwe öfter in ihrem haus, und da die Verordnungen ihres bisherigen Arztes weder ihr noch ihrem kind Besserung zuwege brachten: so entschloss sie sich, wie viele andere, den neuen Arzt zu gebrauchen, welcher durch verschiedene glückliche Kuren schon anfing, dort einen ziemlichen Ruf zu bekommen. Waren es Doktor Anselms Arzneien, war es sein freundliches Gesicht, war es seine besondere Sorgfalt für Mutter und Kind, war es deren gute natur oder alles dieses zusammen, genug, beide wurden sichtlich besser, zu des Arztes innigem Vergnügen und zu seinem nicht geringen Ruhme in Elberfeld und in der Gegend.

Besonders die junge Witwe nahm an Gesundheit sehr zu, und mit derselben entwickelte sich auch wieder ihre blühende jugendliche Farbe. Sie war, was man eine häusliche Schönheit nennen möchte; sie hatte schöne blonde Haare, eine sehr weisse Haut, vollkommen schöne Zähne, blaue sittsame Augen und dabei, ohne eben glänzende Eigenschaften zu